Gespräch von Pfr. Dr. Diradur Sardaryan mit den Jugendlichem
beim Jugendtreff am Wardawar

27.07.2019, Göppingen

Sollte ich in einem Satz die Berichte der Medien ausdrucken, was Jugendliche über die Kirche und den glauben denken, so würde mir der Satz: „Ich brauche keine Kirche, ich kann alles alleine“ ausreichen. Ob tatsächlich die meisten Jugendlichen so denken, oder ob sie es nur so angeben, weil es cool ist selbstbestimmt zu wirken, oder die Medien solche „Umfragen“ für Meinungsmacherei verwenden, sei dahingestellt.

Tatsächlich ist es so, dass die Welt kleiner geworden ist und andererseits die Angebote so zahlreich und unterschiedlich geworden sind, dass man von allem Abstand nehmen will, wenn er nicht vorhat zu einer Maschine zu werden, der wie ein Roboter funktioniert, also nur nach Programm, der ihm von außen vorgeschrieben wird. Viele in der heutigen Gesellschaft sehen in dieser Situation die Kirche als ein Stück Dienstleister in einer Gesellschaft, wo es ganz viele Angebote gibt. Die Rolle der christlichen Kirche wird deshalb im Westen immer schwächer. Ganz viele Institutionen, Parteien, Bewegungen und Religionen in unterschiedlichsten Bereichen bitten Rat und Hilfe an, bitten alles möglich an, was den Menschen vergnügen oder bespaßen soll. Kann die Kirche mit all dem konkurrieren? Viele sagen nein und verlassen die Kirche. Sie suchen ihr „Glück“ woanders. Ob sie es aber tatsächlich finden?

Ich weiß, dass nur ganz wenige tatsächlich bemüht sind, darüber nachzudenken und nachzuforschen warum der eine oder die andere etwas anbietet und wohin die fühle der verschiedenen Angebote tatsächlich führt, was tatsächlich dahintersteckt.

Eine Umfrage der jungen Menschen kam vor kurzem zum Ergebnis, dass viele von ihnen die Kirche gut finden, weil sie sich um Arme, Alte und Schwache kümmert. Viele haben auch schöne Erinnerungen die mit der Kirche verbunden sind. Aber mit ihrem aktuellen Leben hat das nichts mehr zu tun. Wenn es darum geht, was in ihrem Leben wichtig ist, taucht die Kirchen überhaupt nicht auf. Die Jugendlichen denken, sie haben keine Fragen mehr an die Kirche und erwarten deshalb auch nichts von ihr.

Die Jugendlichen können nicht an Gott glauben, weil sie sich selbst als Götter verstehen. Sie sind, so denken sie, für alles verantwortlich, was in deren Leben geschieht. Anders könne die es sich nicht mehr erklären“. Nur noch 26 Prozent der befragten der o.g. Umfrage sagen, dass die Gesellschaft ihr Leben bestimmt. Für die restlichen 74 Prozent dreht sich das Leben um sich selbst, um die eigene Person. Das ist eine erschreckende Realität. Das Leben dreht sich für diese jungen Menschen nur noch um sie, um ihre Familie, vielleicht noch um Freunde. Was sonst in der Gesellschaft läuft, kümmert sie kaum.

Gründe für diese Entwicklung gibt es viele. Vor allem aber ist es ein Ergebnis der modernen antikirchlichen, kirchenfeindlichen und ateistischen Propaganda des modernen Säkularismus, welches zu einer radikalen Superreligion sich entwickelt. Wozu das hinführt, sagte 1987 die britische Premierministerin Margaret Thatcher: „So etwas wie Gesellschaft gibt es nicht. Nur Einzelne und ihre Familien“. Genau das erleben wir jetzt in dieser Generation. Sie hat die Erziehungsziele des Neoliberalismus verinnerlicht, wonach Einzelne in ihren Familien um ihren Lebensunterhalt kämpfen und sich durchsetzen. Es fehlen übergreifende Bezüge der Einzelnen, bindungslose Autonomie ist das Ideal. Das „Ich“ steht in der Mitte und um dieses „Ich“ herum gibt es nichts. Dieses „Ich“ hat keine Vergangenheit im Sinne einer Geschichte der Vorfahren, keine Wurzeln, dieses „Ich“ ist keiner Tradition verbunden. Dieses „Ich“ lebt heute und jetzt. Was in der Zukunft mit „Ihm“ geschieht entscheidet nur „Er/Sie“. Und um dieses „ich“ herum ist das Nichts. Und was soll dieses „ich“, der alles Wissend und alles Könnend ist, der das Zentrum seines eigenen Universums ist, von einer Kirche erwarten und was soll „er/sie“ dort suchen? Oder anders ausgedrückt, was bittet denn die Kirche an?

