{"id":7028,"date":"2017-04-24T19:15:43","date_gmt":"2017-04-24T17:15:43","guid":{"rendered":"http:\/\/agbw.org\/?p=7028"},"modified":"2021-04-21T20:37:07","modified_gmt":"2021-04-21T18:37:07","slug":"wort-am-gedenktag-des-voelkermords-an-den-armeniern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/agbw.org\/am\/2017\/wort-am-gedenktag-des-voelkermords-an-den-armeniern\/","title":{"rendered":"Wort am Gedenktag des V\u00f6lkermords an den Armeniern"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>Die himmlischen Scharen erstaunten mit Schrecken<br \/>\nund die V\u00f6lker waren best\u00fcrzt und in ungeheuren Schrecken versetzt:<br \/>\nals sie sahen, wie das alte Eden zum Schauplatz<br \/>\ndes gl\u00fchenden H\u00f6llenfeuers von Kains S\u00fcnde wurde,<br \/>\nund die erneute Opferung des neuen Adam.<\/p>\n<p>Aus dem \u0160arakan der Hl. M\u00e4rtyrer vom 1915<\/p><\/blockquote>\n<p>Sehr geehrte Damen und Herren,<\/p>\n<p>ja es ist erstaunlich wie grausam der Mensch sein kann. Es ist erstaunlich was Nationalismus, Populismus und Hass f\u00fcr Auswirkungen, durch Generationen hindurch, haben k\u00f6nnen. Es ist genauso erstaunlich, dass es Menschen und Staaten gibt, die ihre Augen vor der Wahrheit schlie\u00dfen k\u00f6nnen um ja nicht ein Mythos zu zerst\u00f6ren, auf dem die heutige T\u00fcrkei aufgebaut ist.<\/p>\n<p>Es hat auch in Deutschland 100 Jahre gedauert bis schlie\u00dflich 2016 das Deutsche Bundestages die Resolution in der die Massent\u00f6tung von Hunderttausenden Armeniern im Osmanischen Reich als V\u00f6lkermord eingestuft hat, verabschiedet wurde. \u201eWir bezeichnen die Massaker als das, was es war: ein V\u00f6lkermord\u201c, betonte<strong>\u00a0Dr. Franz Josef Jung (\/CSU\/CSU)<\/strong> in der rund einst\u00fcndigen Debatte. Sein Kollege Dietmar Nietan (SPD) bezeichnete den V\u00f6lkermord an den Armeniern als \u201egro\u00dfes Menschheitsverbrechen des 20. Jahrhunderts\u201c. Die Ereignisse vor 100 Jahren seien kein \u201eKollateralsch\u00e4den der Kriegswirren der damaligen Zeit\u201c gewesen, wie die t\u00fcrkische Regierung sie beschreibt. \u201eDie systematische Vertreibung und Vernichtung der anatolischen Armenier, wie auch der Aram\u00e4er, Assyrer, Pontosgriechen und der chald\u00e4ischen Christen war von staatlichen Stellen auf Befehl des damaligen jungt\u00fcrkischen Regimes systematisch geplant und wurde systematisch durchgef\u00fchrt\u201c, erkl\u00e4rte er. Ziel sei es gewesen, diese Volksgruppen im damaligen Osmanischen Reich zu eliminieren.<\/p>\n<p>Die Abgeordneten verstanden die Resolution als \u201eAppell zur Aufarbeitung und zur Selbstverantwortung der T\u00fcrkei\u201c (<strong>Dr. Rolf M\u00fctzenich (SPD)<\/strong>) aber auch als \u201eeine Verpflichtung f\u00fcr Deutschland\u201c, sich f\u00fcr eine Normalisierung der Beziehungen zwischen Armeniern und der T\u00fcrkei einzusetzen und eine Wiederann\u00e4herung zu unterst\u00fctzen (Cem \u00d6zdemir (B\u00fcndnis 90\/Die Gr\u00fcnen)).<\/p>\n<p>Bis zu 1,5 Millionen Armenier haben 1915\/16 ihr Leben verloren (heute leben nur noch offiziell rund 60.000 Armenier in der T\u00fcrkei). Eine der \u00e4ltesten christlichen Nationen im Osmanischen Reich wurde fast vollst\u00e4ndig vernichtet. Zusammen mit den Menschen vernichteten die Jungt\u00fcrken Bibliotheken und Kirchen, Kl\u00f6ster und Schulen, Jahrtausende alte Kulturdenkm\u00e4ler. Es war eine Bestrebung der Jungt\u00fcrken, den vermeintlich inneren Feind als &#8222;f\u00fcnfte Kolonne&#8220; zu beseitigen, um in der Kriegslage auch den Untergang des Osmanischen Reiches zu verhindern.