Kinder in der Scheidung. Teil 2.
Komplexe Dynamiken in Trennungsfamilien
Ein Beitrag zur Großen Fastenzeit 2025 – Teil 2
von Pfr. Dr. Diradur Sardaryan
Gemeindepfarrer
In unserem ersten Beitrag haben wir einen spezifischen Aspekt elterlicher Entfremdung betrachtet – jene Situation, in der ein Kind nach der Trennung eine negative Beziehung zum Vater entwickelt, beeinflusst durch unbewusste oder bewusste Verhaltensweisen der Mutter. Doch die Realität ist vielschichtiger und verlangt nach einer differenzierteren Betrachtung. In diesem zweiten Teil wenden wir uns weiteren wichtigen Facetten dieses komplexen Themas zu in voller Bewusstsein, dass wir nicht alles in unseren Beiträgen erörtern und aussprechen können. Ziel unserer Beiträge bleibt in der Großen Fastenzeit, soweit es möglich ist, Wege der Versöhnung zu finden, die besonders die Kinder in Schutz nehmen.
Vielfältige Muster der Entfremdung:
Beide Elternteile können betroffen sein
Die Forschung zeigt: Elterliche Entfremdung ist kein geschlechtsspezifisches Phänomen. Eine Studie, veröffentlicht in der Fachzeitschrift Springer unter dem Titel „Gender Differences in the Use of Parental Alienating Behaviors“, belegt, dass sowohl Mütter als auch Väter entfremdende Verhaltensweisen zeigen können, wenn auch manchmal mit unterschiedlichen Strategien.
Betrachten wir eine andere typische Situation:
Ein Kind im frühen Teenageralter besucht nur noch sporadisch den Sonntagsgottesdienst mit dem Elternteil, bei dem es seit der Trennung lebt. Es erzählt dem Pfarrer, dass es den anderen Elternteil kaum noch sieht: „Es heißt immer, dieser Elternteil kümmere sich mehr um die Karriere als um mich. Wann immer ich den anderen Elternteil treffen will, wird etwas Besonderes geplant, das ich nicht verpassen möchte. Und wenn ich dann doch hingehe, gibt es hinterher viele Fragen, was wir gemacht haben und ob wieder gearbeitet wurde.“
Bei der Entfremdung finden sich häufig folgende Strategien:
- Terminüberschneidungen mit attraktiven Alternativangeboten
- Übermäßige Nachfragen und Kontrolle nach Besuchen beim anderen Elternteil
- Untergrabung der elterlichen Autorität („Bei mir darfst du länger aufbleiben“)
- Subtile Abwertung der Prioritäten oder Lebensentscheidungen des anderen Elternteils
Die Auswirkungen auf Kinder in der Pubertät können tiefgreifend sein. Sie verlieren in einer kritischen Entwicklungsphase wichtige Identifikationsfiguren und internalisieren möglicherweise problematische Beziehungsvorstellungen, die ihre eigene Entwicklung beeinträchtigen können.
Gewalt und Missbrauch:
Wenn Entfremdung Schutz bedeutet
Besonders komplex wird das Thema, wenn in einer Familie Gewalt oder Missbrauch vorgekommen sind. Hier zeigt sich die Grenze vereinfachender Lösungsansätze – denn was in vielen Fällen als „elterliche Entfremdung“ erscheint, kann in anderen Situationen ein notwendiger Schutzmechanismus sein.
Die Psychologin Dr. Jennifer Harman unterscheidet in ihren Arbeiten zwischen „entfremdendem Verhalten“ und „schützendem Verhalten“. Während ersteres darauf abzielt, die Beziehung des Kindes zum anderen Elternteil ohne triftigen Grund zu untergraben, dient letzteres dazu, das Kind vor realen Gefahren zu bewahren.
Ein Beispiel aus der seelsorgerischen Praxis:
Nach dem Gottesdienst kommt ein Elternteil zum Gespräch. Das achtjährige Kind weigert sich vehement, den anderen Elternteil zu besuchen, obwohl das Gericht Umgang angeordnet hat. „Mir wird vorgeworfen, ich würde mein Kind beeinflussen. Aber die Wahrheit ist: Unser Kind hat Gewalt miterlebt. Jetzt hat es Angst. Soll ich es trotzdem zum Besuch zwingen, nur um nicht als ‚entfremdender Elternteil‘ zu gelten?“
In solchen Fällen ist besondere seelsorgerische und psychologische Sensibilität gefragt. Die Komplexität liegt darin, dass:
- Kinder, die häusliche Gewalt miterlebt haben, tatsächlich Angst vor dem gewalttätigen Elternteil haben können
- Gleichzeitig können sie ambivalente Gefühle hegen – Angst und Liebe zugleich
- Die traumatischen Erfahrungen müssen aufgearbeitet werden, bevor eine gesunde Beziehung wieder möglich ist
Das Wohlergehen des Kindes muss in diesen Fällen absoluten Vorrang haben. Die Forschung zum kindlichen Trauma zeigt, dass erzwungener Kontakt zu einem Elternteil, vor dem das Kind begründete Angst hat, weitere Traumatisierung verursachen kann.
Rechte und Pflichten
Ein Aspekt, der in vielen seelsorgerischen Betrachtungen zu kurz kommt, ist die rechtliche Dimension. In Deutschland haben Kinder ein Recht auf Umgang mit beiden Elternteilen, und beide Eltern haben nicht nur ein Recht, sondern auch eine Pflicht zum Umgang mit ihrem Kind. § 1684 BGB legt fest:
„Das Kind hat das Recht auf Umgang mit jedem Elternteil; jeder Elternteil ist zum Umgang mit dem Kind verpflichtet und berechtigt. Die Eltern haben alles zu unterlassen, was das Verhältnis des Kindes zum jeweils anderen Elternteil beeinträchtigt oder die Erziehung erschwert.“
Welche Möglichkeiten haben Eltern, die von Entfremdung betroffen sind?
- Familienmediation als außergerichtlicher Lösungsweg
- Beratung durch das Jugendamt oder Erziehungsberatungsstellen
- Begleiteter Umgang als Übergangslösung
- Familiengerichtliches Verfahren, das in schweren Fällen bis zur Übertragung des Aufenthaltsbestimmungsrechts führen kann
Der Weg über das Familiengericht sollte jedoch als letztes Mittel betrachtet werden. Studien zeigen, dass hochstrittige gerichtliche Auseinandersetzungen den Entfremdungsprozess oft verschärfen und das Kind zusätzlich belasten.
Zwischen Parteinahme und Neutralität
Eine Diasporagemeinde steht bei Scheidungskonflikten vor besonderen Herausforderungen, wie wir es auch im ersten Teil des Beitrags skiziert haben. Die Vorstellung, die Kirche könne in jedem Fall ein neutraler Raum sein, in dem beide Elternteile gleichermaßen willkommen sind, stößt in der Praxis oft an Grenzen. Mehrere Faktoren spielen dabei eine Rolle:
Die Realität der Gemeindedynamik
In einer kleinen Gemeinde, wo jeder jeden kennt, bleiben Konflikte selten privat. Oft bilden sich – bewusst oder unbewusst – Lager. Der Pfarrer steht vor dem Dilemma, einerseits seelsorgerisch für alle da sein zu müssen, andererseits durch seine Position erheblichen Einfluss auf die Wahrnehmung in der Gemeinde zu haben.
Empfehlungen für die Gemeindeleitung:
- Vermeidung öffentlicher Parteinahme: Selbst wenn ein Elternteil offensichtlich im Recht erscheint, sollte die Gemeindeleitung öffentliche Stellungnahmen vermeiden.
- Getrennte seelsorgerische Begleitung: In hochkonflikthaften Fällen kann es sinnvoll sein, dass unterschiedliche Seelsorger die getrennten Elternteile begleiten, was in unseren kleinen Gemeinden oft nicht möglich ist und zum Grund wird, wieso Familien überhaupt den Kontakt zur Kirchengemeinde meiden.
- Klare Grenzen in der Gemeindekommunikation: Die Kirche sollte nicht zum Forum werden, in dem der Konflikt ausgetragen wird. Klatsch und üble Nachrede müssen aktiv unterbunden werden.
- Schutz des Kindes: Kinder dürfen in der Gemeinde nicht für die Konflikte ihrer Eltern instrumentalisiert werden, etwa durch Fragen wie „Warum kommt deine Mutter nicht mehr in die Kirche?“
Fälle von Gewalt und Missbrauch
Es gibt Situationen, in denen Neutralität ethisch nicht vertretbar ist. Bei nachgewiesener Gewalt oder Missbrauch hat die Kirche eine klare moralische Verpflichtung zum Schutz der Opfer. In solchen Fällen gilt:
- Der Schutz des Kindes und des verletzlichen Elternteils muss Vorrang haben
- Gleichzeitig bleibt die Tür zur Umkehr und Versöhnung offen – jedoch nur unter strengen Bedingungen echter Reue und Verhaltensänderung
- Der Fokus muss auf Heilung und Sicherheit liegen, nicht auf erzwungener Versöhnung
Die orthodoxe Tradition bietet hier wertvolle Unterscheidungen zwischen Vergebung als innerer Haltung und Versöhnung als praktischem Schritt, der bestimmte Voraussetzungen erfordert.