Das der Mensch ohne Beziehung nicht wirklich glücklich existieren kann, darüber berichtet die Bibel. In der Schöpfungsgeschichte lesen wir: „aber für den Menschen wurde keine Hilfe gefunden, die ihm entsprach. Da ließ Gott der HERR einen tiefen Schlaf fallen auf den Menschen, und er schlief ein. Und er nahm eine seiner Rippen und schloss die Stelle mit Fleisch. Und Gott der HERR baute eine Frau aus der Rippe, die er von dem Menschen nahm, und brachte sie zu ihm. Da sprach der Mensch: Die ist nun Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch; man wird sie Frau nennen, weil sie vom Manne genommen ist. Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seiner Frau anhangen, und sie werden ein Fleisch sein (1. Mose 20 – 24). Der Mensch ist unglücklich, wenn er alleine ist und wenn keine Möglichkeit besteht die Liebe, die er in sich trägt, zu entfalten. Seine Existenz ist nicht vollständig, solange er nicht in Beziehung zu seinen Mitmenschen steht.

Das „Ich“-zentrische, egoistische Welt hat keine Zukunft. Sie wird Frust, Hass und Neid hervorbringen, Missachtung der Rechte der anderen. Sie ist perfektes Nahrungsboden für Extremismus und radikale Bewegungen. Deshalb sollte der wahre Christ den goldenen mittleren Weg zwischen „Ich“ und „Wir“ finden.

Aber kommen wir zurück zu der Frage, die ich immer wieder in meinem alltäglichen Dienst in der Gemeinde höre: „was bittet denn die Kirche an“? Kann sie mir bei meiner beruflichen Orientierung helfen? Mich mit den Menschen bekannt machen, die für meine Kariere wichtig wären? Kann sie mir beibringen all das zu erlernen, was ich in meinem beruflichen Leben benötige um erfolgreich zu sein? Da kann die einzelne Kirchengemeinde vielleicht nur bedingt in bestimmten Fällen behilflich sein.

Oder, sagen wir mal, man will spaß haben. Lohnt es sich in die Kirche zu gehen? Vielleicht kann man eine schöne Kirche hin und wieder betrachten, aber die langen Gottesdienste können möglichst bald einen ermüden. Wir sehen heute vor allem in den westlichen Kirche Gottesdienst-Attraktionen, die aber eigentlich nicht viel bringen.

Kann sie vielleicht helfen im politischen Kampf, in dem junge, energische, idealistische Leute, mit wenig Erfahrung, hineingezogen werden? Eigentlich nicht, denn in dem Sinne, wie die politischen Parteien Wahrheit und Gerechtigkeit sehen, ist die Kirche eigentlich keine Helferin. Sie hat ihre Vorstellung von diesen Begriffen.

Was kann sie denn den jungen Menschen geben? Nichts. Oder alles. Je nach dem von welcher Seite des Abgrundes der Jugendliche steht. Entweder ist er bereit sich zu bemühen und es gelingt ihm den Abgrund zu überspringen oder er versucht es gar nicht.

Was die Kirche dem Menschen anbietet, kann ihm keine andere Person, keine andere Institution und keine Lebensphilosophie anbieten. Ein erster Schritt wäre, wenn der Junge Mensch, der umgeben ist von der fülle unterschiedlichster Angebote, die ihm Glück und Zufriedenheit versprechen, darüber nachdenken würde, was den der Hintergrund dieser Angebote ist. Ganz schnell wird er feststellen, dass die meisten Versprechungen ihn eigentlich ausnutzen und ihm eigentlich nichts geben, was er tatsächlich brauchen würde. Sein Glück ist von kurzer Zeit. Sein Frust führt ihn zu Depressionen und zu aussichtslosen, hoffnungslosen Situationen und er wird alleine gelassen, sobald von ihm keiner mehr etwas Nutzbares für sich ziehen kann.