<\/p>\n<p>Die Feindseligkeiten gegen\u00fcber den Armeniern wurden durch die Ideologie des T\u00fcrkentums der Jungt\u00fcrken gen\u00e4hrt. &#8222;In der Ideologie der Jungt\u00fcrken&#8220;, so schreibt Mihran Dabag, &#8222;war ein t\u00fcrkisches Volk somit nur als ,soziale Einheit\u2018 denkbar, als absolute \u201aHarmonie\u2018 der Einzelelemente, und als Gesamtzusammenhang von Kultur und Fortschritt, Territorium und Rasse. So wurden die Armenier nicht zuf\u00e4llig im Rahmen der jungt\u00fcrkischen Ideologie zunehmend zum grunds\u00e4tzlich Nicht-Integrierbaren Anderen, zum \u201ainneren Fremden\u2018 und \u201apolitischen Feind\u2018, zu einem Hindernis f\u00fcr die Verwirklichung ihrer Vision&#8220; (<em>Dabag, Mihran (2014): Der Genozid an den Armeniern. Abrufbar unter: <\/em><a href=\"http:\/\/www.bpb.de\/internationales\/europa\/tuerkei\/184983\/genozid-an-den-armeniern\"><em>http:\/\/www.bpb.de\/internationales\/europa\/tuerkei\/184983\/genozid-an-den-armeniern<\/em><\/a>).<\/p>\n<p>Die offizielle T\u00fcrkei entwickelt professionelle Methoden, den V\u00f6lkermord zu leugnen. Um diese Methoden auf eine &#8222;wissenschaftliche&#8220; Grundlage zu stellen, wurden z. B. Institutionen wie die T\u00fcrkische Historische Gesellschaft (T\u00fcrk Tari Kurumu, TTK) geschaffen. Die Ma\u00dfgaben dieser Organisation gelten auch in t\u00fcrkischen Universit\u00e4ten, Schulen und Medien als verbindlich. Der TTK stand 15 Jahre lang der Historiker Yusuf Hala\u00e7o\u011flu vor, der bekannteste Genozidleugner der T\u00fcrkei. Es gibt auch einige wenige westliche Historiker, die den V\u00f6lkermord leugnen. Dabei werden ihre Forschungen regelm\u00e4\u00dfig durch die T\u00fcrkei finanziell unterst\u00fctzt. Auch hier in Deutschland reicht die Lange Hand der offiziellen T\u00fcrkei. Ich erw\u00e4hne hier nur auf die Ereignisse, die Drohungsbriefe und die Aussagen der T\u00fcrkischen Verb\u00e4nde und Vereine in Deutschland nach der Resolution des Bundestages. Ich will auch darauf hinweisen, dass auch unsere Veranstaltungen von der t\u00fcrkischen Seite bespitzelt werden. Die Honorarkonsulate, die Botschaft, die t\u00fcrkischen Gemeinden schicken ihre Mitarbeiter zu unseren Veranstaltungen um dann eine entsprechende Berichterstattung zu machen. Dies f\u00fchrt dazu, dass einige unserer Gemeindemitglieder Angst haben, bei den Gedenkveranstaltungen hier in Deutschland, anwesend zu sein, weil sie Probleme f\u00fcr sich oder f\u00fcr ihre Verwandte in der T\u00fcrkei bef\u00fcrchten.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zu dieser staatlich gef\u00f6rderten historischen Auftragsforschung gibt es in der T\u00fcrkei (an europ\u00e4ischen und US-amerikanischen Universit\u00e4ten) eine Reihe von t\u00fcrkeist\u00e4mmigen Historikern, Soziologen, Politikwissenschaftlern und Literaturwissenschaftlern, die sich seit Jahren offensiv und kritisch mit der Armenierfrage besch\u00e4ftigen. Sie alle sind heute der Teil der t\u00fcrkischen Zivilgesellschaft, welches sich f\u00fcr die Aufarbeitung des Massakers an den Armeniern einsetzt. Die t\u00fcrkische Propagandamaschinerie versucht die Stimme der Zivilgesellschaft einzud\u00e4mmen. Die t\u00fcrkischen Verfechter eines Vers\u00f6hnungsprozesses m\u00fcssen \u00fcber sich viel Hass, Erniedrigung und Gewalt ergehen lassen, doch sie bewirkten eine Ver\u00e4nderung, und sei sie noch so klein, nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch in der offiziellen t\u00fcrkischen Staatsideologie.<\/p>\n<p>Gerade deshalb finden wir es richtig, wenn die Zivilgesellschaft in der T\u00fcrkei in ihrer Erinnerungsarbeit nicht alleine gelassen, sondern \u2013 im Sinne einer t\u00fcrkisch-armenischen Vers\u00f6hnung \u2013 auch durch transnationale Zusammenarbeit gef\u00f6rdert wird. In dem wir die B\u00fcrger der T\u00fcrkei und die t\u00fcrkischst\u00e4mmigen in der Welt dabei unterst\u00fctzen ihr Nationen- und Minderheitenverst\u00e4ndnis zu \u00fcberdenken und ihren eigenen Gr\u00fcndungsmythos infrage zu stellen, leisten wir einen vern\u00fcnftigen Beitrag daf\u00fcr, dass die T\u00fcrkei ihre Geschichte aufarbeitet, den V\u00f6lkermord anerkennt, sich von den T\u00e4tern distanziert und den Minderheiten in diesem Land mehr rechte einr\u00e4umt.