Was der Völkermord hinterließ
Der Völkermord an den Armeniern hat nicht an einem bestimmten Tag aufgehört. Er hat Schichten hinterlassen: Schichten von Toten, deren genaue Zahl bis heute umstritten ist. Schichten von Entwurzelten, die in alle Himmelsrichtungen zerstreut wurden. Schichten von Kirchen, Schulen und Friedhöfen, die erst geplündert, dann geschleift, dann vergessen wurden. Und er hat ein Muster hinterlassen, das sich im 20. und 21. Jahrhundert wiederholte: in Nachitschewan, wo man eine dreitausendjährige Kulturlandschaft in wenigen Jahrzehnten tilgte, und in Arzach, wo die Zerstörung noch in diesem Augenblick andauert. Dieser Beitrag handelt von dem, was nach dem Morden kam, und von dem, was bis heute nicht aufgehört hat.
I. Die Toten: Was die Zahlen sagen und was sie verschweigen
Wie viele Armenier dem Völkermord zum Opfer fielen, lässt sich bis heute nicht mit letzter Sicherheit beziffern. Die Schätzungen bewegen sich zwischen 300.000 und mehr als 1,5 Millionen, je nachdem, von welcher Vorkriegsbevölkerung man ausgeht und ob man ausschließlich die Hauptphase 1915 bis 1917 oder den gesamten Zeitraum bis 1923 berücksichtigt. Das armenische Patriarchat bezifferte die Anzahl der armenischen Untertanen des Sultans mit rund 2,1 Millionen, die letzte osmanische Volkszählung hingegen mit nur 1,29 Millionen. Allein diese Diskrepanz zeigt, wie defekt die statistische Grundlage ist, auf der alle Opferzahlen beruhen.
Bemerkenswert ist, dass selbst die Täterseite hohe Zahlen nannte. Gustav Stresemann notierte 1916 nach einem Gespräch mit dem osmanischen Kriegsminister Enver Pascha in seinem Balkan-Tagebuch: »Armenier-Verminderung 1 bis 1½ Millionen.« Eine Kommission des osmanischen Innenministeriums bezifferte 1919 die Zahl der armenischen Opfer auf 800.000. Dieselbe Zahl nannte Mustafa Kemal (der spätere Atatürk) im Oktober 1919 gegenüber dem US-General James Harbord, und sie findet sich in einem 1928 vom türkischen Generalstab veröffentlichten Buch. Der Historiker Raymond Kévorkian schätzte 2006 die Zahl der allein in Kleinasien Ermordeten auf rund 880.000 und die Zahl der im Sommer und Herbst 1915 lebend in Nordsyrien Eingetroffenen auf weitere 800.000, von denen die meisten in den Folgemonaten in den Konzentrationslagern entlang des Euphrat umkamen.
Die Zahlen verschweigen zugleich, was nicht gezählt werden kann: die Frauen und Kinder, die in muslimische Familien verschleppt, zwangskonvertiert und assimiliert wurden. Sie erscheinen in keiner Statistik als Opfer, und doch wurde ihnen alles genommen: ihr Name, ihre Sprache, ihr Glaube, ihre Herkunft. Der Historiker Viktor Krieger rechnet diese Gruppe in den Gesamtverlust von bis zu anderthalb Millionen ein. Die sogenannten Kryptoarmenier in der heutigen Türkei, deren Zahl auf bis zu 40.000 geschätzt wird, sind die lebenden Schatten dieser Geschichte.
II. Die Zerstreuten: Flucht und Diaspora
Schätzungsweise 600.000 Armenier haben die Ereignisse von 1915 bis 1917 überlebt. Rund 150.000 waren den Deportationen in ihren ursprünglichen Siedlungsgebieten entgangen, etwa 250.000 hatten die Todesmärsche und Konzentrationslager überstanden. Zusammen mit Angehörigen anderer christlicher Minderheiten gelangten viele zunächst in die südlichen, arabischen Reichsteile und an die Mittelmeerküste. Von dort emigrierten sie später in die USA, nach Russland, Lateinamerika und Australien oder ließen sich in den entstehenden Staaten des Nahen Ostens nieder.