Und gerade da wäre der zweite Schritt zu fragen, was will aber der Mann, der da am Kreuz hängt? Warum hängt er dort? Wer hat ihn gekreuzigt und warum? Wer kann mir das erklären und mir an die Hand nehmen, mich zu ihn führen? Soll ich vielleicht mal in die Kirche gehen und einen Pfarrer oder einen gläubigen Mitmenschen fragen, der weiß, wovon er redet?

Klar, da wird ihm der Verleumder, der Lästerer, der Satan, in allen möglichen Variationen (Ob durch Medien, ob durch Familienmitglieder, ob durch „Freunde“, ob durch den „Alltagsstress“ oder ob durch moderne „Literatur“, ihm auf dem Ohr flüstern: Was für eine Kirche, das ist doch eine Mafia. Die Kirche ist uncool. Du brauchst die Kirche nicht, und einen Mittler, einen Priester sowieso nicht. Du kannst alles selber. Lebe dein Leben, dein narzisstisches Leben. Es gibt keine Autoritäten mehr außer dir, welcher dir sagt was richtig oder falsch ist. Du bist der Alleskönner… Du bist dein Gott…

Gleichzeitig gibt es aber auch eine andere Stimme, die oft ungehört bleibt, weil sie so sanft ist und nicht eindringlich. Auch wenn wir sie hören von den tiefen unserer Seele, möchten wir ihr keine Achtung schenken, weil sie uns herausfordert unser eigenes „Ich“ zu prüfen und den Schock der Umkehr durchzulaufen. Sie fordert uns heraus die eigenen Fehler zu erkennen, sie zuzugeben und uns von diesen Fehlern zu befreien. Diese Stimme sagt uns: Wach auf, mein Kind! Der Weg, den du gerade gehen willst, führt dich in den Abgrund. Es ist keine Lösung ein egoistisches Leben zu führen, es ist keine Lösung, wenn du nur dich siehst und kein Herz für die anderen hast, es ist Zeit, dass du von deinem gefallenen zustand aufstehst, dich von dem Schmutz, in der du bist befreist und sich wieder aufrecht hinstellst, dich zu mir erhebst. Suche mich nicht da unten in dem Alltagsdreck der Sünde. Ich bin ganz oben und ich habe dir meine Reinheit und Heiligkeit offenbart, als ich mich auf dem Berg Tabor verklärt habe. Im Evangelium lesen wir diese wundervolle Geschichte: „Und nach sechs Tagen nahm Jesus mit sich Petrus und Jakobus und Johannes, dessen Bruder, und führte sie allein auf einen hohen Berg. Und er wurde verklärt vor ihnen, und sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden weiß wie das Licht. Und siehe, da erschienen ihnen Mose und Elia; die redeten mit ihm“ (Mt. 17, 1 – 3). In dem wir diesen Text lesen und versuchen es zu verinnerlichen, hören wir die Stimme, die zu uns sagt: Öffne deine geistlichen Augen, damit du mich siehst und sich selbst verklärst. Du bist mein Kind. Ich habe dich so geliebt, dass ich meinen eingeborenen Sohn hingab, damit er für dich gekreuzigt wird, für dich stirbt aber auch aufersteht und die Türen in die Ewigkeit für dich öffnet (Jh. 1, 1 – 14).

Der Hintergrund der göttlichen Oikonomia, des göttlichen Tuns, ist einzig und alleine die Liebe Gottes seiner Schöpfung und vor allem uns Menschen gegenüber. Die unbegrenzte göttliche Liebe ist der Grund unserer Existenz. Als Bild und Gleichnis Gottes geschaffen tragen auch wir Menschen in uns diese Liebe und den Glauben zu unserem Schöpfer, zu unserem himmlischen Vater. Was wir tun müssen, ist sie in uns zu erkennen und wirken zu lassen. Was wir tun müssen, ist die Geister zu prüfen und zu fragen, was ist der Hintergrund von dem her mit jemand etwas anbietet. Ist es eine Art Ausnutzung oder ist es die unbegrenzte göttliche Liebe die mich zu sich ruft?

