Bibel 2017-11-10T10:47:55+00:00

Die Bibel

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„Wir erkennen das Hl. Evangelium als unseren Vater
und die Apostolische Allgemeine Kirche als (unsere) Mutter“
(Yegische, Geschichtsschreiber, 5. Jh.)

Wenn wir die Rolle der Bibel in der Armenischen Kirche betrachten, denken wir an die Rolle des Blutes, wie es im menschlichen Körper kreist. In der gesamten Geschichte der Armenischen Kirche, wie auch heute, nimmt die Bibel eine zentrale Stellung ein.

Astvacašunč‘ (arm. Hauch Gottes) wird die Bibel auf Armenisch genannt. Sie ist das Buch der Bücher, die schriftliche Offenbarung Gottes der Menschheit. Sie ist die Quelle, auf der das Bekenntnis, die Theologie, die Gottesdienste (im breiten Sinn des Wortes) und das gesamte Leben der Kirche basiert sind. Den großen Ehrfurcht vor der Astvacašunč‘ haben die Armenier gerade deshalb, weil sie von Gott selbst inspiriert ist. Gerade die göttliche Inspiration macht sie so einzigartig und ihre Autorität – unwiderlegbar. Für die Armenier ist die Bibel tatsächlich der Hauch Gottes, der sich in Form einer geistigen und intellektuellen Kraft ausbreitet, um Gnade und Weisheit zu schenken, die die buchstäbliche Bedeutung der Worte als solche übersteigt.

Die Bibellektüre wird in der Armenischen Kirche als ein untrennbarer Teil des gemeinschaftlichen Lebens der Kirche (Gottesdienste, Katechumenenunterricht, Theologie etc.) und des persönlichen Lebens des einzelnen Gläubigen (persönlicher Gebet, spirituelles Leben etc.) verstanden. Begründet wird die Notwendigkeit der ständigen Bibellektüre mit Hilfe der Heiligen Schrift selbst (Vgl. z.B. 5. Mose 6, 6 – 9; 5. Mose 11, 18 – 21; 4. Mose 15, 39 – 40; Ps. 1, 2; Jh. 5, 39; 1. Tim. 4, 13 – 16 u.a.). Die Kirchenväter weisen darauf hin, dass die Bibellektüre nicht mit der Lektüre anderer Bücher verglichen werden kann, denn sie sei mehr als nur Aufnahme von Informationen, sie sei ein Gespräch, ein Dialog mit dem Schöpfer selbst. Das Wort Gottes, welches im Astvacašunč‘ offenbart wird, hat die Kraft, Trost zu spenden, zu heilen und die Seelen der Menschen zu erneuern:  „Der Mensch lebt nicht nur von Brot, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt.“ (Mt 4, 4) und „Es ist eine Kraft Gottes, die jeden rettet, der glaubt“ (Röm 1, 16). Es ist „Helm des Heils und Schwert des Geistes“ (Ep 6, 17). Es ist ein „Hammer, der Felsen zerschmettert“ (Jer 23, 29) und ein „Feuer“, der die Unreinheit der Seelen verbrennt. „Es ist ein Licht, das an einem finsteren Ort scheint, bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht“ in den Herzen der Gläubigen (2. Petr. 1, 19). Und letztendlich ist es das „Wort Gottes“ welches uns den Weg zum Ewigen Leben zeigt (Phil. 2, 16).

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Im Armenischen heißt die Bibel mit ihrem vollen Namen „Asdwadzaschuntsch Madyan“, eine Bezeichnung, die allgemein von der Bevölkerung gebraucht wird und nicht nur auf Geistliche oder Theologen beschränkt ist. Es bedeutet „Göttlich inspiriertes Buch“. Aber die Bibel wird einfach „Asdwadzaschuntsch“ genannt, was „Hauch Gottes“ bedeutet. Dieser Name hat seinen Ursprung in den Schriften des Apostels Paulus (siehe 2. Timotheus 3, 16). Während Paulus diesen Begriff beiläufig gebraucht, haben die Armenier darin eine reiche theologische Wirklichkeit erkannt, welche die Bibel in ihrem tiefsten und wahrsten Sinn ausmacht. Das Wort deutet auf den Kern des Standpunktes der Armenier hin. Für sie ist die Bibel tatsächlich der Hauch Gottes, der sich in Form einer geistigen und intellektuellen Kraft ausbreitet, um Gnade und Weisheit zu schenken, die die buchstäbliche Bedeutung der Worte als solche übersteigt.