Eine große Zahl Armenier hatte zunächst auch in den westlichen Provinzen des Osmanischen Reiches überlebt, vor allem in den großen Städten, wo die Jungtürken wegen der Präsenz ausländischer Diplomaten und Beobachter nicht so offen vorgingen wie in Ostanatolien. Doch auch viele dieser Überlebenden wurden in den chaotischen Jahren des Türkischen Befreiungskrieges, unter anderem beim Brand von Smyrna 1922, vertrieben oder umgebracht. 1922 lebten in der Türkei schätzungsweise nur noch 100.000 Armenier.
Was diese Menschen erlitten hatten, ist im Vergleich zu Überlebenden anderer Genozide weit schlechter dokumentiert. Als sozial und kulturell entwurzelte, überwiegend bäuerliche Landbewohner fanden sie sich als mittellose Flüchtlinge in fremden Städten mit einer für sie völlig fremden Kultur wieder. Oral-History-Projekte konnten aufgrund der zeitlichen Distanz nur selten durchgeführt werden. Und alle Überlebenden hatten die bittere Erfahrung gemacht, dass die Regierungen der einstigen »Schutzmächte« in Westeuropa und den USA ihrem Schicksal letztlich gleichgültig gegenübergestanden waren.
III. Was nicht in Zahlen passt: Materielle und kulturelle Verluste
Die Ereignisse von 1915 bis 1917 brachten nicht nur den Verlust von Menschenleben, sondern auch die nahezu vollständige Enteignung der armenischen Bevölkerung. Grund und Boden, Häuser, persönliche Habe wurden fast ausnahmslos gewaltsam und entschädigungslos konfisziert. Ein Bericht der Pariser Friedenskonferenz von 1919/20 bezifferte die materiellen Verluste auf 7,84 Milliarden französische Francs nach damaligem Wert, was rund zweieinhalb Jahreshaushalten der osmanischen Zentralregierung in Friedenszeiten entsprach. Das armenische Eigentum sollte prinzipiell an den Staat fallen, doch jungtürkische Funktionäre, örtliche Beamte und einfache Dorfbewohner bereicherten sich gleichermaßen.
Die kulturellen Verluste lassen sich nicht einmal ansatzweise quantifizieren. Hunderte armenische Schulen, Kirchen und Klöster wurden geplündert und zerstört oder in Moscheen umgewandelt. Zahllose historische Monumente, Handschriften, Kunstwerke und Kulturgüter gingen für immer verloren. Die westarmenische kulturelle Renaissance, jenes pulsierende literarische Leben, das in Smyrna begonnen und sich in Konstantinopel voll entfaltet hatte, erfuhr ein abruptes Ende. Konstantinopel, einst Herausgabeort zahlreicher armenischer Zeitungen und Zeitschriften, Wohn- und Aufenthaltsort von Dichtern wie Daniel Waruschan und Siamanto, verlor mit der Massenverhaftung vom 24. April 1915 den großteil seiner intellektuellen Elite.
IV. Nachitschewan: Die stille Auslöschung
Die Zerstörung armenischer Kultur ist kein abgeschlossenes historisches Ereignis. Sie setzt sich bis in unsere Gegenwart fort, in Formen, die nicht weniger systematisch sind, auch wenn sie nicht mit Todesmärschen, sondern mit Bulldozern, Vorschlagshämmern und administrativer Umwidmung vollzogen werden.
Nachitschewan, eine zu Aserbaidschan gehörende Exklave zwischen Armenien, dem Iran und der Türkei, war über Jahrtausende Kernland armenischer Besiedlung. Noch in den 1980er Jahren dokumentierte der armenische Kulturhistoriker Argam Ayvazyan dort in verdeckter Feldforschung 89 bestehende Kirchen und Kathedralen, 5.840 kunstvoll bearbeitete Chatschkare (Kreuzsteine) und schätzungsweise 22.000 Grabsteine. Im Jahr 2008 war von all dem nichts mehr übrig.
Der bekannteste Fall ist der mittelalterliche Friedhof von Dschulfa (Julfa), der mit seinen tausenden fein ornamentierten Chatschkaren aus dem 9. bis 17. Jahrhundert zu den bedeutendsten armenischen Kulturstätten der Welt zählte. Augenzeugen vom iranischen Ufer des Arax filmten, wie aserbaidschanische Soldaten die Kreuzsteine mit Vorschlagshämmern zerschlugen und die Trümmer mit Lastwagen abtransportierten. Die UNESCO verlangte Zugang, der verweigert wurde. Im Jahr 2006 bestätigten Satellitenbilder: Der Friedhof war vollständig eingeebnet und in einen Schießplatz des Militärs umgewandelt worden.
Dies war kein Akt des Vandalismus. Es war eine staatlich betriebene Kampagne zur Auslöschung einer gesamten zivilisatorischen Präsenz. Wo einst armenische Kirchen standen, errichtete man Wohnhäuser oder Militärbauten. Wo Friedhöfe lagen, pflanzten Bagger Rasen. Ayvazyans Dokumentation, die 2007 in einer Ausstellung an der Harvard University der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde, ist heute das einzige umfassende Zeugnis einer Kulturlandschaft, die es nicht mehr gibt. In 48 Büchern und über 300 Fachartikeln hat er festgehalten, was die aserbaidschanische Regierung auszulöschen suchte: den materiellen Beweis einer dreitausendjährigen armenischen Präsenz in Nachitschewan.
V. Arzach: Die Zerstörung vor unseren Augen
Was in Nachitschewan in den Jahrzehnten vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion begann und bis 2008 vollendet wurde, setzt sich seit 2020 in Berg-Karabach (Arzach) fort. Nach dem Zweiten Karabach-Krieg im Herbst 2020 und der vollständigen militärischen Übernahme im September 2023, die zur Vertreibung von über 100.000 Armeniern führte, befinden sich rund 500 armenische Kulturstätten mit über 6.000 Einzeldenkmälern unter aserbaidschanischer Kontrolle. Ausländische Beobachter sind nicht zugelassen.
Die Dokumentation der Zerstörung erfolgt dennoch, vor allem durch Satellitenaufnahmen. Die Forschungsinitiative Caucasus Heritage Watch der Universitäten Cornell und Purdue verzeichnete in ihrem Bericht vom Juni 2024 einen Anstieg der nachweislich zerstörten armenischen Kulturstätten um 75 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Unter den zerstörten oder schwer beschädigten Bauwerken befinden sich die Ghazantschezoz-Kathedrale in Schuschi, deren Kuppeln, Kreuze und Engelsfiguren entfernt wurden, die Vankasar-Kirche aus dem 7. Jahrhundert in Tigranakert, die Surb-Sargis-Kirche von 1279 in Karwatschar und zahlreiche Friedhöfe, deren Grabsteine systematisch zertrümmert wurden.
Im August 2024 zerstörte das aserbaidschanische Militär das Dorf Mokhrenes vollständig, nachdem bereits 2022 die dortige Surb-Sargis-Kirche abgerissen worden war. Das Kreuz-Denkmal auf den Höhen von Stepanakert, mit 50 Metern das zweitgrößte Kreuz Europas, wurde entfernt. Im Dezember 2025 zeigten Aufnahmen die Zerstörung des Inneren des Jerits-Mankants-Klosters und des Heilig-Erlöser-Klosters. Die Diözese Arzach der Armenischen Apostolischen Kirche sprach von einem »kulturellen Genozid«, der sich vor den Augen der internationalen Gemeinschaft vollziehe.
Und am 21. April 2026, drei Tage vor dem 111. Jahrestag des Völkermords, wurde bekannt, dass die Kathedrale der Heiligen Muttergottes in Stepanakert zerstört worden ist. Die nach dem Vorbild der Ruinen von Swartnoz errichtete Kathedrale, 2006 gegründet und 2019 geweiht, war das geistliche Zentrum der Stadt gewesen, ein Ort des Gebets während der Blockade und ein Symbol der wiedererwachten religiösen Kultur nach Jahrzehnten sowjetischer Unterdrückung. Ihre Zerstörung am Vorabend des Gedenktages ist eine Botschaft, die keiner Auslegung bedarf.
VI. Das Muster: Warum Genozid und Kulturzerstörung zusammengehören
Die drei Schauplätze, die osmanische Türkei ab 1915, Nachitschewan ab den 1960er Jahren und Arzach seit 2020, beschreiben ein zusammenhängendes Muster, das die Genozidforschung als Ethnozid oder kulturellen Genozid bezeichnet: die systematische Vernichtung nicht nur eines Volkes, sondern aller materiellen Spuren seiner Existenz.