Nur im Evangelium und im Leben derer, die dieses Evangelium zur eigenen Lebensweise gemacht haben, hören wir die Antwort auf die Frage, wer ist denn der Mann, der am Kreuze so hängt. Und wir lesen hier, dass dieser der Sohn Gottes ist, der für uns auf die Welt gekommen ist. Er starb auf dem Kreuz für unsere Sünden und ist auferstanden, in dem er in den Himmel hineingefahren ist und uns den Heiligen Geist schenkte. Er gründete die Kirche, in dem er in Ewigkeit der Ewigkeiten anwesend ist – unsichtbar, aber lebendig und tatkräftig, in aller Zeit bis zur Ende der Welt (Mt. 28, 20).

Die Kirche ist die immerwährende ständige Anwesenheit Christi auf der Welt, das ist Sein Reich, in der sich Seine Untertanen versammeln. Es ist eine Art himmlische Botschaft, wo wir die himmlische Staatsangehörigkeit für uns beantragen können. Staatsangehörigkeit für das Reich Gottes, wo der König Jesus Christus ist und das Volk seine Heiligen sind.

Die Kirche kann den jungen Menschen das geben, was sie allen Menschen jeglichen Alters gibt- ein ewiges und seliges Leben, und dies bereits hier, auf der Welt. Sie kann uns ein Leben schenken, welches eine wahre Bedeutung und klaren Ziel hat.

Dafür muss aber ein Schritt gemacht werden. Der junge Mensch muss den Schock der Umkehr durchgehen und gerade hier hilft ihm sein geistlicher Vater, sein geistlicher Begleiter, der ihn auch ein ganzes Leben lang beiseite stehen soll, um ihn zu unterstützen. Der junge Mensch sollte bereit sein sich Gedanken über die eigene Lebensweise zu machen und keine Angst von der Umkehr und von dem Umbruch haben, nach der vieles, was ihn bis dahin beschäftigt hat, für ihn keinen Sinn mehr haben wird, nicht mehr wichtig sein wird. Andere Sachen werden ihm wichtig, die ihn tatsächlich glücklich machen, die ihn zum Strahlen bringen und ihn so leuchten lassen, dass er auch seine Umgebung erleuchtet. Dies geschieht immer in dem Moment, in dem der Mensch begreift, dass der Himmel zu ihm herabgestiegen ist und ihm die Hand gibt, um ihn zurück zum himmlischen Vater zu führen. Dies geschieht immer in dem Moment, in dem der Mensch begreift, dass Gott vermenschlicht wurde, damit der Mensch vergöttlicht werden kann.

Christus, der Mensch gewordene Sohn Gottes, sagt zu uns: „Ich bin die Tür; wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden; er wird ein- und ausgehen und Weide finden“ (Jh. 10, 9). Entweder gehen wir durch diese Tür ein – durch den Glauben – oder wir lassen es sein. Wenn ich an diesen Christus glaube, dann kann mir die Kirche alles geben: das ewige Leben, die Freunde, den Glück, den Sinn des Lebens, etwas, was keine andere Person, keine Institution, keine Einrichtung mehr geben kann. Sie kann viel mehr uns geben, als wir es uns nur vorstellen können. Wenn ich aber in diesen Christus nicht glaube, seine Liebe nicht annehme, dann kann mir auch die Kirche nichts geben.

In diesem Sinne rufe ich heute zu den Jugendlichen und sage mit dem Hl. Apostel Johannes: „Geliebte, traut nicht jedem Geist, sondern prüft die Geister, ob sie aus Gott sind; denn viele falsche Propheten sind in die Welt hinausgezogen“ (1. Johannes 4, 1). Prüft und macht euren Schritt in die richtige Richtung, zu dem Weg, der euch zu eurem himmlischen Vater führt. Dieser Weg ist manchmal eng und unbequem, am Ende dieses Weges steht aber der Herr mit breit gestreckten Armen um uns zu umarmen und unser Last auf sich zu nehmen. Die Türen der Kirche Christi sind immer für euch geöffnet. Macht euren Schritt. Kommt rein. Übernimmt Aufgaben und Verantwortung. Werden Teil des Leibes Christi. Verklärt euch. Empfängt den Heiligen Geist. Seid glücklich und gesegnet im Namen der Heiligen Dreifaltigkeit den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist.