Vom Wissen zum Leben

Vom Palmsonntag bis Ostern
in der Armenischen Gemeinde Baden-Württemberg

Es gibt Wochen im Kirchenjahr, die mehr sind als eine Abfolge von Gottesdiensten. Avag Shabat – die Karwoche – ist eine solche. Sieben Tage, in denen die armenisch-apostolische Überlieferung das Wesentliche des christlichen Glaubens auf engstem Raum verdichtet: den Einzug in Jerusalem, den Verrat, das letzte Mahl, die Dunkelheit des Karfreitags, das Schweigen des Karsamstags – und dann, in der Nacht, das Licht der Auferstehung Christi.

In diesem Jahr hat die Armenische Apostolische Gemeinde Baden-Württemberg diese Woche an fünf Orten gefeiert: in Karlsruhe, Stuttgart, Freiburg, Kehl und Göppingen. Jeder dieser Gottesdienste hatte seinen eigenen Charakter, seinen eigenen theologischen Inhalt und seine eigene Atmosphäre. Und doch zog sich durch alle Predigten von Pfarrer Dr. Diradur Sardaryan ein gemeinsamer Gedanke, der sich wie eine stille Frage in die Herzen der Anwesenden einschrieb: Was nützt ein Glaube, der nur als Theorie bekannt ist, ohne zur Praxis zu werden?

Den Auftakt bildete am 28. März der Abendandacht in Karlsruhe zum Fest der Auferweckung des Lazarus, jenem Moment im Johannesevangelium, in dem Jesus vor dem Grab seines Freundes steht und weint, bevor er ruft. Karlsruhe ist ein Ort, an dem die Gemeinde alle drei Monate zusammenkommt; die Seltenheit der Begegnung gibt jedem Gottesdienst etwas Konzentriertes, fast Kostbares. Die Geschichte des Lazarus passte dazu: Sie ist kein triumphaler Wunderbericht, sondern die Geschichte eines Mannes, dessen Schwestern schon aufgehört hatten zu hoffen, und der dennoch zum Leben gerufen wird. Kann Glaube dort beginnen, wo die Hoffnung aufgehört hat? Diese Frage begleitete die Gemeinde in die Woche hinein.

In Stuttgart, am 29. März, gehörten die Kinder in den Mittelpunkt. Tsaghkazard – der Palmsonntag – ist in der Armenisch-Apostolischen Kirche seit dem Beschluss Seiner Heiligkeit Karekin II. der Tag des Kindersegens, eine Entscheidung, die tief in der Überlieferung verwurzelt ist: Auch beim Einzug Jesu in Jerusalem waren es die Kinder, die Hosianna riefen und zu Ihm kamen. An diesem Sonntag flochten die Kinder aus Olivenzweigen Kränze mit ihren eigenen Händen. Pfarrer Dr. Sardaryan segnete sie im Anschluss an den Gottesdienst. Es sind solche Momente, die keine Erklärung benötigen.

Das Herz der Avag Shabat schlug in Göppingen und Kehl. Hier wurden die Riten vollzogen, die zur liturgischen Seele der armenischen Tradition gehören: die Wotnlva tz (die Fußwaschung); das Khawarum (die Passionsandacht); der Ritus der Grablegung des Herrn und schließlich der Ostergottesdienst.

Das Khawarum ist einer jener Gottesdienste, die sich ins Gedächtnis einschreiben. Auf dem Altar brennen zwölf gleich hohe Kerzen und eine größere in der Mitte. Mit jedem Evangelienabschnitt (von Gethsemane über den Verrat des Judas, die Verhöre, die Verleugnung durch Petrus) erlischt ein Licht nach dem anderen, zwei nach zwei, bis nur noch die mittlere Kerze brennt. Sie allein bleibt. Sie allein: Christus in der Dunkelheit. Dann erlöschen auch alle anderen Lichter der Kirche, und im Dunkel erklingt das „Փառք ի բարձունս“, das Loblied der Engel. Nach den „Herr, erbarme Dich“-Gesängen, dem „Ures Mayr im“ Lied und der Predigt, kehrt das Licht zurück.

Die Fußwaschung, deren Ritus auf den heiligen Ephräm den Syrer zurückgeht und im 11. Jahrhundert durch Katholikos Grigor II. Vkayaser ins Armenische eingeführt wurde, ist in ihrer Schlichtheit kaum zu überbieten: Der Priester kniet vor den Dienern der Gemeinde und wäscht ihre Füße. Die Worte, die dabei erklingen, sind die Worte Jesu selbst: „Wenn ich, euer Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, so sollt auch ihr einander die Füße waschen.“

Am Karfreitag gedachte die Gemeinde der Passion Christi in ihrer ganzen Wucht. Am Abend versammelten sich die Gläubigen zur Grablegung (Zunächst in Kehl und dann in Göppingen): Sie bereiteten gemeinsam das symbolische Grab des Herrn vor, geschmückt mit Blumen. Ein Grab, das nicht wie ein Ende aussehen sollte, sondern wie ein Ort des Wartens. Am Ende des Ritus wurden diese Blumen unter den Anwesenden verteilt. Ein stilles Zeichen: Etwas von diesem Grab geht mit nach Hause.

In seiner Predigt sprach Pfarrer Dr. Sardaryan darüber, was dieses Bild bedeutet, nicht nur liturgisch, sondern existenziell. Denn der Weg des Kreuzes ist kein Weg, der nur in der Geschichte stattgefunden hat. Er wiederholt sich: im Leben einzelner Menschen, in den Schicksalen von Familien, in der Geschichte eines Volkes. Wie oft stehen wir vor einem Grab, buchstäblich oder im übertragenen Sinn, und sind überzeugt, dass hier alles endet, dass es keinen Weg mehr gibt, der weiterführt? Wie oft setzt das Leben selbst einen Punkt, der endgültig wirkt?

Der Kern seiner Botschaft war: Gott verwandelt jeden Punkt in ein Komma. Was wir für ein Ende halten, ist in Seinen Händen ein Atemzug, eine Pause, kein Abschluss. Diese Hoffnung ist nicht naiv. Sie ignoriert den Schmerz nicht. Aber sie weigert sich, ihm das letzte Wort zu lassen. Und genau das ist es, wofür die Gemeinde am nächsten Tag zurückkehren würde: um zu bezeugen, dass der Stein weggerollt ist.

In Freiburg fand der Tschragaluyts statt, der sog. Lichtmess des Osterfestes, die Liturgie des Lichts, diesmal als Gast in der Evangelischen Lukaskirchengemeinde. Tschragaluyts bedeutet wörtlich das Entzünden der Lichter; ursprünglich war es der schlichte Akt des Öleinschenkens, mit dem der Abend begann. Heute markiert er den Schwellenmoment zwischen dem Schweigen des Karsamstags und der Freude des Osterfestes. Nach dem Gottesdienst blieb die Gemeinde zusammen. Man feierte Ostern miteinander am Tisch, im Gespräch, in der Gemeinschaft. Auch das, so Pfarrer Dr. Sardaryan, ist keine Nebensache. Auch das ist Glaube, der Gestalt annimmt und lebendig wird.

Der Ostersonntag, Zatik, ist das Fest aller Feste. Nicht eines unter vielen, sondern das Zentrum des Kirchenjahres. Surb Zatik meint den Übergang aus dem Tod ins Leben, aus der Dunkelheit in das Licht, das nicht mehr verlischt. Ohne Ostern gibt es keine Kirche, keine Mysterien, keine Hoffnung. Es ist der Tag, an dem das Bekenntnis „Qristos hareav i merelots“ als eine Frohe Botschaft verkündet wird.

An diesem 5. April 2026 erklang dieses Bekenntnis gleichzeitig in allen armenischen Kirchen der Welt, von Etschmiadzin bis in die Diaspora, von USA bis nach Deutschland. Im geistlichen Herzen der gesamten armenischen Christenheit, in der Mutterkathedrale Surb Etschmiadzin, zelebrierte Seine Heiligkeit Karekin II., Oberstes Patriarchat und Katholikos aller Armenier, die Heilige und Unsterbliche Liturgie. Im Rahmen der Feier richtete er seine Patriarchenschaft an das gesamte armenische Volk und übermittelte den Engelsboten der Auferstehung: „Qristos hareav i merelots.“

Was in Etschmiadzin erklang, hallte weiter in alle Gemeinden der Diözese der Armenischen Kirche in Deutschland, darunter in Baden-Württemberg in Kehl und Stuttgart. Landsleute fuhren weite Strecken, mit ihren Familien, mit ihren Kindern, um an diesem Fest teilzunehmen. Denn Ostern feiert man nicht allein. Man fährt hin. Man sitzt zusammen. Man singt gemeinsam. In diesem gemeinsamen Aufbruch auf dem Weg zur Kirche steckt bereits etwas von dem, wovon Pfarrer Dr. Sardaryan die ganze Woche gesprochen hatte: ein Glaube, der nicht Theorie bleibt, sondern zur Praxis wird.

Beim Ostergottesdienst wurden zwei Texte verlesen, die über die Gemeinde hinauswiesen. Die Osterpredigt von Bischof Serovpé Isakhanyan, dem Primas der Diözese der Armenischen Kirche in Deutschland, nahm ihren Ausgang bei den Frauen am Grab – schwere Herzen, wohlriechende Salben in den Händen, die stille Gewissheit, dass alles vorbei ist. Und dann die umstürzende Stimme des Engels: „Fürchtet euch nicht. Er ist nicht hier, denn er ist auferstanden.“ Der Bischof scheute den Blick auf die Wirklichkeit nicht: auf Kriege, die Familien zerreißen, auf das Leid der armenischen Geschichte, auf Arzach: „Erst vor zweieinhalb Jahren waren unsere Schwestern und Brüder gezwungen, ihre Häuser, ihre Kirchen, ihre Felder, ihre Kreuzsteine und ihre Gräber zu verlassen.“ Aber er zog daraus keine Resignation, sondern eine theologische Zuspitzung, die trägt: Die Auferstehung löscht den Schmerz der Geschichte nicht aus. Sie verändert seine Bedeutung. Nicht der Tod bestimmt die Geschichte, sondern das Leben.

Den Ostergruß Seiner Heiligkeit Karekin II., Katholikos aller Armenier, übermittelte Pfarrer Dr. Sardaryan seiner Gemeinde. „Wie Christus von den Toten auferstanden ist durch die Herrlichkeit des Vaters, so sollen auch wir in einem neuen Leben wandeln“ – mit diesem Wort des Apostels Paulus (Röm 6,4) eröffnete Karekin II. seine Botschaft. Auferstehung, so seine Mahnung, ist kein Ereignis, das in der Vergangenheit abgeschlossen ist. Sie ist ein Anspruch an den gegenwärtigen Menschen: „Wählt das Gute gegenüber dem Bösen, die Versöhnung gegenüber dem Aufruhr, die Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit gegenüber Lüge und List.“

Nach dem Ostergottesdienst blieb die Gemeinde in Kehl und in Göppingen beisammen. Die Feier, die in der Liturgie begonnen hatte, setzte sich am Tisch fort. Auch das gehört zu Ostern: dass die Freude nicht mit dem letzten Lied endet, sondern weitergeht – in die Gemeinschaft hinein, in den Alltag.

In Göppingen haben die Lehrerinnen und die Schüler der Samstagsschule „Mashtoz“, die Jugendlichen der Gemeinde, sowie talentierte Gemeindemitgleider ein unterhaltsames Bühnenprogramm erstellt, mit Musik, Osterquiz, Tanz und gute Unterhaltung.

Pfarrer Dr. Diradur Sardaryan dankte von Herzen allen, die das Gemeindeleben möglich machen und mittragen: dem Vorstand der Armenischen Gemeinde Baden-Württemberg unter der Vorsitzenden Kristina Bagratuni, dem Vorstand der Armenischen Gemeinde Kehl unter dem Vorsitzenden Hayk Parlar, allen Diakonen und Altardienern, den Chormitgliedern, allen Mitwirkenden, Förderern, Helfern und Gemeindemitgliedern. Ohne ihr Engagement, ihre Treue und ihre stille Arbeit im Hintergrund wäre das alles nicht möglich.

Der Gemeindepfarrer verbindet diesen Dank mit einer Einladung – derselben, die den Predigten der ganzen Woche zugrunde lag: Der Glaube darf nicht Theorie bleiben. Er will gelebt werden, im Alltag, in der Familie, in der Gemeinschaft und auch im gemeinsamen Feiern des Gottesdienstes. Die Avag Shabat ist vorbei. Aber was sie uns sagen wollte, beginnt jetzt.

Qristos hareav i merelots –
Christus ist auferstanden von den Toten.


Orhneal e Haroutioun Qristosi –
Gesegnet ist die Auferstehung Christi.

Jeder gebe, wie er es sich in seinem Herzen vorgenommen hat, nicht verdrossen und nicht unter Zwang; denn Gott liebt einen fröhlichen Geber.
2. Korinther 9,7