
Glaube, Kunst und Kultur in der armenischen Welt
Kaum ein Volk hat seinen Glauben so sehr in Schrift, Stein und Gesang verwandelt wie das armenische. Über siebzehn Jahrhunderte wurde aus Frömmigkeit Kultur und aus Kultur eine Weise zu überleben. Was lehrt diese Geschichte über das Verhältnis von Glaube und Kunst, und wo liegt ihre Grenze?
Pfarrer Dr. Diradur Sardaryan
Samosata am Euphrat, zu Beginn des 5. Jahrhunderts. Ein Mönch aus Armenien sitzt über Pergamentblättern, neben ihm ein griechischer Schreiber namens Rufanos, der den neuen Buchstaben ihre endgültige Form gibt. Der Mönch heißt Mesrop Maschtoz. Jahrelang hat er nach Zeichen gesucht, die die Laute seiner Sprache wiedergeben können. Nun sind sie gefunden. Sein Schüler und Biograf Koriun berichtet, was Maschtoz als Erstes mit ihnen schrieb: einen Satz aus dem Buch der Sprichwörter, der dazu anleitet, Weisheit und Zucht zu erkennen und Worte der Einsicht zu verstehen. Der erste Satz in armenischer Schrift ist ein Satz der Bibel.
Man kann die Kulturgeschichte eines ganzen Volkes mit diesem Augenblick beginnen lassen. Und man versteht an ihm, worum es in dieser Geschichte geht: Die armenische Kultur ist nicht neben dem Glauben entstanden. Sie ist aus ihm hervorgegangen.
Die Wörter „Kultur“ und „Kult“ haben dieselbe Wurzel. Das lateinische „colere“ bedeutet bebauen, pflegen und verehren. Wer einen Acker bestellt, einen Menschen pflegt oder Gott verehrt, tut im Grunde Verwandtes: Er wendet sich etwas mit Sorgfalt zu und lässt es wachsen. In der modernen Welt sind die beiden Bedeutungen weit auseinandergerückt. Kultur ist ein eigener gesellschaftlicher Bereich geworden, mit Theatern, Museen und Festivals, Religion gilt vielen als Privatsache. In der armenischen Welt lässt sich diese Trennung bis heute kaum vollziehen. Die ältesten Bauwerke sind Kirchen, die kostbarsten Bücher sind Evangeliare, die ältesten überlieferten Melodien sind Hymnen. Wer die armenische Kultur verstehen will, muss ihren Glauben verstehen.
Den tiefsten Grund dafür nennt der Prolog des Johannesevangeliums: Das Wort ist Fleisch geworden (Joh 1,14). Wenn Gott selbst Materie angenommen hat, kann Materie zum Träger des Heiligen werden. Johannes von Damaskus hat das im 8. Jahrhundert gegen die Bilderstürmer so gefasst: „Ich verehre nicht die Materie, sondern den Schöpfer der Materie, der um meinetwillen Materie geworden ist.“ In Armenien hatte schon um das Jahr 600 der Theologe Wrtanes Kertogh die Bilder gegen ihre Gegner verteidigt. Farbe, Klang, Stein und Pergament sind in dieser Sicht keine Konkurrenz zum Geist. Sie sind seine Sprache.
Das Wort wird Schrift
Nach der Erfindung des Alphabets begann eine Epoche, die die Armenier bis heute als ihr goldenes Zeitalter verehren. Unter Maschtoz und dem Katholikos Sahak Parthew übersetzte eine Schar von Schülern die Bibel, die Liturgie und die Werke der Kirchenväter. Die Kirche gedenkt ihrer jedes Jahr als der „Heiligen Übersetzer“. Die armenische Bibel gilt wegen ihrer Genauigkeit und Schönheit als Meisterwerk. Ein französischer Gelehrter des 18. Jahrhunderts soll sie die „Königin der Übersetzungen“ genannt haben.
Nur wenige Jahrzehnte später zeigte sich, was diese Verbindung von Glaube und Kultur bedeutete. Im Jahr 451 stellte sich ein armenisches Heer unter Wardan Mamikonjan bei Awarair den Persern entgegen, die das Land zum Zoroastrismus zurückzwingen wollten. Die Schlacht ging verloren, der Glaube blieb. Der Geschichtsschreiber Jerische überliefert einen Satz, den armenische Kinder bis heute lernen: „Unerkannter Tod ist Tod, erkannter Tod ist Unsterblichkeit.“ Der Glaube war nun nicht mehr nur eine Überzeugung. Er war zur Form geworden, in der ein Volk sich selbst verstand.