Spirituelle Begleitung in komplexen Situationen
Die Große Fastenzeit bietet einen besonderen Rahmen, um auch mit komplexen familiären Situationen umzugehen. Einige Ansätze, die über die im ersten Artikel genannten hinausgehen:
Für Eltern, denen Entfremdung vorgeworfen wird:
- Gewissenserforschung mit geistlicher Begleitung: „Setze ich mein Kind tatsächlich als Waffe ein?“
- Unterscheidung zwischen berechtigter Sorge um das Kind und unbewussten Racheimpulsen
- Praktische Übungen der Selbstkontrolle in der Kommunikation über den Ex-Partner
Für Eltern, die unter Entfremdung leiden:
- Spirituelle Bewältigung von Ohnmachtsgefühlen
- Die eigene Verantwortung für die Situation ehrlich reflektieren
- Langfristige Perspektive entwickeln – viele entfremdete Kinder suchen als Erwachsene wieder Kontakt
Für die Gemeinde als Ganzes:
- Schaffung heilsamer Rituale für Kinder aus Trennungsfamilien
- Entwicklung einer Gemeindekultur, die Scheidung nicht tabuisiert oder moralisiert
- Angebot spezifischer Fürbitten in der Liturgie, die die Not betroffener Familien aufgreifen, ohne Namen zu nennen
Beispiele für differenzierte Handlungsweisen in der Gemeinde
Was Gemeinden tun sollten:
- Differenzierte Angebote schaffen Eine armenische Diasporagemeinde in Süddeutschland hat ein „Familienzeit“-Programm entwickelt, das flexible Teilnahmemöglichkeiten bietet. Aktivitäten werden bewusst zu unterschiedlichen Zeiten angeboten, sodass Kinder mit beiden Elternteilen, je nach Betreuungsplan, teilnehmen können.
- Klare ethische Grenzen ziehen Ein Gemeindevorstand hat Richtlinien für den Umgang mit Trennungssituationen entwickelt, die festlegen, wann Neutralität geboten ist und wann nicht. Diese werden transparent kommuniziert.
- Professionelle Netzwerke aufbauen Mehrere orthodoxe Gemeinden haben gemeinsam ein Netzwerk von Fachleuten (Therapeuten, Mediatoren, Anwälte) aufgebaut, die bei Bedarf hinzugezogen werden können und mit den kulturellen und religiösen Besonderheiten vertraut sind.
- Spirituelle Ressourcen erschließen Ein Priester hat eine Sammlung orthodoxer Gebete und Texte zusammengestellt, die speziell auf die Situation von Trennungsfamilien eingehen und in der Seelsorge genutzt werden können.
Was Gemeinden vermeiden sollten:
- Öffentliche Beschämung Ein negatives Beispiel: In einer Gemeinde wurde während einer Predigt ein Scheidungsfall als warnendes Beispiel angeführt. Obwohl keine Namen genannt wurden, war allen klar, um wen es ging. Die betroffene Familie verließ die Gemeinde.
- Vorschnelle Lösungen Ein Priester drängte ein getrenntes Paar zur Versöhnung, ohne die zugrundeliegenden schwerwiegenden Probleme zu adressieren. Der Versuch scheiterte und führte zu noch tieferer Verbitterung.
- Ignorieren von Gewalt und Missbrauch Eine Gemeinde ignorierte Hinweise auf häusliche Gewalt und bestand auf dem „Erhalt der Familie“. Das Opfer fand keine Unterstützung und verließ nicht nur die Gemeinde, sondern auch den Glauben.
- Einseitige Schuldzuweisungen Ein Gemeindemitglied wurde nach der Trennung von vielen gemieden, während der andere Elternteil weiterhin aktiv eingebunden wurde – ohne dass die Hintergründe der Trennung differenziert betrachtet wurden.
