Besinnung in Bartenbach

beim Ökumenischen Gottesdienst in Bartenbach
Pfarrer Dr. Diradur Sardaryan
10.04.2016, Göppingen

Und ich habe noch andere Schafe,
die sind nicht aus diesem Stall;
auch sie muss ich herführen,
und sie werden meine Stimme hören,
und es wird eine Herde und ein Hirte werden.
Jh. 10, 16

Lieber Pfarrer Steinbach,
Liebe Schwestern und Brüder,

in den letzten Tagen gab es wenig Erfreuliches für die Armenier in Berg-Karabach, in Armenien und in der Diaspora. In der Nacht vom 1. April, auf den 2. April eskalierte der Konflikt zwischen Aserbaidschan und Berg-Karabach. Die aserbaidschanische Seite begann eine massive Offensive entlang der gesamten Demarkationslinie und setzte schweres Kriegsgerät, Artillerie und Luftwaffe ein…

Desto mehr freut es uns, dass wir, Armenier, einer der ältesten christlichen Nationen der Welt, Freunde haben, die in schwerer Stunde uns beiseite stehen. Sie, liebe Bartenbacher, beherbergen uns seit nun mehr als 30 Jahren. Vor 30 Jahren stellten sie uns die wunderschöne Dorfkirche, das Wahrzeichen Bartenbachs, zur Verfügung. Sie war verlassen, sie war nicht mehr groß und schön Genug. Sie haben hier dieses wunderschöne Haus gebaut, um Ihr Gemeindeleben hier fortzuführen. Die alte Mutter, zunächst vieler Katholiken, später vieler evangelischer Christen, sie stand alleine, ungenutzt.

Da kamen die Armenier, wie das Evangelium, das wir am Anfang gehört haben sagt: „die anderen Schafe, die nicht aus diesem Stall waren“ (Jh 10, 16) und wurden zu „einer Herde“ mit Ihnen. Denn im gewissen Sinne sind alle Armenier in Baden-Württemberg seit 30 Jahren auch Bartenbacher, und wir alle haben einen Hirten, den Menschgewordenen Wort Gottes, Jesus Christus.

Was ich sehr bedauere ist, dass wir seit mehr als 30 Jahren nebeneinander sind, wir brauchen aber alle ein christliches Miteinander. Eine Herde sein heißt nicht nur den selben Hirten zu haben. Es ist viel mehr daran versteckt. Es bedeutet, dass wir uns öfters begegnen sollten, dass wir einander besser kennen sollten, dass wir einander unterstützen sollten. Darum bemühen wir uns in der letzten Zeit mit unserem Bruder Steinbach, ein Miteinander zwischen der evangelischen Gemeinde in Bartenbach und der Armenischen Gemeinde in Baden-Württemberg zu ermöglichen.

Ja, ein Miteinander in Zeiten, in denen in vielen Ländern Christen in ihrem Glauben behindert, um Jesu willen benachteiligt oder verfolgt werden. Unter diesen verfolgten und bedrängten sind u.a. die Kinder meines Volkes, die Kinder der Armenischen Kirche. Die Aserbaidschaner erkennen das Recht der Armenier auf ein friedliches Leben in Berg-Karabach nicht an, und drohen ständig damit uns auszurotten, die Regierung dieses Landes predigen seit Jahrzenten Hass unserem Volk gegenüber. Das haben sie bei der Türkei gelernt, die seit Jahrhunderten unser Volk unterdrückt. Vor 101 Jahren kam es dann zum Völkermord an den 1,5 Millionen Armenier und anderen christlichen Minderheiten, bis heute will die Türkei es nicht anerkennen und gießt sogar Öl ins Feuer beim Konflikt um Berg-Karabach, in dem er die volle Unterstützung „bis zu Letzt“ an Aserbaidschan zusagt. Wir werden, zusammen mit unseren Aramäischen Geschwistern und anderen Minderheiten, auch aus Syrien weggetrieben. Unsere christlichen Schwestern und Brüder werden wegen Ihren Glaubens an Jesus Christus aber auch hier in Deutschland bedrängt, in mehreren Flüchtlingslagern und Unterkünften.

Eine Herde zu sein, heißt, liebe Schwestern und Brüder, denselben Hirten zu haben und an ihn zu glauben. Den Hirten, nämlich, der sein Leben für seine Schafe gelassen hat, der für sie in die Welt gekommen ist um für sie zu leiden, gekreuzigt zu werden, begraben zu werden, aber auch um das Böse zu besiegen, um aufzuerstehen von den Toten, um die Türen der Hölle zu zerstören und seiner Herde das ewige Leben zu schenken. Deshalb müssen wir versuchen unser Leben so zu gestalten, dass wir würdig werden seine Herde zu sein. Wir müssen uns bemühen Ihm ähnlich zu werden, u.a. auch dadurch, dass wir uns für Verurteilung des Bösen einsetzen, für den Frieden einsetzen, für ein gutes Miteinander einsetzen.

Wir wissen, dass unser Hirte gesagt: „Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen“ (Jh. 10, 27). Deshalb werden wir zu „einer Herde und ein Hirte“ (Jh. 10, 16). Amen.

2018-03-26T18:01:00+00:0010 April 2016|