Wort des Pfarrers am 24. April 2016

Dr. Diradur Sardaryan
gesprochen am 24. April 2016,
in der Lutherkirche Bad Cannstatt

Sehr geehrter Herr Landtagsabgeordneter Willi Halder,
Sehr geehrte Frau Birgül Akpinar
Vorsitzende des Christlich-Alevitischen Freundeskreises der CDU BW
Sehr geehrter Herr Oberkirchenrat Prof. Dr. Ulrich Heckel

Sehr geehrte Damen und Herren,
Liebe Schwestern und Brüder,

herzlich begrüße ich Sie alle, die sie gekommen sind um mit uns die Hl. Märtyrer des armenischen Volkes, der Aramäer, der Pontos-Griechen, der Opfer des Völkermordes vom 1915 zu gedenken.

Es ist eine große Ehre für unsere kleine Gemeinde hier in Baden-Württemberg, dass wir zum 101 Gedenktag das Requiem von Tigran Mansurian hier in der Lutherkirche zur Aufführung bringen – dieser Kirche, die mittlerweile Heimat für die Armenier in Stuttgart geworden ist. Unser Dank gilt an dieser Stelle Herrn Bauer, dem Chor ZwischenTöne, dem Bad Villbeler Kammerorchester, den Solisten Ani Yorentz und Gurgen Baveyan und selbstverständlich auch meinem Bruder Dressman und der Gemeinde der Lutherkirche.

Einen besonderen Dank will ich den Sponsoren des heutigen Abends aussprechen: Herrn Johannes Kärcher und Herrn Honorarkonsul der R. Armenien Günter Pilarsky. Ohne deren großartige Hilfe würde der heutige Abend in dieser Form nicht stattfinden können.

Liebe Freunde, unter dem Himmel gibt es eine Berginsel, etwas ganz besonderes, und in der Mitte dieser Insel zwei riesige Glocken, groß, prachtvoll, nicht vom Menschenhand gemacht… Die nennen wir Sis und Masis, oder das Heilige Berg Ararat… Seit 101 Jahren sind diese heiligen Glocken nicht nur Zeugen des Leides, sondern auch Mahner gegen das Vergessen! Sie schlagen jeden Tag, jede Stunde und nicht nur dort wo sie sind, sondern im Herzen jedes einzelnen Armeniers in der Welt. Und wir trauern jeden Tag… Unsere Wunden bleiben nicht geheilt!

Es gibt keine Worte die das beschreiben können, was uns 1915 und die Jahre danach widerfahren ist, uns, den in diesen Gebieten Jahrtausende lang ansässigen, vom Westen vergessenen Christen… Wie sollen denn wir unser Leid vergessen, wie können unsere Wunden heilen, wenn die Täter bis heute unbestraft ihre Missetaten wiederholen… Was uns vor 100 Jahren widerfahren ist, ist noch nicht zu Ende… Was uns vor 100 Jahren widerfahren ist, geschieht heute mit den Jesiden und den Kurden…

Wie sollten wir unser Leid beschreiben, wie sollen wir es aufarbeiten, wenn die Nachfolger der Täter den Völkermord bis heute leugnen – und europäische Großmächte es ruhig zulassen…

Wie sollten wir unser Leid beschreiben, mit welchen Worten über die unsagbare Gewalt berichten, wie die Schreie der vergewaltigten, enthaupteten, erniedrigten Frauen und Männer, Greise und Kinder, wiedergeben…  Wie – das beschreiben, was die Augen der kleinen Kinder, der Greise und der erschöpften Mütter in der Wüste Der el Sor gesehen haben.

Wie sollen wir den Verlust und die Vernichtung unserer Heimat, unserer Kirchen, unserer Schulen unserer Kultur und vor allem den Verlust von Millionen und Millionen Menschen, die massakriert wurden und derer, die wegen dieser Massaker erst gar nicht geboren wurden, beschreiben…

Paruyr Sevak sagt in seinem Gedicht „Eradzayn Patarag“ (Dreistimmige Messe) „Lasset mich schweigen. Und die zungenlosen Steine sollen in steiniger Sprache erzählen…“, „Lasset mich, dass ich meine Stimme ersticke, wie die Mutter ihren Säugling erstickt, damit ihre bald blind werdenden Augen nicht ansehen müssen, wie sein kleines Köpfchen von dem Ruck besteinigt wird“.

