Armenien am Karfreitag der Geschichte

Macht, Spaltung, Versagen und die Bedingungen
einer möglichen Auferstehung

Was in der internationalen Politik wirklich zählt

Armenien hat vor kurzem zwei Kriege verloren. Den ersten 2020, den zweiten 2023, als Arzach (Berg Karabach) in weniger als 24 Stunden fiel und eine über tausende Jahre dort ansässige armenische Bevölkerung vertrieben wurde. Wer diese Niederlagen als bloße Pechsträhne oder als Verrat von außen erklärt, lügt sich selbst an. Sie waren Ausdruck einer Wirklichkeit, welche die internationale Politik seit jeher regiert: Staaten handeln nach Macht, nach Interessen und nach der Fähigkeit zur Durchsetzung, leider nicht nach moralischen Verdiensten.

Herfried Münkler hat diese Logik systematisch beschrieben: Weder Opfergeschichte noch historisches Recht schützen einen Staat, der strukturell schwächer ist als sein Gegner. Aserbaidschan verfügte über militärische Überlegenheit durch moderne Drohnentechnologie, über wirtschaftliche Ressourcen aus dem Energieexport, über strategische Allianzen mit der Türkei und über eine diplomatische Einbettung in Strukturen, die Stabilität über Gerechtigkeit stellen. Armenien hingegen stand isoliert, innerlich zerrissen und strategisch orientierungslos. Wer diese Realität durch Mythos überdeckt, rüstet sich nicht für die Zukunft.

Die Kosten der Gerechtigkeit

Die Forderung nach Gerechtigkeit ist moralisch legitim. Aber in der Logik asymmetrischer Konflikte führt sie unmittelbar zu einer Frage, die selten laut und offen gestellt wird: zu welchem Preis? Jede revanchistische Rhetorik, jede politische Bewegung, die auf Revision der bestehenden Verhältnisse setzt, ohne die Machtverhältnisse zu verändern, liefert Baku den Vorwand zur erneuten Eskalation. Sie zieht Russland und den Iran tiefer in armenische Abhängigkeiten hinein. Sie entmündigt das Land strategisch weiter, anstatt es zu stärken.

Heute verstehen alle vernünftigen Oppositionellen in Armenien, auch wenn die Regierung was anderes öffentlich propagiert, dass das Ergebnis von Revanchismus keine Gerechtigkeit, sondern ein weiterer Souveränitätsverlust durch Krieg, wäre. Der Schwächere überlebt nicht durch Trotz, sondern durch kluge Anpassung an die Wirklichkeit. Das bedeutet aber keinesfalls Unterwerfung. Es bedeutet, den Spielraum zu nutzen, der tatsächlich vorhanden ist, anstatt sich an einem zu orientieren, den man sich wünscht.

Paschinyans Analyse als Alibi

Reicht eine gute Analyse allein aus? Nein. Denn sie führt zu einer Feststellung, die unbequem ist, aber nicht länger umgangen werden kann: Nikol Paschinjan hat die Realität Armeniens in Teilen zutreffend beschrieben. Er hat die strukturelle Schwäche des Landes benannt, die militärische Überlegenheit Aserbaidschans anerkannt, den Preis einer weiteren Eskalation klar formuliert. Das ist nicht nichts. Aber Paschinjan hat aus dieser Erkenntnis einen doppelten Fehler gemacht, der folgenreicher ist als jede einzelne strategische Entscheidung. Er hat die korrekte Lageanalyse, die er teilweise selbst verursacht hat, in eine Selbstentlastungsstrategie verwandelt. Die nüchterne Beschreibung von Armeniens Schwäche dient ihm nicht als Ausgangspunkt für Handeln, sondern als Erklärung dafür, warum er persönlich für nichts verantwortlich sein kann. Wer den Feind als übermächtig beschreibt, muss sich für die Niederlage nicht mehr rechtfertigen. Das ist politisch bequem. Es ist aber keine Führung.

Die Bilanz spricht für sich. Paschinjan war nicht in der Lage, den Krieg zu verhindern. Ja sogar durch eine Reihe von Handlungen, die Eskalation provoziert. Er war nicht in der Lage, danach einen stabilen und würdigen Frieden zu sichern, der armenischen Interessen ausreichend Rechnung trägt. Innenpolitisch hat er keine konsolidierende Ordnung geschaffen, die dem Land Orientierung gibt, sondern für mehr Spaltung und emotionale Ausbrüche gesorgt. Strategisch hat er die Abhängigkeit von Russland in entscheidenden Momenten vertieft, ohne eine äquivalente europäische Rückversicherung aufgebaut zu haben. Das Ergebnis ist eine doppelte Verlassenheit: vom traditionellen Schutzmacht entfremdet, im Westen nicht angekommen (abgesehen von einigen Versprechungen, die teilweise als gute Wünsche seitens der Regierung Armeniens zu verstehen sind). Realpolitische Erkenntnis ersetzt keine Kompetenz im Handeln. Paschinjan hat beides verwechselt.

