Wort am Grünen Sonntag

Wort am Grünen Sonntag in der Hl. Kreuz Kirche
Pfarrer Dr. Diradur Sardaryan
10.04.2016, Göppingen


„Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft,
ein heiliger Stamm, ein Volk, das sein besonderes Eigentum wurde,
damit ihr die großen Taten dessen verkündet,
der euch aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat.“

1 Petr. 2, 9


Liebe Schwestern und Brüder,

diese Worte des Hl. Apostels, sind mehr als je passend zu der Situation, in der wir uns heute alle befinden, mit unseren Sorgen, mit unseren Gedanken, mit unseren Gebeten.

Sie wissen alle, dass in der Nacht vom 1. auf den 2. April der Konflikt zwischen Aserbaidschan und Berg-Karabach eskalierte. Die aserbaidschanische Seite begann eine massive Offensive entlang der gesamten Demarkationslinie und setzte schweres Kriegsgerät, Artillerie und Luftwaffe ein. Sie beschossen durch Artillerie nicht nur die vorderen Posten der Verteidigungslinien der Republik Berg-Karabach, sondern auch friedliche Wohngebiete mit Zivilbevölkerung. Diese Nachricht erschütterte uns alle. Wir haben gehofft, das die brüchige Waffenruhe, trotz einiger Exzesse der aserbaidschanischen Seite, trotzdem weiterherrscht. Und plötzlich diese Nachricht.

Ich bin mir sicher, dass viele sich dabei gefragt haben, wenn wir schon ein auserwähltes Geschlecht sind, ein Volk Gottes, wieso so viel Leid, wieso so viel Unterdrückung, so viel Ungerechtigkeit… Unsere Geschichte ist voll mit Leid und Schmerz. Unsere Wunden sind nicht geheilt und man lässt es nicht zu, dass Sie heilen…

Wie sollen den Sie heilen, wenn wir den Schmerz des Völkermords an die Armenier noch nicht vergessen haben, weil der Nachfolgestaat der Täter seine Missetaten nicht anerkennt, sich nicht distanziert… Doch die Vernichtung der 1,5 Millionen Armenier ist anscheinend für die aserbaidschanische und türkische Regierung nicht ausreichend. Sie möchten uns ganz ausrotten, die Idee der Jungtürken, dass auf der Welt nur einen Armenier geben soll und zwar als Museumsexponat, lebt in den Gedanken der türkischen und aserbaidschanischen Nationalisten weiter.

Der Konflikt in Berg-Karabach hat nicht vor 20 Jahren begonnen. Die Regierung der ersten Republik Armenien sah sich am 2. Dezember 1920 gezwungen, die Amtsgeschäfte einem prosowjetischen Militärischen Revolutionskomitee zu übergeben, nachdem gleichzeitige sowjetrussische und türkische Angriffe das Land in eine Lage „zwischen Hammer und Amboss“ versetzt hatten, wie es der damalige Präsident Armeniens, Simon Wrazjan, treffend formulierte. Der gesamte Nordosten des Armenischen Hochlandes – Sangesur, Nachitschewan und Karabach – befanden sich zu diesem Zeitpunkt in türkischer bzw. (sowjet-) aserbaidschanischer Hand. 1923 wurden die Grenzen des Autonomen Gebiets Berg-Karabach (AGBK) festgelegt. Seit dieser Zeit hörten die staatlich organisierten Versuche Nachitschewan und Karabach zu entarmeniesieren nicht auf. Die Geschichte ist voll mit beweisen. Im Fall der Nachitschewan ist es denen auch gelungen die Armenier aus diesem Gebiet zu vertreiben.

Doch Berg-Karabach hat sich wiedersetzt. Wer erinnert sich nicht an die schrecklichen Ereignisse in Sumgait und Baku vom 1988, als dutzende Armenier ermordet wurden, viele davon nach unsäglichen Foltern in aller Öffentlichkeit lebendig verbrannt. Hunderte erlitten Verletzungen, viele blieben dauerhaft behindert. Eine große Zahl minderjähriger Mädchen wurde vergewaltigt. Über 200 Wohnungen wurden ausgeraubt und demoliert.

Am 30. August 1991 erklärte der Oberste Sowjet die Unabhängigkeit Aserbaidschans sowie den Austritt des Landes aus der UdSSR. Darauf rief sich das AGBK mit dem nördlich angrenzenden Bezirk Schahumjan zur unabhängigen Republik Berg-Karabach innerhalb der noch existierenden Sowjetunion aus. Eine Volksbefragung vom 10.12.1991 legitimierte diese Entscheidung mit 98,2% der abgegebenen Stimmen. Kurz nach der Unabhängigkeitserklärung des einstigen AGBK hob das aserbaidschanische Parlament am 23.11.1991 ein weiteres Mal den Autonomiestatus Berg-Karabachs auf. Vom Dezember 1991 bis zum März 1992 zogen sich die sowjetischen Truppen aus dem Südkaukasus und auch aus Berg-Karabach zurück. Zeitgleich mit ihrem Rückzug begann die Offensive der aserbaidschanischen Streitkräfte, die die Region aus den umliegenden Bezirken sowie aus Siedlungen um die Hauptstadt Stepanakert mit Mörsern und Raketen beschossen.