Und was denken Sie? Sind diese Missetaten, ist dieses Elend zu Ende? Oh, wie schön wäre es… Aber nein… Sie gehen weiter. Der gesamte Nahe Osten ist heute entchristianisiert… Aramäische und Armenische Christen, Kurden, Jesiden, Syrier, sind auf der Flucht… Sie fliehen von religiösen muslimischen Fanatikern…

Auch die Aserbaidschaner, zusammen mit ihrem Verbündeten, der Türkei, möchten uns weiterhin ausrotten. Erst Anfang dieses Monats müssten an der Grenze zwischen Berg-Karabach und Aserbaidschan mehr als 100 Armenische Jugendliche ihr Leben lassen… Und der unbestrafte Präsident Aserbaidschans Aliev, sagte: „Uns gehört nicht nur Berg-Karabach, sondern auch Armenien. Wenn Ihr nicht vernichtet werden wollt, verschwindet aus unseren Territorien“. Und Erdogan stärkt ihm dabei den Rücken… Und der Westen schweigt…

Wir hören immer wieder: Aufarbeitung und Gedenken beginnen mit der Auseinandersetzung über das Geschehene. Ja, meine Lieben, es ist vollkommen richtig. Genauso wie es gut ist, dass, wie Frau Steinbach es formulierte: „Künstler, Intellektuelle und Teile der türkischen Bevölkerung längst über das Stadium der stillen innerlichen Artikulation hinaus sind. Die Reflektion erfolgt öffentlich. Man setzt sich mit dem Schicksal der früheren armenischen Mitbürger auseinander und nimmt Anteil daran“. Es sind aber Tropfen auf den heißen Stein, es sind diejenigen, die Mut haben, wie gestern, so auch heute. Gleichzeitig sind es diejenigen, die heute unsere Unterstützung brauchen.

Um diese Menschen zu unterstützen, brauchen aber auch die europäischen Großmächte Mut. Mut wie Hrant Dink es hatte, wie der Papst Franziskus, der Herr Bundespräsident Gauck und der Präsident des Bundestages Herr Lammert es haben, wie Herr Özdemir es hat. Mut, etwas eindeutig zu benennen, das eindeutig ist.

Für uns, Armenier ist es unvorstellbar, dass Deutschland, das Land, das für uns zu einer zweiten Heimat geworden ist, das wir vom ganzen Herzen lieben und für das wir uns genauso eifrig einsetzen wie für Armenien, dass die deutsche Regierung, aus einer unangemessenen Rücksichtnahme auf den NATO-Bündnispartner Türkei, das Geschehene seit 101 Jahren nicht wahrheitsgemäß Völkermord nennen will.

Warum unverständlich und unvorstellbar? Wir wissen alle, dass das Leid unseres Volkes, das Leid der Aramäer und der Pontos-Griechen, und die Tatsache, dass die osmanischen Täter unbestraft geblieben sind, die Taten Hitlers möglich gemacht hat. Talat gebar den Göbels, Cete – die SS, Janitscharen gebaren die Gestapo, vom Alten Tschankirir führt der Weg nach Buchenwald, vom Der Zor – nach Oswentsi, von Enquri, Rakka und Bab – nach Dachau.

Dabei ist der Lehrling längst weltweit verurteilt und geächtet, der Lehrer – nicht. Und wenn die türkische Seite Deutschland vorwirft, sie soll ihre eigene Geschichte aufarbeiten und sich nicht in die innere Angelegenheiten der Türkei einmischen, so ist unsere Antwort: Dieses Land hat es getan und tut es bis heute. Es macht euch vor, was zu tun ist und ihr sollt es nachahmen!

Von mancher Seite kommt heute der Rat, die Armenier und andere Opfergruppen sollten sich auf die Gegenwart und die Zukunft konzentrieren, statt ihre Kraft darauf zu verschwenden, die Staaten der Welt zur Anerkennung des Genozids am eigenen Volk aufzufordern. Doch das Blut der Hl. Märtyrer lässt uns nicht in Ruhe. Da schreien auch wir, mit Sis und Masis: Unsere Wunden sind nicht geheilt!!!

Erst das Anteil nehmen am Leid unseres Volkes, die Anerkennung des Völkermordes, kurzum, die Benennung der Sache beim Namen, wird uns helfen, dass unsere Wunden langsam heilen. Es wird uns helfen unserer eigenen Kraft bewusst zu sein und die Zukunft besser zu bewältigen.

Ihre Solidarität, meine Damen und Herren, die Solidarität derjenigen die selbst nicht betroffen waren, aber auch derer, die selbst Opfer vom Völkermord wurden, wird uns helfen, unsere Wunden zu heilen. Deshalb ist es wichtig, dass wir uns gemeinsam für die Gerechtigkeit einsetzen, für die Anerkennung des Völkermords und gemeinsam der Heiligen Opfer des Völkermords gedenken.

2018-03-26T17:52:35+00:0024 April 2016|