In der osmanischen Türkei bedeutete dies: zuerst die Intellektuellen verhaften, dann die Bevölkerung deportieren und ermorden, dann die Kirchen, Schulen und Klöster umwidmen, abreißen oder verfallen lassen. In Nachitschewan bedeutete dies: die armenische Bevölkerung durch demographischen Druck und administrative Diskriminierung zur Abwanderung zwingen, dann die verlassenen Kirchen und Friedhöfe abtragen, um die materielle Spur ihrer Präsenz zu tilgen. In Arzach bedeutete dies: die Bevölkerung durch Blockade und militärische Gewalt vertreiben, dann die Kirchen, Klöster, Friedhöfe und Denkmäler zerstören und schließlich behaupten, die armenische Präsenz habe es nie gegeben.
Die aserbaidschanische Regierung verfolgt dabei eine doppelte Strategie: physische Zerstörung und historiographische Fälschung. Armenische Kirchen werden nicht nur abgerissen, sie werden zu »kaukasisch-albanischen« Bauwerken umdeklariert, um die armenische Urheberschaft auszulöschen. Armenische Inschriften werden abgeschliffen, Kreuze entfernt, Bauwerke mit islamischer Ornamentik überformt. Das European Centre for Law and Justice (ECLJ) hat dieses Vorgehen in seinem Bericht vom Juni 2024 als »kulturellen Genozid« qualifiziert. Die United States Commission on International Religious Freedom (USCIRF) empfahl 2025, Aserbaidschan auf die Beobachtungsliste des US-Außenministeriums zu setzen.
Was bleibt
Man kann Kirchen sprengen. Man kann Kreuzsteine zertrümmern. Man kann Friedhöfe einebnen und Kathedralen dem Erdboden gleichmachen. Aber man kann ein Volk nicht aus der Geschichte tilgen, wenn es Nachfahren hat, die erinnern, und wenn es eine Kirche hat, die die Märtyrer in ihren liturgischen Kalender aufgenommen hat.
Die Armenier haben 1915 nicht nur 1,5 Millionen Menschen verloren. Sie haben eine Heimat verloren, eine Kulturlandschaft, ein materielles Erbe, das nicht wiederherzustellen ist. Und sie erleben, 111 Jahre später, wie dieselbe Logik der Auslöschung in Nachitschewan und Arzach fortgesetzt wird. Aber sie haben auch etwas, das sich nicht zerstören lässt: die Erinnerung, die in der Diaspora, in den Gemeinden, in den Kirchen und in den Familien weitergetragen wird. Solange sie weitergetragen wird, ist der Völkermord nicht zu Ende geschrieben.
Die Wunden sind nicht verheilt. Die Zerstörung hat nicht aufgehört. Aber die Erinnerung ist stärker.
Gedenkgottesdienst und Veranstaltung zum 111. Jahrestag des Völkermords an den Armeniern. Kommt. Erinnert.
Zur Veranstaltung →- Wikipedia: Völkermord an den Armeniern (de.wikipedia.org)
- Raymond Kévorkian: Le Génocide des Arméniens (Paris 2006)
- Bundeszentrale für politische Bildung: Der Genozid in der Gegenwartskultur (bpb.de)
- Bundesarchiv: Der Völkermord an den Armeniern (Geschichtsgalerie)
- AGA (Arbeitsgruppe Anerkennung): Ethnozid-Bilddokumente Aserbaidschan (aga-online.org)
- DAKD Bielefeld: Interview mit Argam Ayvazyan (bielefeld.dakd.de)
- ACLED / Caucasus Heritage Watch: Erasing Space. Destruction of Armenian Heritage in Nagorno-Karabakh (2024)
- ECLJ: The Systematic Erasure of Armenian Christian Heritage in Nagorno-Karabakh (Juni 2024)
- USCIRF: Annual Report 2025, Azerbaijan
- Artsakh Culture and Tourism Development Agency: Meldung vom 21. April 2026
Pfarrer Dr. Diradur Sardaryan
Gemeindepfarrer
Armenische Gemeinde Baden-Württemberg e. V. (AGBW)