Das Glas der armenischen Geduld war voll, wir wollten und dürften es nicht zulassen, dass ein zweiter Völkermord stattfindet. Wir haben uns verteidigt und das Land von dem Feind befreit. Im April 1993 erlangten die karabach-armenischen Einheiten mit der Einnahme der östlich und südlich des einstigen AGBK gelegenen Bezirksstädte Agdam, Fisuli, Dschebrail und Kubatly ihre strategisch optimalen Verteidigungslinien. Ihre Siege bewirkten, dass im Juli 1993 Aserbaidschan erstmals in Direktverhandlungen mit Berg-Karabach trat. Doch das Kriegsende verzögerte sich bis zum Mai 1994, weil die neue aserbaidschanische Regierung unter Hejdar Alijew im Dezember 1993 die bislang größte Offensive dieses niemals offiziell erklärten Krieges startete. Sie wurde nach zwei Monaten von den karabach-armenischen Einheiten gestoppt. Eine Vermittlungsinitiative der russischen Regierung sowie der Interparlamentarischen Versammlung der GUS führte am 9. Mai 1994 in der kirgisischen Hauptstadt Bischkek zur Unterzeichnung eines Waffenstillstandsabkommens durch Parlamentsdelegationen aus Aserbaidschan, Armenien und Berg-Karabach, dem am 12. Mai in Moskau ein Waffenstillstandsvertrag folgte.

Doch diese Waffenruhe, durch die ständigen Provokationen und militärischen Aktionen Aserbaidschans, gefährdet. Sie untergraben die Möglichkeit einer friedlichen diplomatischen Lösung des Konflikts. Und wenn die renommierten Politiker aus ganzer Welt, ihr Besorgnis äußern und aufrufen die Militärgewaltanwendung unverzüglich einzustellen, gießt der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan Öl ins Feuer, in dem er der Aserbaidschan seine Unterstützung im Konflikt mit Armenien um die Region Berg-Karabach zusichert.

In dieser Situation denke ich: ja, wir sind ein auserwähltes Geschlecht, aber auserwählt von Christus selbst um mit ihn zu leiden? Auserwählt damit wir mit ihm den Golgota hinaufsteigen? Wie oft denn? Das Blut des armenischen Volkes schreit zum Himmel und will Gerechtigkeit! Zwar in enger Kooperation mit der Weltgemeinschaft, doch trotzdem, am Front stehen wir alleine! Wir, Armenier in Berg-Karabach, in Armenien und in der Diaspora sind heute mehr als ja aufgefordert uns zusammenzuschließen und uns zu vereinen, uns gegenseitig unterstützen, uns für die Wiederherstellung der Gerechtigkeit, jeder nach seinen Möglichkeiten einsetzen.

Als auserwähltes Volk, wissen wir, dass wenn wir unserem Herrn folgen, auch durch Schmerz und Leid folgen, wenn wir tapfer sind und bis zu Letzt unserem Herrn treu bleiben, werden wir genauso siegen, wie er das Böse besiegt hat, wir werden genauso auferstehen, wie er auferstanden ist, wir werden am Leben sein, wie er lebendig unter uns ist.

Liebe Schwestern und Brüder, das ist mein Appell an Sie heute, wir müssen solidarisch sein mit unseren Brüdern und Schwestern in Berg-Karabach. Wir müssen uns aktiv für die Wiederherstellung des Friedens einsetzen, damit kein Blut vergossen wird, damit wir keine Tränen unserer Mütter sehen. Damit die Menschen sowohl in Armenien als auch in unseren Nachbarländern eines Tages friedlich miteinander leben können, ohne Hass und ohne Gewalt.

Um dies zu erreichen müssen wir gemeinsam von der Weltgemeinschaft folgendes fordern:

  • Den Aggressor zu verurteilen
  • Die Gespräche mit Berg-Karabach wiederaufzunehmen
  • Die Barbarei der Aserbaidschaner zu stoppen
  • das Recht auf Selbstbestimmung für die Bevölkerung von Berg-Karabach einzuräumen
  • Berg-Karabach als unabhängige Republik international anzuerkennen

Angesichts der Notsituation und des furchtbaren Leids der Zivilbevölkerung in Berg-Karabach rufen die Die Diözese der Armenischen Kirche in Deutschland, die Armenische Gemeinde Baden-Württemberg und die armenischen Vereine im Land ihre Mitglieder, Landsleute und Freunde auch zu Spenden auf.

Das verkünden der großen Tate des Herrn geschehen auch durch unsere Taten. Seien Sie gesegnet und vergessen Sie nicht, unser Herr ruft uns vom Finsternis in sein wunderbares Licht! Amen.

2018-03-26T18:06:16+00:00 10 April 2016|