Glaube in Stein
Wer durch Armenien reist, begegnet dem Glauben zuerst als Stein. Die Kirchen mit ihren Kuppeln auf hohen Tambouren, die Klöster an den Rändern der Schluchten, die Kapellen auf den Bergkuppen: Die Landschaft selbst scheint zu beten. Eines der eindrucksvollsten Beispiele steht heute nicht mehr auf armenischem Staatsgebiet. Auf der Insel Achtamar im Vansee ließ König Gagik Arzruni zwischen 915 und 921 die Kirche vom Heiligen Kreuz errichten. Ihre Außenwände sind mit Reliefs bedeckt: Adam und Eva, Jona und der große Fisch, David und Goliat. Die Kirche ist eine Bibel aus Stein, lesbar für jeden, der vorübergeht, auch für den, der nicht lesen kann.
Noch unmittelbarer wird der Glaube im Chatschkar zur Kunst, dem Kreuzstein. Rund 40.000 dieser Steinstelen sind nach Angaben der UNESCO erhalten, die ihre Kunst 2010 in das immaterielle Kulturerbe der Menschheit aufgenommen hat. Kein Kreuzstein gleicht dem anderen. Und doch tragen fast alle ein Motiv, das theologisch aufhorchen lässt: Aus dem Kreuz wachsen Ranken und Blätter, unter ihm dreht sich oft eine Rosette als Zeichen der Ewigkeit. Das Werkzeug der Hinrichtung ist zum Lebensbaum geworden. Der Chatschkar erzählt in Stein, was die Liturgie in Worten bekennt: dass am Kreuz der Tod besiegt ist. Er ist Kunstwerk, Gedenkzeichen, Gebet und Glaubensbekenntnis zugleich.
Das Buch, das man nicht zurücklässt
Ebenso kostbar wie die Steine sind die Handschriften. Armenische Mönche haben über Jahrhunderte Evangelien abgeschrieben und ausgemalt. Der Buchmaler Toros Roslin schuf im 13. Jahrhundert im kilikischen Katholikossitz Hromkla Miniaturen von einer Anmut, die Kunsthistoriker bis heute beschäftigt. Das Matenadaran in Jerewan, das den Namen des Mesrop Maschtoz trägt, bewahrt eine der bedeutendsten Handschriftensammlungen der Welt.
Wie sehr diese Bücher als heilig galten, zeigt eine Geschichte aus dem Jahr 1915. Im Kloster der Heiligen Apostel bei Musch lag ein gewaltiges Homiliar aus dem frühen 13. Jahrhundert, rund 27 Kilogramm schwer. Zwei Frauen fanden es auf der Flucht vor den Deportationen. Weil es zu schwer war, teilten sie es. Beide Hälften überstanden auf getrennten Wegen den Völkermord, heute liegen sie wieder vereint im Matenadaran. Menschen, die um ihr Leben liefen, trugen ein Buch mit sich. Es war ihnen mehr als ein Kunstwerk. Es war das Wort, das sie nicht zurücklassen wollten.
Gesungenes Gebet
Die dritte große Sprache des armenischen Glaubens ist die Musik. Die Scharakane, die Hymnen der armenischen Kirche, sind über Jahrhunderte gewachsen. Einer ihrer bedeutendsten Dichter war im 12. Jahrhundert der Katholikos Nerses Schnorhali, „der Gnadenvolle“. Sein Morgenhymnus spricht Christus als Morgen des Lichts und gerechte Sonne an. Sein Gebet „Im Glauben bekenne ich“ umfasst vierundzwanzig Strophen, eine für jede Stunde des Tages, und ist in zahlreiche Sprachen übertragen worden. Schnorhali war zugleich ein Mann des Dialogs. Mit Byzanz führte er einen geduldigen Briefwechsel über die Einheit der Kirche. Dichtung und Ökumene waren bei ihm zwei Formen derselben Liebe.
Rund anderthalb Jahrhunderte früher hatte Grigor Narekatsi sein „Buch der Klagelieder“ geschrieben, Gespräche mit Gott aus der Tiefe des Herzens. Es ist Dichtung von höchstem Rang und zugleich Gebetbuch des Volkes. In manchen armenischen Familien legt man es bis heute Kranken unter das Kopfkissen. Papst Franziskus erhob Narekatsi 2015 zum Kirchenlehrer, ein seltenes ökumenisches Zeichen der Anerkennung.
Keine Gestalt verkörpert die Einheit von Glaube, Kunst und Schicksal aber so sehr wie Komitas. 1869 geboren und früh verwaist, wurde er Priestermönch und studierte in den 1890er Jahren in Berlin Musik. Er zog durch die Dörfer, schrieb Tausende Volkslieder auf und arbeitete das Eigene der armenischen Musik heraus. Seine Vertonung der Göttlichen Liturgie wird bis heute in armenischen Kirchen gesungen. Am 24. April 1915 wurde er in Konstantinopel mit Hunderten armenischer Intellektueller verhaftet und deportiert. Er überlebte, doch was er gesehen hatte, zerbrach ihn. Die letzten zwei Jahrzehnte seines Lebens verbrachte er weitgehend schweigend in psychiatrischen Kliniken, 1935 starb er bei Paris. Ein großer Teil seiner Aufzeichnungen ging verloren. Was blieb, singt die armenische Welt bis heute.
