Wie feiern die Armenier Weihnachten.

Am 23. Dezember erschien in der Stuttgarter Zeitung ein Artikel über die verschiedenen Bräuche zu Weihnachten. Die Journalistin Annina Baur hatte zuvor auch unseren Gemeindepfarrer über armenische Weihnachten gefragt. Die ausführlichen Antowrten veröffentlichen wir nun auf unserer Seite. Den wunderschönen und sehr interessanten Artikel von Frau Baur finden Sie hier: Vom Fasten, Schlemmen und Glauben


  • Die armenische Gemeinde ist ja eine christliche Gemeinde. Wird das Weihnachtsfest gleich gefeiert wie etwa in einer evangelischen oder katholischen Gemeinde in Stuttgart? Was sind die Parallelen, wo liegen die Unterschiede?

Armenien ist das erste Land, welches Christentum zur Staatsreligion erklärte (301 n. Ch.). Traditionen noch von der apostolischen Zeit werden hier streng aufbewahrt und Generationen weiteranvertraut. Die Kirche in den ersten Jahrhunderten feierte das Fest der Geburt Christi und das Fest der Taufe Christi am 6. Januar. Dieser Tradition ist die Armenische Apostolische Kirche bis heute treu geblieben. Somit ist verbunden auch die Adventszeit. Sie beginnt 50 Tage vor Weihnachten und heißt Hisnak. Das ist eine Fastenzeit. Eine Zeit des Nachdenkens, der Besinnung, der guten Taten und der Vorbereitung zum großen Fest der Geburt Christi.

Auch die Armenische Apostolische Kirche kennt den Heilig Abend, den sie am Abend des 5. Januar feiert. Dieser Gottesdienst heißt auf Armenisch Dschrakaluyts. In einer eindrucksvollen Atmosphäre findet der abendliche Surb Patarag (Hl. Messe) statt. Im religiösen Sinne beginnt schon das Fest der Geburt des Herrn. Deshalb singen die Chöre in den armenischen Kirchen den fröhlichen Hymnus: „Christus ist geboren und erschienen“. Nach dem feierlichen Gottesdienst, in einer Prozession, welche die Gläubigen und vor allem die Kinder mit Weihnachtslieder schmücken, finden die ersten Haussegnungen statt.

Am 6. Januar findet dann das feierliche Morgenlob mit der sog. Prozession (Arm. Andastan), bei der die 4 Ecken der Welt gesegnet werden, statt. Anschließend wird Surb Patarag zelebriert, wehren der auch die traditionelle Wasserweihe stattfindet. Dabei wählt die Gemeinde einen der Gemeindemitglieder, der sich der Kirche verdient gemacht hat, zum Kreuzpaten.

  • Welchen Stellenwert hat die Kirche/der Gang zum Gottesdienst in Ihrer Gemeinde an Heiligabend und den Weihnachtsfeiertagen?

Die Armenier sind eng mit ihrer Kirche verbunden. Die kirchlichen Feste werden in einer Gemeinschaft gefeiert. Das Wir steht bei den Armeniern in einer vernünftigen Balance zu dem Ich, deshalb ist auch der Gang zum Gottesdienst eine enorm wichtige Rolle. Man kommt in die Kirche um gemeinsam mit Glaubensgeschwistern seine Freude zu feiern und den Segen Gottes zu empfangen. Die Kirche ist für die Armenier aber auch ein Ort der Begegnung zwischen einander. Oft entstehen hier neue Bekanntschaften, Freundschaften. Man hat aber auch die Möglichkeit die eigene Sprache zu sprechen und sich mit der eigenen Kultur auseinander zu setzen. Konkret die Armenier aus Baden-Württemberg reisen aus allen Ecken des Landes zu dem Gottesdienst in Göppingen um gemeinsam Weihnachten zu feiern.

  • Wie laufen diese Gottesdienste ab, gibt es ein Krippenspiel o.ä.?

Der Gottesdienst bei den Armeniern ist vor allem Anbetung Gottes. Hier steht nicht das Wort des Pfarrers in der Mitte, sondern vor allem die Begegnung mit dem Leib und Blut Jesu Christi. Die Kommunion.

Der Gottesdienst am Heilig Abend beginnt mit dem Abendlob. Zum Schluss werden Lesungen aus der Bibel (aus dem Alten und Neuen Testament) gelesen. Die Schöpfungsgeschichte, die Heilsökonomie Gottes, die Prophezeiungen über die Geburt Christi und die Erlösung der Welt kommen hier zur Sprache. Mit der Lesung der Geschichte von dem Propheten Daniel in der Löwengrube endet der Abenlob und fängt Surb Patarag an, der dann ca. 2 Stunden dauert und mit dem Kommunionempfang und Danksagung endet. Am Ende des Gottesdienstes wird von dem Hauptaltar das Kerzenlicht heruntergebracht und unter den Gläubigen verteilt. Die Gläubigen zünden ihre Kerzen bzw. Öllampen an und bringen Symbolisch das Licht Christi in ihre Häuser.

In einer Prozession besucht die Gemeinde die nahe stehenden Häuser, um die Frohe Botschaft der Geburt Christi zu bringen. Während der Haussegnung, der Pfarrer versucht in 40 Tagen alle seine Gemeindemitglieder zu besuchen, wird das Weihnachtsevangelium gelesen.

Am 6. Januar findet nach dem feierlichen Surb Patarag der Ritus der Wasserweihe als Symbol der Epiphanie (Taufe des Herrn). Gleich zum Beginn taucht der Zelebrant ein den Jesus Christus symbolisiertes großes Kreuz ins Wasser ein. Mit der Lesung des Taufabschnittes aus dem Neuen Testament, sowie mit besonderen Gebeten und Hymnen setzt sich die Zeremonie fort. Danach nimmt der Zelebrant das im Wasser eingetauchte Kreuz raus und übergibt es dem „Kreuzpaten“ (arm. Khatschkavor). Anschließend segnet der Zelebrant mit einem anderen Kreuz und durch das Eingießen vom Myronöl das Wasser, welches anschließend an die anwesenden Gläubigen ausgeteilt wird. Viele nehmen etwas Wasser mit nach Hause.

Die Armenische Gemeinde Baden-Württemberg feiert den Weihnachtsgottesdienst in der Armenischen Hl. Kreuz Kirche in Göppingen-Bartenbach. Nach dem Surb Patarag am 6. Januar findet traditionell ein Weihnachtsfeier mit armenischer Musik und Begegnungsmöglichkeiten in einer der naheliegenden Festhallen. Ein Gemeindehaus hat die Armenische Gemeinde in Baden-Württemberg noch nicht. Über ein Gemeindezentrum in Stuttgart wird aber nachgedacht.

  • Gibt es armenische Gottesdienste in der Lutherkirsche Bad Cannstatt?

Die Armenische Gemeinde Baden-Württemberg ist in Stuttgart bei der Evangelischen Lutherkirche Bad Cannstatt in ökumenischer Gastfreundschaft beheimatet. Die Weihnachtsgottesdienste finden in Göppingen statt. In der Lutherkirche aber feiern die Armenier seit einigen Jahren ihre stuttgarter Gottesdienste (am 3. Sonntag des Monats). Für diese Möglichkeit ist die Gemeinde der Evangelischen Kirche in Württemberg aber auch dem Gemeindepfarrer und dem Gemeinderat der Lutherkirche sehr dankbar. Ein Gemeindehaus hat die Armenische Gemeinde in Baden-Württemberg noch nicht. Über ein Gemeindezentrum in Stuttgart wird aber nachgedacht.

  • Wie feiern die Gemeindemitglieder zu hause? Gibt es eine Bescherung, einen Weihnachtsbaum etc.? Oder gibt es andere Bräuche in Ihrer Kultur, die wir in Deutschland weniger kennen?

Der Weihnachtsbaum heißt bei den Armeniern „Tsnndean Tsar“ (Baum des Lebens, der Geburt). Der sehr schön geschmückt wird u.a. mit Süßigkeiten, Nüssen und getrockneten Früchten. Der Hl. Nikolaus, der Hl. Gregor die Wundertäter werden als Heilige der Gesamtkirche auch bei den Armeniern geehrt und sind vor allem bei den Kindern sehr beliebt. Am Heilig Abend bringen sie den Kindern Geschenke und stellen es unter dem Weihnachtsbaum.

Der armenische Adventskranz hat im Unterschied zur europäischen Tradition insgesamt 8 Kerzen – 7 auf dem Kranz und eine in der Mitte des Kranzes. 7 Kerzen sind für die 7 Sonntage der armenischen Adventszeit und die eine Kerze in der Mitte, die etwas größer als die anderen Kerzen ist, symbolisiert den Herrn Jesus Christus.

  • Was wird an den Feiertagen gegessen, gibt es besondere Spezialitäten, die in den Familien üblicherweise zubereitet werden?

Die vorweihnachtlichen sieben Tage (29. Dezember – 5. Januar) nennt man vorweihnachtliche Fastenwoche (arm. Tsnntyan Shapatapahk). Während dieser Woche ist untersagt, abends zu arbeiten, sonst „ärgert man Christus“. Man sollte sich körperlich und seelisch zum wichtigsten Fest der Heiligen Geburt vorbereiten. Nach dem Sonnenuntergang soll man zur Kirche gehen, um an dem vorweihnachtlichen Dschrakaluytz-Abendgottesdienst beizuwohnen und Hl. Kommunion zu empfangen. Nur nach der Heiligen Kommunion darf man das Fasten brechen. Nach dem Besuch der Kirche sollen alle nach Hause kommen, zu einem gemeinsamen Abendessen. Das Hauptgericht soll am diesen Abend der Fisch sein und 7 weitere Gerichte, vor allem vegetarische, wie z.B. Reis mit getrockneten Früchten, Gerichte mit Linsen und Bohnen, aber auch Süßigkeiten, vor allem das hausgemachte Gata darf nicht fehlen. Auf dem Tisch soll eine Kerze bzw. der vor-weihnachtliche Kerzenkranz sein.

 


2017-01-06T04:44:17+00:00 Januar 6th, 2017|