<\/p>\n<p>Gleichzeitig soll auch hier in Deutschland der Verst\u00e4ndigungsprozess vorangetrieben werden. Das Thema V\u00f6lkermord an den Armeniern, welches vom Bundespr\u00e4sidenten Joachim Gauck als \u201e<em>Beispielhaft f\u00fcr die<\/em> Geschichte der Massenvernichtungen\u201c bezeichnet wurde, soll in die schulischen Geschichtsb\u00fccher, auch hier in Baden-W\u00fcrttemberg. Auch der Dialog zwischen in Deutschland geborenen und lebenden Menschen mit armenischer, aram\u00e4ischer, griechischer und t\u00fcrkischer Abstammung sollten gef\u00f6rdert werden. Denn so k\u00f6nnen wir von hier aus f\u00fcr die Vers\u00f6hnung dieser V\u00f6lker beitragen. Nur so k\u00f6nnen wir die Botschaft verbreiten, dass Hass und Nationalismus keine L\u00f6sung sein k\u00f6nnen. Nur so k\u00f6nnen wir erreichen, dass nach den Anschl\u00e4gen an christliche Minderheiten in muslimischen L\u00e4ndern, die in Deutschland lebenden Muslime genauso sich an die Seite der Christen stellen, wie die Christen es bei den Anschl\u00e4gen auf die Muslime tun. Nur so k\u00f6nnen wir unseren muslimischen Mitb\u00fcrgern dazu bewegen, dass sie sich daf\u00fcr einsetzen, dass auch die Christen in den muslimischen L\u00e4ndern ihren Glauben, ihre Tradition, ihre Kultur und Sprache frei aus\u00fcben d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Unsere t\u00fcrkischst\u00e4migen Mitb\u00fcrger, aber auch die B\u00fcrger der T\u00fcrkei, sollten begreifen, dass eine zeitgem\u00e4\u00dfe Identit\u00e4t nur auf Grundlage der ethnisch-kulturellen Vielfalt der T\u00fcrkei gelingen kann. Die Minderheiten sind keine Gefahr und Bedrohung f\u00fcr die T\u00fcrkei, sondern vielmehr eine Chance und Bereicherung.<\/p>\n<p>Ich wende mich heute an alle Beteiligten mit der Bitte sich daf\u00fcr einzusetzen, dass wir nicht mehr erfahren m\u00fcssen, dass \u201e<em>Die himmlischen Scharen erstaunten mit Schrecken und die V\u00f6lker waren best\u00fcrzt und in ungeheuren Schrecken versetzt: als sie sahen, wie das alte Eden zum Schauplatz des gl\u00fchenden H\u00f6llenfeuers von Kains S\u00fcnde wurde, und die erneute Opferung des neuen Adam.\u201c. <\/em>Wir haben genug M\u00e4rtyrer gegeben und es ist mehr als genug unschuldiges Blut geflossen. Wir haben nun den Auferstandenen Jesus Christus, der einmal f\u00fcr immer geopfert wurde und durch seinen Tod den Tod besiegte. M\u00f6ge das strahlende Leuchten des Auferstandenen auch uns erleuchten und uns aus uns Diener des Friedens machen. Amen.<\/p>\n<p>Pfr. Dr. Diradur Sardaryan<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die himmlischen Scharen erstaunten mit Schrecken und die V\u00f6lker waren  [&#8230;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":6874,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-7028","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-unkategorisiert"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/agbw.org\/am\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7028","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/agbw.org\/am\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/agbw.org\/am\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/agbw.org\/am\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/agbw.org\/am\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7028"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/agbw.org\/am\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7028\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/agbw.org\/am\/wp-json\/wp\/v2\/media\/6874"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/agbw.org\/am\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7028"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/agbw.org\/am\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7028"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/agbw.org\/am\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7028"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}