„Die Wahrheit lässt sich nicht per Dekret abschaffen“

Ein AGBW-Gespräch mit Pfarrer Dr. Diradur Sardaryan
über die Freiheit des Geistes, die Pflicht zum Widerspruch
und die aktuelle Situation in Armenien.

Es gibt Freiheiten, die so grundlegend sind, dass man sie kaum bemerkt, solange man sie besitzt. Die Freiheit, ein Buch zu schreiben oder zu verschenken, ohne Angst vor den Folgen. Die Freiheit, im Hörsaal eine Hypothese zu vertreten, die dem staatlich Erwünschten widerspricht. Die Freiheit, zu beten, zu predigen, eine Gemeinde zu leiten, ohne dass ein Ministerium mitredet. Erst wenn diese Freiheiten zu bröckeln beginnen, wird sichtbar, was sie wirklich sind: nicht Privilegien, sondern Bedingungen menschlicher Würde.

Armenien steht im Jahr 2026 an einem solchen Kipppunkt. Das Land, das sich als älteste christliche Nation der Welt versteht und seit dem Jahr 301 die Apostolische Kirche als Kern seiner Identität trägt, hat in den vergangenen Jahren einen politischen Kurs eingeschlagen, der in scharfem Widerspruch zu seinen eigenen Verfassungsgarantien steht. Die Regierung unter Nikol Paschinjan beschwört europäische Werte, unterzeichnet Partnerschaftsagenden mit Brüssel und beansprucht das Erbe einer demokratischen Revolution von 2018. Die Realität, die unabhängige Beobachter beschreiben, ist eine andere.

Freedom House stuft Armenien in seinem Bericht 2025 als „Partly Free“ ein. Human Rights Watch dokumentiert für 2026 anhaltenden Druck auf unabhängige Medien, Strafverfahren gegen Journalisten und Oppositionelle sowie eine sich ausbreitende Kultur der Selbstzensur. Kritische Podcaster werden juristisch verfolgt. Demonstrationen werden aufgelöst. Historiker, die staatliche Narrative in Frage stellen, verlieren institutionelle Rückendeckung. Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die politisch unbequeme Texte veröffentlichen, berichten von Einschüchterungen.

Besonders brisant ist die Lage der Armenischen Apostolischen Kirche, jener Ur-Institution armenischer Kultur und Identität, die das Volk durch Genozid, Deportation und sowjetische Repression hindurchgetragen hat. Die gegenwärtige Regierung hat begonnen, in kanonische Fragen einzugreifen, kirchliche Strukturen zu kommentieren und Einfluss auf Personalentscheidungen geltend zu machen, die nach kirchenrechtlichem Verständnis ausschließlich der geistlichen Leitung zustehen. Für viele Gläubige und Kleriker ist das kein Reformwille. Es ist Domestizierung.

Pfarrer Dr. Diradur Sardaryan kennt beide Welten. Der armenische Priester, der seit Jahren in Deutschland lebt und die Armenische Gemeinde Baden-Württemberg in Göppingen leitet, ist promovierter Theologe, ausgebildet in Sofia und München. Er beobachtet die Entwicklungen in seiner Heimat mit wachsender Sorge, und er schweigt nicht darüber.

AGBW: Herr Pfarrer Diradur, Sie sind armenischer Priester in Deutschland, promovierter Theologe, sie setzen sich für die Schwachen ein. Kann man sagen, dass Sie auch ein Menschenrechtler sind? Wenn Sie diese Kombination hören, was denken Sie?

Pfr. Diradur Sardaryan (PD): Wer wirklich armenischer Theologe ist, kann gar nicht kein Menschenrechtler sein, nicht im rechtlichen Sinne, sondern im theologisch-philosophischen. Die Würde des Menschen ist kein politisches Anhängsel der Theologie. Sie ist ihr Herzstück. Genesis 1,27: Der Mensch ist nach dem Bild Gottes geschaffen. Das ist keine fromme Formel. Das ist die radikalste Aussage, die man über einen Menschen machen kann.

AGBW: Radikal in welchem Sinne?