Schauen wir uns die Bibel aus der Perspektive der armenischen Geschichte an. Wann kamen die Armenier erstmals mit ihr in Berührung?

Der christliche Glaube in Armenien ging dem Text der Bibel voraus. Schon im ersten Jahrhundert brachten apostolische Missionen das Christentum in unser Land. Laut einer frühen Überlieferung wurde das Christentum in Armenien zuerst durch den Hl. Taddäus und den Hl. Bartholomäus, zwei der zwölf Apostel Jesu, verkündigt. Aber bis zu Beginn des fünften Jahrhunderts predigten die Mönche und Missionare das Evangelium, lasen aus der Bibel in Griechisch oder Syrisch, und übersetzten diese Lesungen mündlich ins Armenische. Aber diese Methode, das Wort Gottes zu verbreiten, war entmutigend und ineffektiv. Geschichtsschreiber des vierten und fünften Jahrhunderts legen wenig begeisternde Zeugnisse über die Lage des Christentums in Armenien ab. Obwohl die Leute als Christen getauft waren, beklagen sich diese Schreiber gewöhnlich über die Gleichgültigkeit und Teilnahmslosigkeit der Bevölkerung. Tatsächlich waren die Neubekehrten nicht zu einem christlichen Leben geführt worden, weil sie keinen direkten Zugang zu Gottes Wort in ihrer eigenen Sprache hatten. Sie wussten von der Bibel, aber kannten die Bibel nicht. Das Christentum schien etwas außerhalb ihres Lebens in ihrem Volk und ihrer Heimat zu sein – etwas, was ihnen auferlegt und ihrem von Geburt überkommenen kulturellen Ethos fremd war.

In den Worten eines Geschichtsschreibers aus dem fünften Jahrhundert, Pavstos von Byzanz:

„Tag und Nacht schütteten die Mönche die christliche Lehre über die Bevölkerung aus, wie einen sturzbachartigen Regen aus den Wolken, aber keiner von ihnen, nicht ein einziger, konnte ein Wort verstehen“.

Es gab eine Art unsichtbaren, aber undurchdringlichen Schirm zwischen dem Wort Gottes und der Bevölkerung. die Heilige Schrift war in den Ohren der Armenier eine Fremdsprache, die keinen unmittelbaren Weg zu ihren Herzen und ihrem Verstand fand.

Unter diesen Umständen konnte die Evangelisationsarbeit bestenfalls ein langsamer Prozess mit entmutigender Wirkung auf die Prediger sein. Sicherlich gab es kein besseres Mittel, diese Aufgabe zu erfüllen, als dem Volk einen unmittelbaren Zugang zu der ursprünglichen Niederschrift des christlichen Glaubens -zu Heiligen Schrift- zu ermöglichen. Eine Kirche ohne die Bibel in den Händen ihrer Gläubigen konnte inmitten einer heidnischen Welt weder lange standhalten noch festbleiben. Den armenischen Kirchenvätern war die Notwendigkeit einer armenischen Übersetzung der Bibel äußerst bewusst. Aber zu der Zeit war wein armenisches Alphabet nicht vorhanden.

Anfang des 5. Jahrhunderts konnte ein Geistlicher -Mesrop Maschtotz, ein Mönch, der seine Missionierungsarbeit den abgelegenen Provinzen Armeniens widmete ein Alphabet entwickeln, das alle Besonderheiten der armenischen Aussprache wiedergeben konnte. Es folgte die große Arbeit der Übersetzung der Bibel. Die Übersetzung der Heiligen Schrift erzeugte bei den Armeniern eine völlige Umwandlung oder Umformung, deren wohltätige Auswirkungen nicht nur im fünften Jahrhundert sondern auch in den späteren Jahrhunderten bemerkbar wurden. Die gesamte armenische Literatur – und es wäre keine Übertreibung zu sagen: die gesamte armenische Kultur – wurde tief beeinflusst, nicht nur auf linguistische und literarische Weise, sondern auch und insbesondere auf psychologische, geistige und geistliche Weise. Mit den Worten eines berühmten armenischen Gelehrten, des Historikers und Byzantinisten Nikoghayos Adontz:

„Die lateinische Vulgata hatte nicht die gleiche Wichtigkeit für die lateinischen Länder, wie die armenische Bibel für die Armenier. Die lateinische Literatur bestand seit langem, als die Vulgata erschien. Die armenische Bibel hingegen führte den Beginn eines neuen Zeitalters herauf, in dem das armenische Volk, indem es erstmalig den Gebrauch des Schreibstiftes lernte, seinen Platz in der Weltzivilisation einnahm“.

In der gesamten klassischen armenischen Literatur kann man den Einfluss der Bibel erkennen. Sie kündigte nicht nur das Erwachen der armenischen Literatur als solcher an, sondern sie wurde die Inspiration für den gesamten Verlauf jener Literatur für viele spätere Jahrhunderte.

Der größte Teil der verbliebenen armenischen Manuskripte sind entweder vollständige Bibelexemplare oder Teile der Bibel als eigene Bücher -hauptsächlich das Neue Testament und die Psalmen.

Zwischen den Anfängen der armenischen Bibel im Jahr 407 und ihrer ersten gedruckten Ausgabe 1666 entstanden tausende Hand­schriften, die von ihren Schreibern und Buchmalern reich bebildert wurden. Die ältesten erhaltenen Handschriften stammen aus dem 12. Jahrhundert. Aufbewahrt wird die älteste bebilderte armenische Bibelhandschrift in Jerusalem; sie entstand im Jahr 1269.
In der Zeit des Katholikos Pilip­pos I Aghbaketsi wurde in Ams­terdam ein armenischer Verlag gegründet. Damit begann das gol­dene Zeitalter des armenischen
Buchdrucks. In diese Zeit fällt auch der Druck der ersten arme­nischen Bibel im Jahr 1666. Die zweite Ausgabe der Bibel in klas­sischem Armenisch wurde im
Jahr 1805 veröffentlicht; ihr folgte eine überarbeitete Ausgabe im Jahr 1860.

In der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde das klassische Armenisch durch das umgangssprachliche  «askharabar» ersetzt. Davon gibt es zwei schriftliche Varianten, das sogenannte. «Ostarmenisch» und das «Westarmenisch». Erstere folgt dem Ararat­ Dialekt, letztere dem­ jenigen Konstantinopels.

1813 wurde das Matthäusevange­lium aus dem klassischen Arme­nisch ins Ostarmenische übersetzt, 1843 folgte das Neue Testament. 1882 kam es zur Veröffentlichung des Neuen Testaments aus dem Griechischen und 1883 der voll­ ständigen Bibel aus dem hebräi­schen und griechischen Urtext. Die Revision dieser vollständigen Bibelübersetzung in modernes Ost­ armenisch war ein Werk der Armenischen Bibelgesellschaft. Im Jahr 1994 erschien auf Initiative des Katholikates aller Armenier in Etschmiadsin und der Armeni­schen Bibelgesellschaft eine Revi­sion der Ostarmenischen Bibel­übersetzung von Arsen Bagratuni (Venedig 1860). Diese Bibelausgabe wurde in den Jahren 1999 bis 2012 mehrfach nachgedruckt. Es handelt sich um die erste offizi­elle Bibelausgabe der Armenisch­ Apostolischen Kirche. Sie enthält auch die griechisch verfassten Bücher des Alten Testaments, die als deuterokanonische  Bücher  oder  «Apokryphen» bekannt sind.

Die  westarmenische  Übersetzung der Bibel  wurde  1853  gedruckt.

Heute  gibt  es  eine  Vielzahl  Bibelausgaben sowohl in Ostarmenisch als auch in Westarmenisch. Ein europäischer Armenologe bezeichnete die klassische Bibelübersetzung ins Armenische als die «Königin aller Übersetzungen» – eine Anspielung auf die Genauigkeit und die Ausdrucksvielfalt der armenischen Sprache.

