„Nie wieder“ darf kein leeres Wort bleiben

Gedenkveranstaltung in Stuttgart erinnert
an Völkermord und mahnt zum Handeln

Stuttgart, 24. April – Auf dem  Hauptfriedhof Bad Cannstatt legten Hunderte Bürger gemeinsam mit Politikern, Geistlichen und Vertretern von Gemeinden am Kreuzstein-Mahnmal für die Opfer des Genozid einen Kranz nieder. Es war der Beginn einer Gedenkveranstaltung zum 111. Jahrestag des Völkermords an den Armeniern, die mit einer hochrangigen Delegation voran- und am Abend in der Lutherkirche Bad-Cannstatt zu Ende ging. Das Signal, das von diesem 24. April 2026 ausging, war unmissverständlich: Die Erinnerung an dieses Verbrechen ist nicht verblasst. Und der Druck wächst, der bloßen Anerkennung endlich Taten folgen zu lassen.

Seit dem 24. April 1915, als das Osmanische Reich mit der Verhaftung und Ermordung von über zweihundert armenischen Intellektuellen in Konstantinopel begann, sind 111 Jahre vergangen. Was folgte, war die systematische Vernichtung einer Zivilisation: 1,5 Millionen Armenier, Aramäer und Pontos-Griechen wurden deportiert, in Todesmärsche durch die Wüste getrieben, in Konzentrationslagern ermordet oder dem Hunger und den grassierenden Seuchen anheimgefallen. Am 24. April 1915 begann der erste industriell geplante Genozid des 20. Jahrhunderts.

Bei der Kranzniederlegung am Hauptfriedhof sprach Pfarrer Dr. Diradur Sardaryan, der Gemeindepfarrer der Armenischen Gemeinde Baden-Württemberg. Er benannte drei unmittelbare Anliegen: die sofortige Freilassung armenischer Gefangener in Aserbaidschan, das Rückkehrrecht der über 100.000 Armenier, die im September 2023 aus ihrer Heimat Arzach vertrieben wurden, und klare Maßnahmen gegen jene, die diese Verbrechen zu verantworten haben. Unter den Anwesenden waren Minister Manne Lucha, Landtagsabgeordnete und Vertreter der Stadt Stuttgart, der Stuttgarter Plattform Gegen Völkermord, sowie Vertreter des Armenischen Kulturvereins Stuttgart und des Noah e.V. zur Förderung der deutsch-armenischen Kulturbeziehungen.

Sardaryan erinnerte daran, dass nur drei Tage vor dieser Gedenkveranstaltung bekannt geworden war, dass die Kathedrale der Heiligen Muttergottes in Stepanakert dem Erdboden gleichgemacht worden war – am Vorabend des Gedenktages. Er zog eine unbequeme Verbindung: „Wo Völkermord folgenlos bleibt, ermutigt er die nächsten Täter.“ Dieser Satz fasst zusammen, was den Kern dieser Veranstaltung wiedergibt: nicht nur Geschichtsaufarbeitung, sondern eine grundsätzliche Frage über unsere Fähigkeit, derartige Verbrechen künftig weltweit zu verhindern.

Breite politische Unterstützung

Minister Manne Lucha betonte in seinem Grußwort, wie wichtig es ist, die Erinnerung wachzuhalten und sich gemeinsam für Menschenwürde und Demokratie einzusetzen. Er würdigte ausdrücklich die Arbeit der Armenischen Gemeinde Baden-Württemberg im gesellschaftlichen Leben des Landes. Besonders hob Lucha die Partizipation der Armenischen Gemeinde Baden-Württemberg am Runden Tisch der Religionen hervor, wo sie als wichtige Partnerin anerkannt ist. Damit gab der Minister ein klares Signal: Die armenische Gemeinschaft ist nicht marginalisiert, sondern integraler Teil des religiösen und gesellschaftlichen Dialogs in Baden-Württemberg.

Die SPD-Landtagsfraktion, vertreten durch die Landtagsabgeordnete Katrin Steinhülb-Joos, überbrachte in einem Grußwort ihres Fraktionsvorsitzenden Sascha Binder ebenfalls ihre Solidarität. Frau Steinhül-Joss, dass Erinnerungskultur kein bloßer Rückblick sein dürfe, sondern ein Auftrag für die Gegenwart sei. „Gerade in einer Zeit, in der Hass, Ausgrenzung und autoritäre Tendenzen auch in Europa wieder zunehmen, mahnt uns der 24. April: Wir dürfen niemals schweigen, wenn Menschenrechte mit Füßen getreten werden. Wir müssen laut sein, wenn Minderheiten bedroht werden“. Die CDU Baden-Württemberg ließ durch Ayla Cataltepe ausrichten, dass sie geschlossen hinter der armenischen Gemeinde stehe. Im Grußwort, unterstützt von Manuel Hagel, wird auf die Notwendigkeit verwiesen, Erinnerung lebendig zu halten und die Geschlossenheit der Landtagsfraktionen bei diesem Thema zu demonstrieren.

Özdemir fordert Konsequenzen

Am Abend in der Lutherkirche Bad Cannstatt war es dann die Rede des designierten Ministerpräsidenten Cem Özdemir, die der Veranstaltung besonderes Gewicht gab. Es war, wie Kristina Bagratuni, die Vorsitzende der Armenischen Gemeinde Baden-Württemberg, betonte, das erste Mal, dass ein designierter Landesvater des Südwestens an einer Gedenkveranstaltung zum Völkermord teilnahm. Özdemir war vor zehn Jahren einer der Hauptinitiatoren jener Bundestagsresolution von 2016 gewesen, die den Völkermord endlich beim Namen nannte und die Mitverantwortung des Deutschen Reiches als Kriegsverbündeter des Osmanischen Reiches anerkannte.

In seiner Ansprache unterstrich Özdemir, dass die Bundestagsresolution von 2016 nicht folgenlos bleiben darf. Baden-Württemberg könne Vorreiter bei der Umsetzung sein, besonders in der Bildung. Er verwies darauf, dass zehn Jahre nach der Anerkennung des Genozids jetzt die Zeit gekommen sei, konkrete Maßnahmen zu ergreifen. Die armenische Gemeinde verbindet damit die Hoffnung, dass der neue Ministerpräsident nicht nur historische Wahrheit anerkennt, sondern auch in der Gegenwart handelt.

Musik und Zeugnis

Die Veranstaltung in der Lutherkirche wurde musikalisch gerahmt durch Sona Talian am Klavier und Vache Bagratuni am Cello. Sie spielten Werke des armenischen Komponisten Komitas Vardapet: „Der Aprikosenbaum“, „Es ist Frühling“ sowie zwei weitere Kompositionen des Meisters, die die Traurigkeit und Schönheit der armenischen Kultur in Töne fassen. Ergänzt wurde das Programm durch die Vokalise des armenischen Komponisten Arno Babadjanyan. Zwischen den musikalischen Einlagen rezitierte Vic Bagratuni aus „Verlust und Vermächtnis“ von Mihran Dabagh, einer Sammlung von Zeitzeugenberichten des Völkermords. Diese Kombination aus Musik und Wort schuf einen Raum, in dem der Schmerz der Geschichte nicht abstrakt blieb, sondern in der unmittelbaren Stimme und im Leid der Überlebenden gegenwärtig wurde.

Die Mahnung aus Potsdam

Dr. Hayk Martirosyan vom Lepsius-Haus in Potsdam referierte über die Geschichte des Völkermords mit nüchterner Präzision. Er dokumentierte nicht nur die Brutalität der Vernichtung, sondern rief auch eine andere Geschichte ins Bewusstsein: jene der Rettung. Deutsche Missionen, das Kaiserswerther Diakonissenhaus, das syrische Waisenhaus und andere Institutionen hätten tausende Armenier gerettet. Beatrice Rohner, eine Missionarin aus Weil am Rhein, hat in Aleppo ein Waisenhaus geleitet und unter unmöglichsten Bedingungen hunderten Kindern das Leben gerettet, bis sie selbst einen psychischen Zusammenbruch erlitt.

Diese Geschichte war keine sentimentale Ausfluchtsnahme. Sie war eine Herausforderung an die Gegenwart. Wenn damals deutsche Christen unter den schwierigsten Bedingungen bereit waren, ihr Leben einzusetzen, um Menschlichkeit zu bewahren, was ist heute, in Zeiten des Friedens und der Sicherheit, unsere Ausrede? Martirosyan machte deutlich: Die Hilfswerke bewiesen, dass Humanismus in der Stunde der Not möglich war. Sie verdienen, dass ihre Geschichten lebendig bleiben.

Unbequeme Fragen an die Gegenwart

Am Ende der Veranstaltung fasste Pfarrer Sardaryan das zentrale Dilemma zusammen. Er berichtete von der Ausstellung zum Völkermord, die im Landtag von Baden-Württemberg 2023 eröffnet wurde. Sie zeigte Frottagen der Künstlerin Lisa M. Stybor von Mauern und Steinen aus Anatolien, auf denen vor hundert Jahren Armenier zum Tode getrieben wurden. „Zeitzeugen, die uns von damals berichten“, nannte er diese Steine. Am selben Tag, so Sardaryan, wurden 100.000 Armenier aus Berg-Karabach vertrieben. „Die Welt hat zugeschaut und nichts getan.“ Diese Parallele war kein historisches Räsonieren. Sie war eine Anklage der Gegenwart. Sie war auch eine Mahnung an alle, die diese Veranstaltung besuchten und in den kommenden Jahren politische Verantwortung tragen, dass „Nie wieder“ keine leere Worte bleiben dürfen, sondern in die Tat umgesetzt werden müssen.

Die Forderung, tätig zu werden

Was sich in Stuttgart am 24. April 2026 zeigte, war eine armenische Gemeinde, die nicht mehr auf Mitleid wartet, sondern auf Verbindlichkeit besteht. Die neue politische Verantwortung in Baden-Württemberg steht vor der Aufgabe, zehn Jahre nach der Bundestagsresolution die Erinnerungskultur weiterzuentwickeln. Dabei stellt sich die Frage, wie über die Anerkennung hinaus nachhaltige Impulse gesetzt werden können.

Mit einem Satz fasste Pfarrer Sardaryan am Ende der Veranstaltung zusammen, worum es geht: „Unsere heiligen Märtyrer haben die Gerechtigkeit im Himmel erreicht. Wir, die wir hier stehen, haben die Aufgabe, für die Gerechtigkeit und den Frieden auf Erden zu arbeiten. Nicht irgendwann. Jetzt.“


Hintergrund: Der Völkermord an den Armeniern 1915 bis 1923 gilt als der erste industriell geplante Genozid des 20. Jahrhunderts. Der polnisch-jüdische Jurist Raphael Lemkin, der den Begriff „Genozid“ prägte, nannte den Mord an den Armeniern ausdrücklich als eines der beiden Grundereignisse, die sein Denken formten. Adolf Hitler verwies 1939 darauf, indem er fragte: „Wer redet heute noch von der Vernichtung der Armenier?“ Seit 111 Jahren beantworten Armenier diese Frage: Wir reden davon. Und wir werden nicht aufhören.