Bibelarbeit über 1 Mose 22, 1-19 zum Deutschen Evangelischen Kirchentag, Dortmund, gehalten von Pfr. Dr. Diradur Sardaryan im Dialog mit Johannes Kärcher, am 21. Juni 2019 in St. Franziskus, Dortmund.

Die Erprobung Abrahams

Die Erprobung Abrahams

Lesen Sie heir den Bibeltext 1.Mose 22,1-19 hier.
Die Erprobung Abrahams

Was für eine schreckliche Geschichte oder was für ein Vertrauen?!

Keiner wird bestreiten, dass der Text den Leser durch seine Härte, durch die unaussprechliche Provokation, die darin steckt erschüttert. Wer ist dieser Gott, der fordert, dass ein Kind zum Opfer gebracht wird und was ist Abraham für ein Vater, was ist Sara für eine Mutter, die in Ihrer Gehorsam soweit gehen, dass sie ohne Wenn und Aber bereit sind ihren einzigen Sohn zu opfern? Warum kann Abraham sich nicht wehren, warum kämpft er sich nicht um sein Kind und setzt sich nicht auseinander mit Gott? Warum gibt er keine Antwort an Isaak, als er nach dem Opfer gefragt wird? Warum gibt es kein Gespräch zwischen Vater und Sohn?

Diese Geschichte ist eine wahre Versuchung nicht nur für Abraham, sondern auch für den Leser. Vor allem, wen dieser nicht unbedingt in einer engen Verbindung zur hermeneutischen Tradition der Kirche steht. In unserem, orthodoxen Verständnis, kann die Antwort auf durch die Lesung der Schrift entstehende Fragen nur in der Tradition der Kirche gesucht und gefunden werden. Die Kirche bildet hier einen unabdingbaren hermeneutischen Rahmen für die Schriftauslegung. Sie ist ein gottmenschlicher Organismus, welches vom Heiligen Geist geleitet wird (Joh 14,26; Joh 16,13f.) und deshalb die Autorität der Auslegung die ihr geoffenbarter Wahrheit (Florovsky, 1951, 193) besitzt. Auch die Heiligen Schrift an sich ist innerhalb der Tradition der Kirche entstanden (Breck, 2001, 9f.; Mihoc, 2005, 63; Nikolakopoulos, 2015a, 65). Die Autorität der Schrift kann also nicht außerhalb der Kirche und ihrer Tradition konstituiert werden (Florovsky, 1951, 185; Mihoc, 2005, 41). Hier ist zu betonen, dass in der Orthodoxen Kirche eine besondere Bedeutung die Schriften der Kirchenväter haben, die als Zeugen der apostolischen Überlieferung, einen integralen Teil der Tradition, die die Auslegung der Heiligen Schrift mitbestimmen (Nikolakopoulos, 2015b, 2) bilden.

Für die Deutung der Ereignisse der Heilsgeschichte ist in der orthodoxen Perspektive die sogenannte typologische Methode relevant, wonach die Ereignisse des Alten Testaments Sinnbilder und Vorabbilder der neutestamentlichen Ereignisse im Sinne der interpretatio christiana (Nikolakopoulos, 2015a, 65) sind. Deshalb kann ein orthodoxer Christ nach der Lesung der Geschichte von Abraham und Isaak staunend fragen: was für ein Vertrauen?!

Abrahams Lebensweg

Wer ist Abraham und worüber spricht das Buch Genesis, wenn es heißt: „Nach diesen Ereignissen…“, was waren es für Ereignisse? Das Leben Abrahams, so wie wir darüber aus dem ersten Buch der Bibel, 1. Mose, erfahren, lässt sich in drei Teile einteilen: Kapitel 12–14, Kapitel 15–21 und Kapitel 22–25. Dabei werden der zweite und dritte Teil mit den Worten „Nach diesen Ereignissen…“ eingeleitet.

In 1. Mose 22 beginnt der dritte und letzte Abschnitt im Leben Abrahams. Bis dahin hatte Abraham bereits ein äußerst bewegtes und ereignisreiches Leben hinter sich. Abraham, der zum ersten Patriarchen Israels wird, folgt dem Befehl Gottes und verlässt seine Heimatstadt Ur in Chaldäa und zieht nach Kanaan. Abraham und seine Frau Sara sind im hohen Alter, als sie aufbrachen. Dennoch verspricht Gott dem Abraham den Segen eines Kindes.  Sara, lacht darüber und wird von Gott zurechtgewiesen. Abraham glaubt Gott, obwohl er durch viele Versuchungen bzw. Erprobungen hindurchmuss, bis der Isaak geboren wird.

Auf seinem Lebensweg zeigt Abraham immer wieder auch seine menschlichen Schwächen. Nach Jahren des Wartens geht er nach dem damaligen Gesetz zu Saras ägyptischer Magd Hagar und zeugt ein Kind, welches Sie, zur Legitimation als angenommener Nachfolger, „auf den Knien“ der Sara gebar. Das Kind erhielt den Namen Ismael. Später wird Abraham ihre Magd Hagar und den Sohn Ismael wegschicken.