Arshavir Kapoudjian, Armenische Bibelgesellschaft
Übersetzung: Jutta Henner

Ursprünglich beschränkten sich die Liturgietexte der Armenischen Kirche wie auch in vielen Ostkirchen auf den biblischen Wortschatz. Die Anbetung war eine so heilige Handlung, dass Worte rein menschlichen Ursprungs nicht für angemessen gehalten wurden. Das frühe liturgische Gebet bestand aus dem Gebet des Herrn, den Psalmen und biblischen Abschnitten. Diese bleiben auch in der weiteren Entwicklung die grundlegenden Strukturelemente der armenischen Liturgie. Die Liturgie der Armenischen Kirche, so wie sie in ihre grundsätzlichen Bestandteilen im fünften Jahrhundert geprägt wurde, behielt diese Tradition; und sogar in ihrer gegenwärtigen vollen Form ist eine beträchtliche Anzahl der liturgischen Abschnitte aus der Heiligen Schrift entnommen. Jeden Sonntag wird vor der neutestamentlichen Lesungen aus dem Alten Testament gelesen. Es wird aus den fast allen Büchern des Alten Testament gelesen. Das ganze Neue Testament wird gelesen und die Evangelien werden mehr als einmal im Jahr gelesen. Während der Karwoche sowie in den fünfzig Tagen nach Ostern finden Schriftlesungen mehr als zu allen anderen Zeiten des liturgischen Jahres statt.

Einige liturgische Praktiken betonen diese Ehrfurcht gegenüber dem Wort Gottes. In bestimmten Abschnitten der eucharistischen Liturgie und in anderen Gottesdiensten wird das Hl. Evangelienbuch, das immer mit einem sauberen Tuch berührt wird, hochgehalten als ein Zeichen der Lobpreisung und Verehrung. Immer wenn ein Priester, ein Diakon oder ein Mitglied des Chores die Kanzel betritt, küsst er das Evangelium, das immer auf dem Bema des Altars liegt. Das Evangelium befindet sich auch immer auf dem Altartisch. Am Ende eines Gottesdienstes, bevor die Gemeinde die Kirche verlässt, nähern sie sich dem Priester, der sie mit dem Evangelium zum Segen darbietet. Der Priester erteilt gelegentlich den Segen mit dem Hl. Evangelium.

Selbstverständlich haben alle diese Handlungen eine symbolische Bedeutung, sie deuten beredt und suggestiv auf die tiefempfundene geistliche Verehrung des armenischen Volkes gegenüber der Heiligen Schrift hin. Die Kraft des Wortes Gottes wird so in einem liturgischen Akt anerkannt.

Unglücklicherweise erlebte der historische Einfluss der Bibel auf das Leben des armenischen Volkes während des größten Teils des 20. Jahrhunderts eine entmutigende Periode. Dies geschah größtenteils aufgrund der unbeschreiblichen Verfolgungen und Wechselfälle, die das armenische Volk in der jüngsten Geschichte erleiden müsste.

In der letzten Generation jedoch gibt es positive Zeichen eines echten Bewusstseins, für die Notwendigkeit, den historischen Platz der Bibel in der Armenischen Kirche wiederherzustellen und den geistlichen Reichtum der Bibel im Leben des armenischen Volkes wiederzuentdecken und wiederzubeleben. Die jüngere Generation der Geistlichen – die in den Seminaren ausgebildet werden, wo biblische Studien mehr und mehr Aufmerksamkeit finden – wird hoffentlich das Hauptwerkzeug für die Erneuerung der biblischen Tradition in der Armenischen Kirche im neuen Jahrhundert sein. Des gleichen die Sonntagsschulen, in denen die Bibel regelmäßig gelesen und studiert wird.

Die Bibel und die Kirche können nicht voneinander getrennt werden. Sie waren niemals getrennt. Auch heute muss die Bibel im Rahmen des gesamten Lebens der Kirche verstanden und gelebt werden, nämlich in den untereinander zusammenhängenden Bereichen des christlichen Denkens und Zeugnisses: der Theologie, der Spiritualität, der Liturgie, der Mission und des Dienstes.

Weiterführende Links

Armenische Bibelgesellschaft

Deutsche Bibelgesellschaft

Bibelwissenschaft

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bibliorama – Das Bibelmuseum in Stuttgart