Gottesdienste und Veranstaltungen der Gemeinde
Wenn Kultur zum Überleben wird
Über weite Strecken ihrer Geschichte hatten die Armenier keinen eigenen Staat. Nach dem Fall des Königreichs Kilikien 1375 war es über Jahrhunderte vor allem die Kirche, die Sprache, Schrift, Gedächtnis und Zusammenhalt bewahrte. Nach dem Völkermord von 1915 und der Zerstreuung in alle Welt übernahm sie diese Rolle erneut. Heute leben mehr Armenier außerhalb Armeniens als im Land selbst. Wo sie sich niederließen, entstanden vielerorts zuerst eine Kirche, dann eine Schule, dann ein Chor. Kultur wurde zur Form des Überlebens und die Kirche zu ihrem Haus.
Diese Geschichte hat große Würde. Sie birgt aber auch eine Gefahr, die man offen aussprechen muss. Wo Glaube und Volkszugehörigkeit so eng verwoben sind, kann das Evangelium zum Kennzeichen einer Identität schrumpfen. Dann geht man in die Kirche, weil man Armenier ist, und nicht, weil man Christus sucht. Dann wird das Kreuz zum Folkloreelement und die Liturgie zum Heimatabend. Die Religionssoziologie spricht in solchen Fällen von Zugehörigkeit ohne Glauben: Die Religion bleibt als kulturelles Band erhalten, während ihr geistlicher Kern verblasst. Die Aufgabe einer Kirche in der Diaspora ist darum doppelt. Sie muss die Kultur bewahren, ohne den Glauben an sie zu verlieren.
Was das Evangelium mit der Kultur macht
Die Bibel selbst gibt dafür zwei Maßstäbe. Der erste ist das Pfingstfest. Als der Heilige Geist auf die Apostel herabkommt, hören Menschen aus vielen Völkern die großen Taten Gottes, jeder in seiner eigenen Muttersprache (Apg 2). Der Geist löscht die Vielfalt der Sprachen und Kulturen nicht aus, er heiligt sie. Genau das hat Mesrop Maschtoz getan, als er der Bibel eine armenische Gestalt gab. Das Evangelium wird nicht armenisch. Aber es spricht armenisch.
„Das Evangelium wird nicht armenisch. Aber es spricht armenisch.“
Der zweite Maßstab ist die Rede des Paulus auf dem Areopag in Athen (Apg 17). Paulus zitiert dort griechische Dichter, knüpft an den Altar des unbekannten Gottes an und spricht in der Sprache seiner Zuhörer von Christus. Kultur ist bei ihm Brücke, nicht Ziel. Sie öffnet eine Tür, durch die das Evangelium eintreten kann.
An diesen beiden Maßstäben lässt sich messen, wann die Kulturarbeit einer Kirche Verkündigung ist. Nicht jedes Konzert in einer Kirche ist Evangelium, und nicht jede Ausstellung armenischer Kunst ist Mission. Verkündigung geschieht dort, wo Kultur über sich hinausweist: wo ein Chatschkar die Frage nach dem Kreuz stellt, wo ein Scharakan eine Stille öffnet, wo ein Mensch, der nie eine armenische Kirche betreten hat, einer Gemeinde begegnet, die ihn gastfreundlich aufnimmt. Die orthodoxe Missionstheologie spricht von der „Liturgie nach der Liturgie“: Was am Altar gefeiert wird, soll in der Begegnung, im Dienst und in der Schönheit weitergehen.
In Stuttgart lädt die Armenische Gemeinde Baden-Württemberg seit 2011 jedes Jahr zu Kulturtagen ein. Das Leitwort des Jahres 2026 stammt aus der Offenbarung des Johannes: „Siehe, ich mache alles neu.“ Es beschreibt vielleicht am genauesten, worum es gehen muss: nicht eine Vergangenheit auszustellen, sondern eine Tradition lebendig zu halten, die sich aus derselben Quelle erneuert, aus der sie entstanden ist.
Zu den Armenischen Kulturtagen Stuttgart
Ein Kreuz, das blüht
Wer vor einem alten Chatschkar steht, sieht Spuren von Wind, Frost und Jahrhunderten. Manche Steine sind zerbrochen, manche umgestürzt, manche mit Flechten überwachsen. Und doch blüht das Kreuz in ihrer Mitte weiter. Vielleicht ist das die kürzeste Beschreibung der armenischen Kultur: ein Kreuz, das blüht. Sie hat das Leiden nicht verdrängt. Sie hat es in Schönheit verwandelt, ohne es zu verharmlosen. Sie hat den Glauben nicht in Vitrinen gestellt, sondern in Lieder, Bücher und Steine, die man berühren, singen und weitertragen kann.
Kultur allein rettet niemanden. Aber sie kann eine Tür sein, durch die das Wort eintritt, das im Anfang war. Mit einem Satz über die Weisheit hat die armenische Schrift begonnen. Vieles spricht dafür, dass sie mit einem Satz über die Hoffnung weitergeschrieben werden will.

