Zwischen Valentingstag und Tjarnendaradj

Ein Gespräch mit Pfarrer Dr. Diradur Sardaryan über Liebe, Familie und Fastenzeit.

In den Schaufenstern der Göppinger Innenstadt stapeln sich rote Herzen und Pralinen. Valentinstag. Doch nur wenige Straßen weiter, in der Heilig-Kreuz-Kirche der Armenischen Gemeinde Baden-Württemberg, bereitet man sich auf ein ganz anderes Fest vor: Tearndaradj – die Darbringung Jesu im Tempel. Kein kommerzieller Liebestag, sondern ein 2000 Jahre altes kirchliches Hochfest. Und doch geht es auch hier um Liebe, Beziehung, Familie.

Dass beide Feste auf denselben Tag fallen, ist reiner Zufall. Aber für Pfarrer Dr. Diradur Sardaryan, den geistlichen Leiter der mehr als 5.000 Mitglieder zählenden Gemeinde, ist es ein willkommener Anlass, über verschiedene Arten von Liebe zu sprechen: die romantische und die verpflichtende, die gefühlte und die gelebte. Am Vorabend hat er junge Paare und langjährige Eheleute gesegnet, später wurde das Feuer entzündet, über das die Menschen sprangen und Volkslieder sangen – ein alter armenischer Brauch.

Morgen beginnt die Große Fastenzeit. 40 Tage Verzicht, Besinnung, Umkehr. Wie kann diese Zeit Familien stärken? Was hat die armenische Kirche modernen Beziehungen noch zu sagen? Und wie geht ein armenischer Priester mit gescheiterten Ehen um? Ein Gespräch über Ideale und Realität, Tradition und Moderne.

AGBW:AAGBW: Pfarrer Diradur, während ganz Europa heute Valentinstag feiert, läuten bei Ihnen die Kirchenglocken. Zufall?

PD.: Überhaupt nicht. Heute ist Tearndaradj – die Darbringung Jesu im Tempel, 40 Tage nach Weihnachten. Während draußen Blumenhändler Rosen verkaufen, segnen wir in der Armenischen Apostolischen Kirche junge Ehen und Familien. Beide Feste sprechen von Liebe. Aber auf sehr unterschiedliche Weise.

AGBW: Inwiefern?

PD.: Valentinstag ist romantisch, individuell, konsumierbar. Tearndaradj ist kollektiv, spirituell, verpflichtend. Simeon und Hanna erkennen im Tempel das göttliche Kind, nicht als süße Geschichte, sondern als existenzielle Begegnung. Bei uns geht es heute Abend nicht um Schokolade, sondern um das Feuer der Liebe, um das Licht der Welt. Um einen Neuanfang.

AGBW: Feuer?

PD.: Wir zünden nach dem Gottesdienst Feuer an – eigentlich ein uralter armenischer Brauch, den wir christianisiert haben, damit die Volksbäuche nicht verschwinden. Die Paare springen darüber. Es symbolisiert Reinigung, Wärme, Gottes Gegenwart. Dann segne ich sie für das kommende Jahr. Manche sind frisch verheiratet, andere seit Jahrzehnten zusammen. Viele Gemeindemitgleider bringen ihre Kinder mit. Nach dem Gottesdienst sinden und tanzen wir und feiern unseren Herrn Jesus Christus, das Licht der Welt.

AGBW: Klingt intensiver als Dinner bei Kerzenlicht.

PD.: (lacht) Definitiv schweißtreibender! Aber im Ernst: Wir leben in einer Zeit, in der Beziehungen auf Dating-Apps reduziert werden. Wisch nach links, wisch nach rechts. Die armenische Kirche sagt: Liebe ist mehr. Sie ist ein Mysterium. Sie ist aber auch ständige Arbeit. Sie ist ein geistlicher Weg, den zwei Menschen gemeinsam gehen.

AGBW: Sie planen Ehevorbeitungskurse an. Was sollten junge Paare da lernen, im Jahr 2026?

PD.: Praktische Dinge. Was heißt es eine christliche Familie zu sein? Wie redet man über Geld? Wer räumt die Spülmaschine aus? (lacht) Aber auch: Wie betet man zusammen? Was tun, wenn die Schwiegereltern sich einmischen? Wie bleibt man einander treu in einer Welt voller Ablenkungen?

AGBW: Und theologisch?

PD.: Wir arbeiten mit 15 Bedingungen für eine starke christliche Ehe. Kirchliche Verankerung, Elternsegen, gegenseitiger Respekt, Treue. Basierend auf Epheser 5.

AGBW: Epheser 5 – da steht auch „die Frauen sollen sich ihren Männern unterordnen“. Wie verkaufen Sie das 2026?

PD.: (lehnt sich vor) Genau diese Frage kommt immer. Aber lesen Sie weiter: „Männer, liebt eure Frauen, wie Christus die Kirche geliebt hat.“ Christus gab sein Leben. Der Mann soll also Diener sein, nicht Tyrann. Und die Frau? Gleichwertige Partnerin, keine Untergebene. Das ist orthodox-theologisch klar. Aber ja – die Sprache ist sperrig. Deshalb rede ich von „liebender Führung“ und „freiwilliger Zuordnung“. Beides in Freiheit.

