Gedenkwort des Pfarrers zum 24. April

Gedenktag des Völkermords an den Armeniern vom 1915 im Osmanischen Reich

Die himmlischen Scharen erstaunten mit Schrecken
und die Völker waren bestürzt und in ungeheuren Schrecken versetzt:
als sie sahen, wie das alte Eden zum Schauplatz

des glühenden Höllenfeuers von Kains Sünde wurde,
und die erneute Opferung des neuen Adam.

Aus dem Šarakan der Hl. Märtyrer vom 1915

Sehr geehrte Damen und Herren,
ja es ist erstaunlich wie grausam der Mensch sein kann. Es ist erstaunlich was Nationalismus, Populismus und Hass für Auswirkungen, durch Generationen hindurch, haben können. Es ist genauso erstaunlich, dass es Menschen und Staaten gibt, die ihre Augen vor der Wahrheit schließen können um ja nicht ein Mythos zu zerstören, auf dem die heutige Türkei aufgebaut ist.

Es hat auch in Deutschland 100 Jahre gedauert bis schließlich 2016 das Deutsche Bundestages die Resolution in der die Massentötung von Hunderttausenden Armeniern im Osmanischen Reich als Völkermord eingestuft hat, verabschiedet wurde. „Wir bezeichnen die Massaker als das, was es war: ein Völkermord“, betonte Dr. Franz Josef Jung (/CSU/CSU) in der rund einstündigen Debatte. Sein Kollege Dietmar Nietan (SPD) bezeichnete den Völkermord an den Armeniern als „großes Menschheitsverbrechen des 20. Jahrhunderts“. Die Ereignisse vor 100 Jahren seien kein „Kollateralschäden der Kriegswirren der damaligen Zeit“ gewesen, wie die türkische Regierung sie beschreibt. „Die systematische Vertreibung und Vernichtung der anatolischen Armenier, wie auch der Aramäer, Assyrer, Pontosgriechen und der chaldäischen Christen war von staatlichen Stellen auf Befehl des damaligen jungtürkischen Regimes systematisch geplant und wurde systematisch durchgeführt“, erklärte er. Ziel sei es gewesen, diese Volksgruppen im damaligen Osmanischen Reich zu eliminieren.
Die Abgeordneten verstanden die Resolution als „Appell zur Aufarbeitung und zur Selbstverantwortung der Türkei“ (Dr. Rolf Mützenich (SPD)) aber auch als „eine Verpflichtung für Deutschland“, sich für eine Normalisierung der Beziehungen zwischen Armeniern und der Türkei einzusetzen und eine Wiederannäherung zu unterstützen (Cem Özdemir (Bündnis 90/Die Grünen)).

Bis zu 1,5 Millionen Armenier haben 1915/16 ihr Leben verloren (heute leben nur noch offiziell rund 60.000 Armenier in der Türkei). Eine der ältesten christlichen Nationen im Osmanischen Reich wurde fast vollständig vernichtet. Zusammen mit den Menschen vernichteten die Jungtürken Bibliotheken und Kirchen, Klöster und Schulen, Jahrtausende alte Kulturdenkmäler. Es war eine Bestrebung der Jungtürken, den vermeintlich inneren Feind als „fünfte Kolonne“ zu beseitigen, um in der Kriegslage auch den Untergang des Osmanischen Reiches zu verhindern.

Die Feindseligkeiten gegenüber den Armeniern wurden durch die Ideologie des Türkentums der Jungtürken genährt. „In der Ideologie der Jungtürken“, so schreibt Mihran Dabag, „war ein türkisches Volk somit nur als ,soziale Einheit‘ denkbar, als absolute ‚Harmonie‘ der Einzelelemente, und als Gesamtzusammenhang von Kultur und Fortschritt, Territorium und Rasse. So wurden die Armenier nicht zufällig im Rahmen der jungtürkischen Ideologie zunehmend zum grundsätzlich Nicht-Integrierbaren Anderen, zum ‚inneren Fremden‘ und ‚politischen Feind‘, zu einem Hindernis für die Verwirklichung ihrer Vision“ (Dabag, Mihran (2014): Der Genozid an den Armeniern. Abrufbar unter: http://www.bpb.de/…/europa/…/184983/genozid-an-den-armeniern).