In Kanaan erlebt Abraham die Hungersnot und zieht Ägypten. In Ägypten will der Pharao seine Frau Sara heiraten, doch Gott plagt den Pharao. Abraham und Sara dürfen zurückkehren, nach Kanaan.

Seinen Neffen Lot befreit Abraham aus der Gewalt fremder Könige und erlebt das Gericht Gottes über Sodom und Gomorra mit. Anschließend hält er sich eine Zeit lang in Gerar bei Abimelech, der Sara heiraten will. Nach dem Gott dem König offenbart, dass Sara die Frau Abrahams ist, dürfen Abraham und Sara weiterhin im Reich Abimelechs leben. Abraham und Abimelech schießen ein Bund in Beerscheba um friedlich zu koexistieren.

Man würde denken, es sei Zeit, dass Abraham zur Ruhe zu kommt. Doch Gott will noch sein Versprechen erfüllen und Abraham einen leiblichen Sohn schenken aber auch den Glauben Abrahams aufs Äußerste erproben. Sara wird im hohen Alter schwanger und bekommt den langersehnten leiblichen Sohn. Er bekommt den Namen Isaak (hebr.: jiza’ak , ein Lachen). Nun aber wird Abraham vom Gott aufgefordert gerade diesen Isahak als Opfer auf dem Berg Moriah darzubringen.

Eine unverständliche Anweisung?

„Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst, Isaak, geh in das Land Morija und bring ihn dort auf einem der Berge, den ich dir nenne, als Brandopfer dar!“ (1. Mose 22, 2).

Was für eine Anweisung? Ist es der Gott der Liebe, der Gott den Mord mehrfach verneint und ausdrücklich verbietet? Ist er so grausam? Ist er so grausam gerade mit Abraham, mit dem er in so einer engen Beziehung steht, dass er direkt mit ihm spricht?

Die Anweisung an Abraham beginnt mit: „Nimm deinen Sohn … und geh hin in das Land Morija auf einen Berg, den ich dir zeigen werde“ (1. Mos. 22,2). Ähnlich wurde Abraham aufgefordert ihre Heimatstadt zu verlassen: „Gehe aus deinem Land und aus deiner Verwandtschaft und aus dem Haus deines Vaters in das Land, das ich dir zeigen werde“ (1. Mos. 12,1; Apg. 7,3). Somit wird es angedeutet, dass das Land, welches Gott für Abraham vorbereitet hat, erst seine Erfüllung findet, als Abraham auf dem Berg Morija angekommen ist. Nach 2. Chr 3,1 ist der „Berg Morija“ eindeutig der Tempelberg. Hier, am Ort, wo Gott dem Vater von Solomon David erscheint, baut Solomon nun den ersten Tempel.

Gleichzeitig sehen wir neben der Ähnlichkeit der Anweisungen „steh auf und geh“ einen großen Unterschied. In 1. Mose 12 soll Abraham seine Wurzeln aufgeben und sich von seiner Vergangenheit trennen. IN 1. Mose 22 soll Abraham seine Zukunft preisgeben. Dabei ist es zu bemerken, dass Abraham seine Vergangenheit einfach hinter sich lässt, ohne aufgefordert zu werden jemanden zu töten oder umzubringen. Nun aber wird Abraham aufgefordert seinen Sohn zu opfern.

Im Umfeld Abrahams waren Kinderopfer durchaus üblich. Zu den Bräuchen des kanaanitischen Kultes gehörten auch Kinderopfer. In Jeremia 32 lesen wir, dass einige Israeliten diesen Brauch übernahmen. „Sie errichteten die Kulthöhen des Baal im Tal Ben-Hinnom, um ihre Söhne und Töchter für den Moloch durchs Feuer gehen zu lassen.“ (Jeremia 32,35). Doch die Tötung eines Menschen und vor allem die Tötung des eigenen Kinders wurde von Gott mehrfach nachdrücklich untersagt (1. Mos. 9,6; 2. Mos. 20,13; 3. Mos. 18,21; 5. Mos. 18,10).

Noch unverständlicher ist die Anweisung Gottes an Abraham, wenn man bedenkt, dass Isaak nicht „irgendein“ Kind ist, sondern der Sohn der Verheißung (1Mos. 17,21). Im Hebräerbrief lesen wir: „Aufgrund des Glaubens hat Abraham den Isaak hingegeben, als er auf die Probe gestellt wurde; er gab den einzigen Sohn dahin, er, der die Verheißungen empfangen hatte 18 und zu dem gesagt worden war: Durch Isaak wirst du Nachkommen haben.“ (Hebr. 11,17-18). Nun soll dieser Isaak geopfert werden.