Die Opposition und ihre drei Bedingungen

In dieser Lage kommt der Opposition eine historische Verantwortung zu. Aber auch hier gilt: Nicht moralische Empörung entscheidet, sondern strategische Kohärenz. Und eine Opposition, die diese Kohärenz nicht aufbringt, ist keine Alternative, sie ist ein Spiegel desselben Problems, was wir in den vergangenen Jahren deutlich gesehen haben.

Die erste Bedingung ist, dass bloße Empörung kein Programm ist. Eine Opposition, die ihr Profil primär aus der Ablehnung Paschinyans bezieht, aus dem gerechtfertigten Zorn über Verluste, Versäumnisse und Demütigungen, mag Stimmung mobilisieren. Regieren kann sie damit nicht. Denn eine Stimmung ist keine Strategie, und ein Feind ist kein Programm. Wer am Tag nach dem Wahlsieg keine Antwort auf die Frage hat, wie Armeniens Sicherheit konkret aussehen soll, hat die Wahl gewonnen und die Regierung verloren.

Die zweite Bedingung ist, dass revanchistische Rhetorik nicht nur falsch, sondern strategisch selbstmörderisch wäre. Eine Opposition, die Berg Karabach zurückfordert oder mit dem Wiederaufstieg armenischer Militärmacht wirbt, liefert Baku den Vorwand, den es ohnehin sucht. Sie gibt Russland ein Druckmittel, das Moskau gerne nutzt. Sie signalisiert dem Westen, dass Armenien unberechenbar ist, und schraubt damit genau jene europäische Unterstützung zurück, die für eine echte Neuorientierung unabdingbar wäre. Revanchismus ist das sicherste Rezept dafür, dass Armenien bleibt, wo es jetzt ist.

Die dritte Bedingung ist die entscheidende und die schwierigste. Eine Opposition, die nur die eigene Klientel anspricht, die Enttäuschten, die Vertriebenen, die Ultrakonservativen, kann keine Wahl gewinnen und kein Land regieren. Armenien ist gespalten. Ein erheblicher Teil der Bevölkerung hat Paschinyan nicht aus Überzeugung gewählt, sondern aus Angst vor dem, was als Alternative gilt: Rückkehr alter Oligarchien, erneuter Krieg, revanchistische Abenteuer. Eine Opposition, die diese Menschen nicht ernst nimmt, nicht integriert, nicht einbindet, wird am Tag nach dem Wahl mit einem halben Land konfrontiert sein, das ihr misstraut. Innenpolitische Integration ist keine Konzession an den Gegner. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass eine neue Regierung tatsächlich regierungsfähig ist. Wer das ignoriert, wiederholt Paschinyans Fehler unter umgekehrten Vorzeichen.

Die Wahlen vom 7. Juni werden zeigen, ob diese drei Einsichten gereift sind. Das Fenster ist offen. Aber es schließt sich.

Karfreitag: Die Wahrheit der Ohnmacht

Karfreitag ist der Moment, in dem alle Illusionen zerbrechen. Der Gekreuzigte stirbt nicht im Triumph, sondern verlassen, geschmäht, seine Nächsten sind geflohen. Die Machtlogik hat funktioniert, der Römische Staat hat sich durchgesetzt, die Schreier auf dem Marktplatz haben gesiegt. Und doch ist dieser Tod kein Ende, sondern ein Zeugnis: dass Wahrheit nicht immer sofort siegt, dass Schmerz nicht immer sofort verstanden wird, dass Ohnmacht nicht das letzte Wort ist.

Auch Armenien befindet sich in einem solchen historischen Karfreitag. Das Land hat Verlust erlitten, Demütigung erfahren, Orientierung verloren. Der Kreuzweg eines Volkes ist keine Metapher, er ist politische und menschliche Realität. Karfreitag fordert Wahrheit: nicht die Wahrheit der Propaganda, nicht die Wahrheit des Mythos, sondern die nüchterne, schmerzhafte Wahrheit der eigenen Lage und eine Antwort auf die Frage: Was für ein Armenien möchten wir aufbauen und in welchem Armenien möchten wir leben. Erst wer diese Fragen beantwortet und die Wahrheit aushält, kann aus dieser scheinbar aussichtslosen Situation heraustreten.

