„Hoffnung weitergeben – Weihnachten als gelebte Solidarität“
Die Redaktion der Armenische Gemeinde Baden-Württemberg (AGBW) spricht mit Pfr. Dr. Diradur Sardaryan, Gemeindepfarrer der Armenischen Gemeinde Baden-Württemberg und Koordinator des diözesanweiten Hilfsprojekts „Aktion Weihnachtsfreude“ der Diözese der Armenischen Kirche in Deutschland. Im Interview erläutert er die aktuelle soziale Lage in Armenien, schildert persönliche Eindrücke aus jahrelanger Hilfsarbeit vor Ort und erklärt, wie aus einer lokalen Initiative ein diözesanweites Solidaritätsprojekt wurde.
AGBW: Herr Pfarrer, wie stellt sich die soziale Lage in Armenien derzeit dar?
Pfr. Diradur:
In Armenien hat sich in den vergangenen Jahren vieles verändert, manches zum Guten, manches auch nicht. Trotz positiver wirtschaftlicher Kennzahlen bleiben die strukturellen Herausforderungen erheblich. Rund ein Viertel der Bevölkerung lebt weiterhin in Armut, insbesondere in ländlichen Regionen wie Vayots Dzor, wo harte Winter, mangelhafte Infrastruktur und eingeschränkter Zugang zu sozialen Diensten den Alltag prägen. Hinzu kommen über 100.000 Vertriebene aus Arzach, die dringend Unterstützung benötigen: Zugang zu Wohnraum, psychosozialer Begleitung und grundlegender Versorgung.
AGBW: Welche Bevölkerungsgruppen sind besonders betroffen?
Pfr. Diradur:
Besonders betroffen sind Kinder, ältere Menschen sowie Menschen mit Behinderungen. Zwar ist die Kinderarmut statistisch auf etwa 28 Prozent zurückgegangen, doch viele Familien leben weiterhin in Verhältnissen, in denen Schulmaterial, angemessene Ernährung oder medizinische Versorgung nicht selbstverständlich sind. Internationale Organisationen berichten von Fortschritten im Sozialwesen. Gleichzeitig bestehen regionale Ungleichheiten und soziale Stigmatisierung fort.
AGBW: Sie engagieren sich seit vielen Jahren persönlich in Armenien. Was erleben Sie vor Ort?
Pfr. Diradur:
Seit 2011 besuche ich regelmäßig, durch den Segen unseres Bischofs Serovpé Isakhanyan und mit Unterstützung von Landsleuten sowie von Freundinnen und Freunden aus Deutschland, die ärmsten Bevölkerungsgruppen in Armenien. Ich begegne Menschen, die trotz großer Anstrengungen kaum über die Runden kommen. Es handelt sich nicht um fehlenden Arbeitswillen, sondern um strukturelle Armut. Für alleinstehende Senioren oder Familien mit pflegebedürftigen Angehörigen fehlen oft realistische Erwerbsmöglichkeiten. Die staatliche Unterstützung deckt in der Regel nur die Grundkosten wie Strom, Heizung und Nebenkosten ab. Für gesunde Ernährung, Medikamente oder ein menschenwürdiges Leben reicht sie nicht aus.
AGBW: Wie ist das Projekt „Aktion Weihnachtsfreude“ entstanden?
Pfr. Diradur:
Die Initiative ist innerhalb der Armenischen Gemeinde Baden-Württemberg entstanden, aus konkreten Begegnungen und aus der Frage heraus, was wir als Kirche praktisch tun können. Mit dem Segen unseres Bischofs Serovpé Isakhanyan wurde das Projekt anschließend auf diözesaner Ebene ausgeweitet. Heute wird die „Aktion Weihnachtsfreude“ in allen 16 Gemeinden unserer Diözese getragen. Das ist für mich ein starkes Zeichen kirchlicher Einheit und gemeinsamer Verantwortung.
AGBW: Warum spielt Weihnachten in diesem Zusammenhang eine besondere Rolle?
Pfr. Diradur:
Weihnachten ist das Fest der Menschwerdung Gottes. Es erinnert daran, dass niemand vergessen ist, gerade nicht diejenigen am Rand der Gesellschaft. Diese Botschaft wollen wir nicht nur verkünden, sondern konkret leben: durch Hilfe, durch persönliche Begegnung und durch gemeinsames Gebet.
AGBW: Wie sieht die konkrete Unterstützung aus?
Pfr. Diradur:
Das Wichtigste im Projekt ist die Begegnung mit den Menschen. Wir möchten sie ernstnehmen, sie hören, mit ihnen beten und die frohe Botschaft der Geburt Christi bringen. Dazu kommt auch das Hilfspaket. Mit 70 Euro kann ein Hilfspaket finanziert werden, das Lebensmittel, Hygieneartikel und geistliche Literatur umfasst. Diese Pakete werden direkt an besonders bedürftige Menschen verteilt: an geflüchtete Familien, arme Haushalte, alleinstehende ältere Menschen und Personen mit Behinderungen. Die Hilfe kommt ohne Umwege an.
AGBW: Werden Sie selbst an der Verteilung beteiligt sein?
Pfr. Diradur:
Ja. Ab dem 8. Januar 2026 werde ich nach Armenien reisen. Die persönliche Übergabe ist uns wichtig, weil sie Würde vermittelt und Vertrauen schafft. Es geht nicht nur um materielle Unterstützung, sondern auch um menschliche Nähe und Hoffnung.
AGBW: Ihr abschließendes Wort an unsere Leserinnen und Leser?
Pfr. Diradur:
Jede Beteiligung macht einen Unterschied. Solidarität beginnt im Kleinen, entfaltet aber große Wirkung. Weihnachten kann so zu einem sichtbaren Zeichen gemeinsamer Verantwortung werden. Beteiligen Sie sich nach Ihren Möglichkeiten an der Aktion, und möge Gott Ihnen jede gute Tat vergelten.