Der Weg zur Heilung:
Komplexer als es scheint
Die Situation des entfremdeten Kindes bleibt im Fokus unserer Betrachtung. Sein Wohl ist der Maßstab für alle Interventionen. Die Forschung zeigt: Es gibt keine Standardlösung für Entfremdungsfälle. Jede Familie ist anders, jede Trennung hat ihre eigene Geschichte.
Was jedoch in allen Situationen gilt: Kinder brauchen die Erlaubnis, beide Elternteile lieben zu dürfen. Sie sollten nicht das Gefühl haben, sich für eine Seite entscheiden zu müssen. Diese innere Zerrissenheit kann tiefe Wunden in der Seele hinterlassen, die weit ins Erwachsenenalter hineinwirken.
Die Große Fastenzeit lädt uns ein, komplexe Situationen nicht mit simplen Antworten zu übergehen. Sie fordert uns auf, tiefer zu schauen, ehrlicher zu werden – mit uns selbst und mit anderen. Sie erinnert uns daran, dass Heilung ein Prozess ist, der Zeit braucht, und dass wahre Versöhnung auf Wahrheit basieren muss, nicht auf Verdrängung.
Für die armenischen Diasporagemeinden kann dies bedeuten, einen Raum zu schaffen, in dem die Komplexität menschlicher Beziehungen anerkannt wird, in dem Ideale hochgehalten werden, ohne die Realität zu verleugnen, und in dem der Weg zur Heilung gemeinsam gegangen werden kann – in all seiner Unvollkommenheit.
Gebet für zerbrochene Familien in komplexen Situationen
Barmherziger Gott,
Du kennst die Tiefen unserer Herzen,
die verborgenen Verletzungen und unausgesprochenen Ängste.
Dort, wo Beziehungen zerbrochen sind,
wo Kinder zwischen Welten wandern,
wo Worte verletzen und Schweigen trennt,
schenke Deinen Frieden.Gib uns die Weisheit, zu unterscheiden:
Wo ist Zeit für Versöhnung, wo ist Zeit für Abstand?
Wo braucht es Schutz, wo braucht es Brücken?
Wo müssen wir festhalten, wo müssen wir loslassen?Segne die Kinder, die in Konflikten aufwachsen,
bewahre ihre Herzen vor Verhärtung,
schenke ihnen Menschen, die ihnen beistehen,
und führe sie eines Tages zu innerer Heilung.Lehre uns als Gemeinde,
ein Ort der Wahrheit und der Barmherzigkeit zu sein,
wo niemand verurteilt, aber auch nichts verschwiegen wird,
wo Heilung wachsen kann in Deinem Licht.
Amen.
Reflexionsfrage: Wo neige ich in meinem Urteil über Trennungssituationen zu vorschnellen oder vereinfachenden Antworten? Welche Aspekte der Komplexität familiärer Konflikte habe ich bisher möglicherweise übersehen oder unterschätzt?
Infokasten: Differenzierte Hilfe bei elterlicher Entfremdung
- Für Kinder: Spezielle therapeutische Angebote für Kinder im Loyalitätskonflikt (Vermittlung über Erziehungsberatungsstellen)
- Für entfremdete Elternteile: Selbsthilfegruppen, rechtliche Beratung durch auf Familienrecht spezialisierte Anwälte
- Für entfremdende Elternteile: Reflexionsprogramme zur Bewusstmachung der eigenen Verhaltensmuster
- Bei Gewalt/Missbrauch: Schutzeinrichtungen, spezialisierte Traumatherapeuten, Interventionsstellen gegen häusliche Gewalt
- Literatur:
- Harry Dettenborn: Kindeswohl und Kindeswille – psychologische und rechtliche Aspekte. 3., überarbeitete Auflage. Ernst Reinhardt Verlag München, Basel 2010, ISBN 978-3-497-02154-3.
- Richard A. Gardner: Das elterliche Entfremdungssyndrom (Parental Alienation Syndrome, PAS): Anregungen für gerichtliche Sorge- und Umgangsregelungen; eine empirische Untersuchung. VWB Verlag für Wissenschaft und Bildung, Berlin 2002, ISBN 3-86135-117-X.
- Ursula Schröder (Sampels): Auswirkungen auf Trennungskinder und Entstehen des sog. PA-Syndroms. In: [FamRZ]: Zeitschrift für das gesamte Familienrecht Heft 10 (2000), S. 592 ff.
- Gabriele ten Hövel: Liebe Mama, böser Papa. Eltern-Kind-Entfremdung nach Trennung und Scheidung. Das PAS-Syndrom. Kösel 2003, ISBN 978-3-466-30628-2