Auferstehung oder
die Logik der zweiten Möglichkeit

Und doch endet die Geschichte nicht am Kreuz. Die Auferstehung ist keine Wunschprojektion und kein politisches Versprechen. Sie ist eine strukturelle Einsicht: Geschichte bleibt offen, wenn Akteure lernen. Wenn sie Wahrheit vor Propaganda stellen, Verantwortung vor Schuldzuweisung, Aufbau vor bloßer Erinnerung.

Für Armenien bedeutet das Auferstehung in drei konkreten Dimensionen. Die armenische Diaspora ist kein emotionales Anhängsel der Heimat, wie die aktuelle Regierung Armeniens es proklamiert, sondern ein strategischer Faktor von erheblichem Gewicht. Sie verfügt über wirtschaftliches Kapital, politischen Einfluss weltweit, Bildungs- und Innovationsressourcen. Sie kann Brücken bauen, wo der Staat isoliert ist, Interesse wecken, wo offizielle Diplomatie scheitert, Druck ausüben, wo Regierungen schweigen. Die Diaspora ist nicht das Heimweh der Vergangenheit, sie ist eine Ressource der Zukunft, wenn sie klug und koordiniert handelt.

Die Armenische Apostolische Kirche ist mehr als eine religiöse Institution. Sie ist die älteste Kontinuitätsinstitution des armenischen Volkes überhaupt, älter als alle moderne Staatlichkeit, älter als jede politische Partei. Die Kirche bewahrt Identität jenseits politischer Systeme. Sie stabilisiert Gemeinschaften in Krisenzeiten. Sie schafft Räume, in denen Versöhnung und Verantwortung gedacht werden können, auch dort, wo Politik dafür zu schwach ist. Gerade in Zeiten, in denen das Vertrauen in staatliche Institutionen gering ist, kann die Kirche als moralische Referenz und als Ort gemeinschaftlicher Erneuerung wirken, in Armenien selbst wie in der Diaspora weltweit. Doch auch die Kirche benötigt dringend eine innere Weichenstellung, eine Konsolidierung der Kräfte, genauso wie die Diaspora mit ihren unterschiedlichen Akteuren.

Die dritte Dimension ist die innere Erneuerung der Gesellschaft selbst. Auferstehung beginnt nicht geopolitisch, sondern innergesellschaftlich. Sie beginnt mit der Bereitschaft, Wahrheit auszuhalten, mit dem Mut zur Verantwortung, die nicht auf andere zeigt, und mit dem Aufbau von Institutionen, von Vertrauen, von Perspektiven für die Menschen, die im Land bleiben wollen.

Was zwischen Karfreitag und Ostern liegt

Die Realität ist hart. Armenien kann die Vergangenheit nicht militärisch korrigieren. Es kann Berg Karabach nicht durch Revancherhetorik zurückgewinnen, Russland nicht durch Willenserklärungen entkommen und Aserbaidschan nicht durch moralische Appelle neutralisieren. Das sind Tatsachen, keine Meinungen.

Aber Armenien kann die Zukunft gestalten. Zwischen Karfreitag und Ostern liegt kein Wunder im politischen Sinne, sondern ein Prozess: nüchterne Analyse, strategisches Handeln, gesellschaftliche Erneuerung, kirchliche Begleitung und die mobilisierende Kraft einer Diaspora, die ihrer Verantwortung gerecht wird. Und eine Opposition, die nicht durch emotionale Propaganda für noch mehr Unruhe und Spaltung sorgt, sondern vernünftige Alternativen bietet.

Wenn diese Elemente zusammenkommen, entsteht etwas, das in der internationalen Politik selten ist: zwar keine Gerechtigkeit im absoluten Sinne, aber die Möglichkeit eines würdigen Überlebens. Und vielleicht ist genau das, historisch betrachtet, der realistischste Ausdruck von Auferstehung: nicht die Rückkehr zum Vergangenen, sondern die Fähigkeit, aus dem Grab der eigenen Geschichte herauszutreten und neu anzufangen. Nicht ohne Narben, aber aufrecht und würdevoll.

Von Pfarrer Dr. Diradur Sardaryan
Armenische Gemeinde Baden-Württemberg e.V., Göppingen

Politische Gedanken zu Karfreitag