Gott prüft den Patriarchen

Der Lebensweg Abrahams ist auch der Weg des Vertrauenswachstums zwischen ihm und Gott. Der Patriarch soll in seinem Glauben und in seinem restlosen Gottesvertrauen wachsen, denn mit ihm hat Gott einen Bund aufgerichtet. Jede Erprobung ist eine weitere Stufe, die den Abraham näher zu Gott bring. Zum Zeitpunkt, wo er Aufgefordert wird den Isaak zu opfern ist er soweit in seinem Glauben und in seinem Vertrauen gewachsen, dass er die Anweisung Gottes nicht mehr in Frage stellt. Er ist soweit gewachsen, dass er im vollen Vertrauen in die Tat, das umsetzt, was wir in unserem täglichen Gebet „Vater unser…“ oft aussprechen und sehr selten über die Konsequenzen dieses Gebetes nachdenken, nämlich: „Dein Wille geschehe“. Abraham vertraut Gott. Sein Gehorsam kommt durch seinen festen Glauben, „dass Gott imstande ist, auch aus den Toten aufzuerwecken“ (Hebr. 11, 19). Als Isaak ihn nach dem Opferlamm fragt, antwortet Abraham ohne zu zweifeln: „Gott wird sich das Lamm für das Brandopfer ausersehen, mein Sohn.“ (1. Mos 22, 8). Und hier sehen wir, dass nicht nur Abraham Gott vertraut, sondern auch Isaak seinem Vater vertraut. Was für ein Vertrauen!

Warum will Gott aber den Abraham erproben, weiß er nicht, wenn er zum Patriarchen berufen hat? Doch das weiß er. Aber Abraham weiß es noch nicht, wieweit er gewachsen ist. Als der Engel dem Abraham vom Himmel her zurief und ihm untersagte, Isaak anzutasten, sagte er: „Nun weiß ich, dass du Gott fürchtest…“ (1Mos. 22,12). Es wäre falsch zu denken, dass der allwissende Gott nach der Versuchung mehr wusste, als was ihm vorher bekannt war. Der Unterschied zwischen der Zeit vor der Versuchung und danach bestand darin, dass nun offenbar geworden wurde, was Gott an Abraham getan hatte. Und nun hören wir die Verheißung an Abraham auch in einer anderen Formulierung als früher: „Weil du getan hast…, darum werde ich…„. Gott lobt das Tun aus dem Glauben. Der lebendige Glaube bringt reiche Frucht. Darüber spricht auch der Hl. Apostel Jakobus, der im Blick auf die Opferung Isaaks sagt, dass Abraham „durch Werke gerechtfertigt“ worden ist: Der Glaube wirkt „zusammen mit den Werken“. Ja, „der Glaube wird durch die Werke vollkommen“ (Jak. 2, 21.22).

Opferung Isaaks und Kreuzigung Christus

Die Kirchenväter sehen in der Opferung Isaaks ein Vorbild der Kreuzigung aber auch der Auferstehung Jesu Christi. Der Befehl an Abraham den eigenen Sohn zu opfern, sei ein Hinweis auf das Opfer Jesu Christi auf Golgatha. Die Antwort Abrahams an Isaak „Gott wird sich das Lamm für das Brandopfer ausersehen“ (1. Mos 22, 8) deutet die Kirche als Prophezeiung auf Jesus Christus. Gott der Vater ersieht sich das Lamm, in dem Er „die Welt so sehr geliebt hat, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat.“ (Joh. 3,16). Dieser eingeborener ist der, über den Johannes der Täufer sagen wird: „Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt!“ (Jh 1, 29).

Aus dieser Perspektive wird uns klar, dass Gott nicht nur den Abraham in seinem Glauben prüft, sondern wiederholt jegliche Tötung eines Menschen untersagt, sei es auch so „ehrenvolle Darbringung“ im Augen des Opferdarbringenden, wie das Leben des eigenen Kindes. Der Gott des Lebens braucht keine Opfer durch töten und umbringen. Er alleine bringt Seinen eingeborenen Sohn als Opfer dar, weil er weiß, dass der Tod über ihn keine Macht hat und dass erst der Kreuzestod des menschgewordenen Sohn Gottes den Tod an sich besiegt und die Toren zum ewigen Leben eröffnet.

Seine Grundlage findet die Forderung Gottes an Abraham in dem, was Gott selbst für die Welt, für seine gesamte Schöpfung getan hat. Die Geschichte der Opferung Isaaks führt uns zum Zentrum der Heilsgeschichte. Abraham ist bereit seinen Sohn zu opfert, weil er an die Auferstehung glaubt. Gott Opfert seinen Sohn, weil er die Auferstehung ist und durch ihn wir das Leben in der Ewigkeit erlangen. Er ist das einzige Opfer, das dargebracht wird, „damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat.“ (Joh. 3,16).