PD: In dem Sinne, dass sie jeden staatlichen Totalitätsanspruch von vornherein delegitimiert. Wenn der Mensch Ebenbild Gottes ist, dann steht er vor dem Staat. Nicht hinter ihm, nicht unter ihm. Vor ihm. Kein Regime der Welt hat das Recht, diesen Rang anzutasten. Wer es trotzdem tut, begeht nach meinem Verständnis nicht nur eine politische Sünde. Er handelt gegen den Willen Gottes, gegen die Schöpfung.

AGBW: Sie reden oft von Freiheit der Kunst, der Wissenschaft, des Glaubens. Sind das wirklich verwandte Themen, oder werfen Sie hier sehr verschiedene Dinge in einen Topf?

PD: Das ist eine berechtigte Frage. Aber ich glaube, der innere Zusammenhang ist tiefer, als er zunächst erscheint. Kunst, Wissenschaft, Glaube, Kultur sind unterschiedliche Ausdrucksformen derselben menschlichen Grundverfassung: der Fähigkeit, über das Gegebene hinauszufragen. Ein Wissenschaftler, der eine Hypothese aufstellt, die dem Lehrbuchwissen widerspricht, tut im Grunde dasselbe wie ein Künstler, der eine unbequeme Wirklichkeit auf die Bühne bringt, oder ein Theologe, der die Schrift gegen eine bequeme staatlich gewollte Ideologie auslegt bzw. eine Theologie nicht im Sinne der politischen Korrektheit betreibt. Alle drei weigern sich, das Vorgegebene für das Letzte zu halten.

AGBW: Das klingt schön, aber ist es nicht auch ein bisschen idealistisch? Wissenschaft funktioniert nach Methode, nicht nach Offenbarung.

PD: Natürlich. Und ich würde nie die Methode der Physik mit der Methode der Exegese verwechseln. Aber ich rede nicht von Methode, ich rede von Haltung. Der Physiker, der seine Daten fälscht, weil sie dem politisch Erwünschten widersprechen, verleugnet denselben Geist wie der Dichter, der sein Manuskript verbrennt, weil er Angst vor staatlicher Repressionen hat. In beiden Fällen wird die Wahrheitssuche dem Machterhalt geopfert. Das ist die gemeinsame Wurzel.

AGBW: Armenien ist Ihr Heimatland. Das ist ein empfindliches Terrain. Die Regierung in Jerewan sieht sich als proeuropäisch, als demokratisch. EU-Integration, Partnerschaftsagenda. Was stimmt daran nicht?

PD: Es stimmt einiges. Und genau das macht die Sache kompliziert. Es wäre einfacher, wenn Armenien ein klarer Unrechtsstaat wäre. Aber es ist keiner. Es gibt Wahlen, es gibt Presseorgane, es gibt eine Zivilgesellschaft. Die Frage ist, wie viel Luft diese Institutionen wirklich haben. Ich wünsche mir sehr, dass Armenien pro Armenisch ist, in guter freundlicher Beziehung mit allen Völkern dieser Welt, dass sie aber auch eine Wertebasis hat, Grenzen, die nicht überschritten werden dürfen.

AGBW: Und?

Sardaryan: Zu wenig. Freedom House stuft Armenien als „Partly Free“ ein. Human Rights Watch dokumentiert Druck auf Journalisten, Strafverfahren gegen oppositionelle Stimmen, eine Atmosphäre der Selbstzensur, die sich wie ein unsichtbares Netz über die Gesellschaft legt. Kritische Podcaster werden juristisch verfolgt. Forscher, die in historisch oder kirchenpolitisch heiklen Feldern arbeiten, spüren institutionellen Druck. Künstler, die sich dem Konsens verweigern, verlieren Förderung.

AGBW: Das klingt nach vielen Ländern. Auch nach manchen EU-Mitgliedern.

PD: Ja, leider. Aber der Unterschied ist: Armenien schwört auf Europa, während es das tut. Es unterzeichnet im Dezember 2025 eine strategische Partnerschaftsagenda, die in Brüssel als Fortschritt bei Demokratie und Rechtsstaat gelobt wird. Und parallel dazu werden Oppositionelle eingeschüchtert, Religionsfreiheit wird staatlich unterdrückt. Jede Stimme, die nicht in Einstimmung mit der Position der Regierung ist, wird zum Schweigen gebracht, mit moralisch sehr fragwürdigen Methoden. Das ist nicht nur ein Glaubwürdigkeitsproblem. Das ist eine Lüge, die man sich selbst erzählt. So baut man keine Demokratie auf.