Die offizielle Türkei entwickelt professionelle Methoden, den Völkermord zu leugnen. Um diese Methoden auf eine „wissenschaftliche“ Grundlage zu stellen, wurden z. B. Institutionen wie die Türkische Historische Gesellschaft (Türk Tari Kurumu, TTK) geschaffen. Die Maßgaben dieser Organisation gelten auch in türkischen Universitäten, Schulen und Medien als verbindlich. Der TTK stand 15 Jahre lang der Historiker Yusuf Halaçoğlu vor, der bekannteste Genozidleugner der Türkei. Es gibt auch einige wenige westliche Historiker, die den Völkermord leugnen. Dabei werden ihre Forschungen regelmäßig durch die Türkei finanziell unterstützt. Auch hier in Deutschland reicht die Lange Hand der offiziellen Türkei. Ich erwähne hier nur auf die Ereignisse, die Drohungsbriefe und die Aussagen der Türkischen Verbände und Vereine in Deutschland nach der Resolution des Bundestages. Ich will auch darauf hinweisen, dass auch unsere Veranstaltungen von der türkischen Seite bespitzelt werden. Die Honorarkonsulate, die Botschaft, die türkischen Gemeinden schicken ihre Mitarbeiter zu unseren Veranstaltungen um dann eine entsprechende Berichterstattung zu machen. Dies führt dazu, dass einige unserer Gemeindemitglieder Angst haben, bei den Gedenkveranstaltungen hier in Deutschland, anwesend zu sein, weil sie Probleme für sich oder für ihre Verwandte in der Türkei befürchten.

Im Gegensatz zu dieser staatlich geförderten historischen Auftragsforschung gibt es in der Türkei (an europäischen und US-amerikanischen Universitäten) eine Reihe von türkeistämmigen Historikern, Soziologen, Politikwissenschaftlern und Literaturwissenschaftlern, die sich seit Jahren offensiv und kritisch mit der Armenierfrage beschäftigen. Sie alle sind heute der Teil der türkischen Zivilgesellschaft, welches sich für die Aufarbeitung des Massakers an den Armeniern einsetzt. Die türkische Propagandamaschinerie versucht die Stimme der Zivilgesellschaft einzudämmen. Die türkischen Verfechter eines Versöhnungsprozesses müssen über sich viel Hass, Erniedrigung und Gewalt ergehen lassen, doch sie bewirkten eine Veränderung, und sei sie noch so klein, nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch in der offiziellen türkischen Staatsideologie.

Gerade deshalb finden wir es richtig, wenn die Zivilgesellschaft in der Türkei in ihrer Erinnerungsarbeit nicht alleine gelassen, sondern – im Sinne einer türkisch-armenischen Versöhnung – auch durch transnationale Zusammenarbeit gefördert wird. In dem wir die Bürger der Türkei und die türkischstämmigen in der Welt dabei unterstützen ihr Nationen- und Minderheitenverständnis zu überdenken und ihren eigenen Gründungsmythos infrage zu stellen, leisten wir einen vernünftigen Beitrag dafür, dass die Türkei ihre Geschichte aufarbeitet, den Völkermord anerkennt, sich von den Tätern distanziert und den Minderheiten in diesem Land mehr rechte einräumt.

Gleichzeitig soll auch hier in Deutschland der Verständigungsprozess vorangetrieben werden. Das Thema Völkermord an den Armeniern, welches vom Bundespräsidenten Joachim Gauck als „Beispielhaft für die Geschichte der Massenvernichtungen“ bezeichnet wurde, soll in die schulischen Geschichtsbücher, auch hier in Baden-Württemberg. Auch der Dialog zwischen in Deutschland geborenen und lebenden Menschen mit armenischer, aramäischer, griechischer und türkischer Abstammung sollten gefördert werden. Denn so können wir von hier aus für die Versöhnung dieser Völker beitragen. Nur so können wir die Botschaft verbreiten, dass Hass und Nationalismus keine Lösung sein können. Nur so können wir erreichen, dass nach den Anschlägen an christliche Minderheiten in muslimischen Ländern, die in Deutschland lebenden Muslime genauso sich an die Seite der Christen stellen, wie die Christen es bei den Anschlägen auf die Muslime tun. Nur so können wir unseren muslimischen Mitbürgern dazu bewegen, dass sie sich dafür einsetzen, dass auch die Christen in den muslimischen Ländern ihren Glauben, ihre Tradition, ihre Kultur und Sprache frei ausüben dürfen.

Unsere türkischstämigen Mitbürger, aber auch die Bürger der Türkei, sollten begreifen, dass eine zeitgemäße Identität nur auf Grundlage der ethnisch-kulturellen Vielfalt der Türkei gelingen kann. Die Minderheiten sind keine Gefahr und Bedrohung für die Türkei, sondern vielmehr eine Chance und Bereicherung.

Ich wende mich heute an alle Beteiligten mit der Bitte sich dafür einzusetzen, dass wir nicht mehr erfahren müssen, dass „Die himmlischen Scharen erstaunten mit Schrecken und die Völker waren bestürzt und in ungeheuren Schrecken versetzt: als sie sahen, wie das alte Eden zum Schauplatz des glühenden Höllenfeuers von Kains Sünde wurde,und die erneute Opferung des neuen Adam.“. Wir haben genug Märtyrer gegeben und es ist mehr als genug unschuldiges Blut geflossen. Wir haben nun den Auferstandenen Jesus Christus, der einmal für immer geopfert wurde und durch seinen Tod den Tod besiegte. Möge das strahlende Leuchten des Auferstandenen auch uns erleuchten und uns aus uns Diener des Friedens machen. Amen.

24. April 2017, Stuttgart
Pfarrer Diradur Sardaryan

2017-05-24T06:52:10+00:00