AGBW: Trotzdem – 15 Bedingungen. Ist das nicht überfordernd?

PD.: Für manche ja. Deshalb sind es Ideale, keine Gesetze. Ich frage die Paare: „Seid ihr bereit, miteinander zu wachsen?“ Das ist die wichtigste Bedingung. Der Rest ist Begleitung, nicht Zwang. Die Kirche ist kein Türsteher. Sie ist eine Hebamme.

AGBW: Schönes Bild. Aber die Realität in Ihrer Gemeinde sieht doch anders aus: Scheidungen, Alleinerziehende, zerbrochene Familien.

PD.: Natürlich. Wir haben hier in Baden-Württemberg mehr als 5.000 Armenier. Viele kämpfen. Beruflich unter Druck, kulturell zwischen zwei Welten, wirtschaftlich am Limit. Manche Ehen scheitern. Manche kommen als Asylsuchende, traumatisiert von Krieg und Vertreibung aus Arzach, aus Ukraine, aus Syrien.

AGBW: Was sagen Sie ihnen?

PD.: Dass sie nicht allein sind. Dass die Gemeinde Familie ist. Dass Scheitern nicht das Ende ist. Armenische Kirchenväter und Theologen sprechen von der Familie als „Ort gegenseitiger Rettung“. Manchmal retten wir einander, indem wir loslassen. Aber das ist nicht immer die ideale Lösung. Wir sollten auch Hilfe suchen bei Gott, beim Pfarrer, bei der Familie und auch bei Spezialisten.

AGBW: Morgen beginnt die Große Fastenzeit. Dei Armenische Kirche feeirt morgen Bun Baregendan, den letzten fröhlichen Tag. Was passiert da?

PD.: Ein letztes Fest vor 40 Tagen Verzicht. Traditionell isst man zusammen, trinkt armenischen Wein, lacht. Es ist wie eine Erinnerung an das Paradies, bevor wir uns auf die Wüste einlassen. In manchen Gemeinden wird es wilder, mit viel Musik und Volkstänzen. Hier bei uns ruhiger, aber herzlich.

AGBW: Und dann?

PD.: Dann fasten wir. Kein Fleisch, keine Milchprodukte. Wir ernähren uns vegan. Aber wichtiger: Weniger Bildschirm, mehr Gespräch. Weniger Konsum, mehr Beziehung. Ich sage den Familien: Nutzt diese Zeit. Esst zusammen. Redet ohne Handy. Betet gemeinsam, auch wenn es anfangs komisch ist.

AGBW: Das klingt idealistisch. Funktioniert das?

PD.: Nicht immer. Aber manchmal schon. Letztes Jahr kam eine Mutter zu mir, Alleinerziehend, zwei Kinder, vollzeit berufstätig. Sie sagte: „Herr Pfarrer, ich schaffe das nicht. Keine Zeit für Kirche, kaum Zeit für die Kinder.“ Ich habe ihr gesagt: „Dann faste anders. Verzichte auf Schuldgefühle. Mach einmal pro Woche ein richtiges Abendessen mit den Kindern, ohne Fernseher. Das ist dein Fasten.“

AGBW: Und?

PD.: Drei Monate später erzählte sie mir: Die Kinder reden jetzt mit ihr. Über Schule, über Freunde. Sie hatte sie fast verloren, nicht an die Welt, sondern an die Stille zwischen ihnen. Die Fastenzeit hat sie zurückgeholt.

AGBW: Sie haben vorhin von „Ort gegenseitiger Rettung“ gesprochen. Aber was ist mit denen, die keine Familie haben? Den Alleinstehenden, Verwitweten?

PD.: (wird ernst) Das ist der Test. Eine Gemeinde zeigt ihren Charakter daran, wie sie mit den Einsamen umgeht. Deshalb mein Appell: Ladet sie ein. Zu Bun Baregendan, zum Fastenessen, einfach zum Kaffee. Wir haben hier Witwen, Senioren, die seit Jahren allein sind. Singles, die sich fremd fühlen in einer Kirche voller Familien. Fasten heißt auch: Verzicht auf Gleichgültigkeit.

AGBW: Konkreter?

PD.: Wir möchten in der Fastenzeit Familienabende organisieren, jeder ist eingeladen „Familie“ mitzubringen. Freunde, Nachbarn, Kollegen. Und wir machen aus Einsam – Gemeinsam.

AGBW: Letzte Frage: Was unterscheidet Tearndaradj wirklich vom Valentinstag?

PD.: Valentinstag feiert die Verliebtheit. Tearndaradj feiert die Hingabe. Das eine ist der Funke. Das andere das Feuer, das ein Leben lang brennt. Beide sind wichtig. Aber nur eines trägt durch dunkle Nächte.

AGBW: Vielen Dank für das Gespräch.

PD.: Gerne. Und falls Ihre Leser vorbeikommen wollen: Am Sonntag, 12 Uhr, Surb Patarag in Stuttgart. Wir haben genug Liebesfeuer für alle.