AGBW: Sie sind Priester der Armenischen Apostolischen Kirche. Ist die Kirche Teil dieses Problems oder Teil der Lösung?

PD: Beides ist möglich, und die Geschichte zeigt beides. Die Armenische Kirche hat über Jahrhunderte als Hüterin der nationalen Identität und der Freiheit des Geistes gewirkt, unter osmanischem Joch, unter sowjetischer Kontrolle. Diese Tradition ist real und sie verpflichtet. Wenn aber eine staatliche Regierung beginnt, in die Besetzung kirchlicher Ämter einzugreifen, in die innere Struktur einer jahrtausendealten Institution einzugreifen und das als Sorge um das Wohl des Volkes zu verkaufen, dann ist das kein Reformwille. Das ist Domestizierung.

AGBW: Meinen Sie konkret die gegenwärtige armenische Regierung?

PD: Ich meine die Tendenz, die wir beobachten. Ein Staat, der die kanonische Autonomie der Kirche nicht respektiert, verstößt nicht nur gegen kirchenrechtliche Grundsätze. Er verstößt gegen jenes Prinzip der Gewaltenteilung, auf das er sich nach außen so gerne beruft.

AGBW: Wo bleibt da die Kirche? Wo ist der öffentliche Widerspruch der Bischöfe, der Priester?

PD: Das fragen Sie mich? (lacht kurz) Ich sage Ihnen, was ich persönlich für richtig halte: Der Prophet schweigt nicht. Amos hat den König kritisiert. Johannes der Täufer hat Herodes widersprochen. Dietrich Bonhoeffer hat geschrieben, die Kirche sei nur dann die Kirche, wenn sie für die anderen da sei. Wer angesichts von Repression schweigt, um seine institutionelle Bequemlichkeit zu sichern, hat aufgehört, Zeuge zu sein. Gleichzeitig will ich unterstreichen, dass die Kirche sehr viele Probleme und Herausforderungen hat, die entsprechend besprochen und ausgearbeitet werden sollen. Einige dringend, andere – kontinuierlich, permanent. Das ist aber eine innere Angelegenheit der Kirche. Ich sehe, dass die Kirche das immer wieder wiederholt und da etwas tun will. Sie wird aber nun aktiv daran gehindert, ihre konziliare Arbeit umzusetzen.

AGBW: Das ist ein scharfer Satz.

PD: Es ist ein ehrlicher. Ich bin kein Diplomat in dieser Frage. Ich bin Theologe.

AGBW: Sie leben in Deutschland. Göppingen. Haben Sie einen anderen Blickwinkel auf Armenien, weil Sie von außen schauen?

PD: Sicher. Die Distanz gibt Klarheit. Aber sie verpflichtet auch. Wer im sicheren Europa sitzt und schweigt, während in seiner Heimat die Freiheit des Geistes beschnitten wird, macht sich mitschuldig an einem bequemen Vergessen. Die Diaspora hat eine besondere Verantwortung: Sie kann sprechen, was Menschen vor Ort manchmal nicht sprechen können, sie kann Brücken bauen, sie kann zwischen den Fronten schlichten.

AGBW: Letzte Frage. Christus sagt im Johannesevangelium: „Die Wahrheit wird euch frei machen.“ Glauben Sie das noch, angesichts all dessen, was Sie beschreiben?

PD: Gerade deshalb. Weil der Satz nicht heißt: Die Wahrheit wird euch bequem machen. Er heißt: frei. Freiheit kostet etwas. Sie kostet manchmal sehr viel. Aber die Alternative ist, in einer Lüge zu leben, die sich mit der Zeit so einrichtet, dass man sie nicht mehr als Lüge erkennt. Das ist das eigentlich Gefährliche. Nicht der offene Tyrann. Der ist sichtbar. Gefährlich ist die halbherzige Demokratie, die sich hin zu einer totalitären Autokratie oder Diktatur entwickelt, die sich selbst für den Normalzustand hält.

AGBW: Herr Sardaryan, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

PD: Gerne. Und danke, dass solche Fragen überhaupt gestellt werden.