Armenische Kulturtage Stuttgart 2026, Kammermusik
Die Klage hat drei Stimmen
Rachmaninow, Babadschanjan und drei Musiker zwischen Jerewan und Stuttgart: Eine Kammermusik-Matinee bei den Armenischen Kulturtagen fragt, was nach der Elegie kommt.
Es gibt Gattungen, die ein Gedächtnis haben. Das Klaviertrio gehört dazu. 1882 schrieb Peter Tschaikowsky nach dem Tod seines Freundes Nikolai Rubinstein ein Trio, das mit einem Trauermarsch endet. Seither trägt die Besetzung aus Violine, Violoncello und Klavier in der russischen Musik einen Trauerflor.
Sergei Rachmaninow war achtzehn und noch Student am Moskauer Konservatorium, als er im Januar 1892 in vier Tagen sein erstes Trio élégiaque niederschrieb. Kurz darauf spielte er es selbst, gemeinsam mit dem Geiger David Krein und dem Cellisten Anatoli Brandukow. Ein Todesfall stand nicht dahinter; vermutlich war das Stück als Hommage an Tschaikowsky gedacht, den verehrten Mentor, der damals noch lebte. Eine Elegie also, die keinen Toten beklagt.
Der Bau ist ungewöhnlich: ein einziger Satz statt der üblichen drei oder vier, überschrieben Lento lugubre, gegliedert in zahlreiche Abschnitte. Violine und Violoncello beginnen mit leisen, murmelnden Figuren; darüber stimmt das Klavier das Hauptthema an, das aus einem Motiv von vier Tönen wächst. Die Streicher nehmen es auf, die Musik gerät in Bewegung, wird leidenschaftlich, und am Ende kehrt das Thema als Trauermarsch zurück, wie bei Tschaikowsky. Man hört einen jungen Menschen, der die Sprache der Klage schon beherrscht, bevor das Leben ihm Gründe dafür gibt.
Die Gründe kamen. 1893 starb Tschaikowsky, und Rachmaninow schrieb ein zweites Trio élégiaque, diesmal mit Adresse. Das erste blieb ungedruckt und erschien erst 1947, vier Jahre nach seinem Tod in Beverly Hills.
Dazwischen liegt das Exil. Im Dezember 1917 verließ Rachmaninow mit seiner Frau und den beiden Töchtern Russland, zunächst Richtung Stockholm, und kehrte nie zurück. Olga Knipper-Tschechowa, die Witwe Anton Tschechows, warf ihm in einem Neujahrsbrief 1918 vor, Russland im Stich gelassen zu haben. In Amerika wurde er als Pianist gefeiert; komponiert hat er nach 1917 nur noch sechs Werke. Die britische Musikkritikerin Fiona Maddocks hat diesem Bruch 2023 ein ganzes Buch gewidmet, „Goodbye Russia: Rachmaninoff in Exile“.
Das Kino hat aus dieser Lebensgeschichte einen Klang gemacht. Als David Lean 1945 in „Begegnung“ von einer Liebe erzählte, die nicht gelebt werden darf, legte er Rachmaninows zweites Klavierkonzert unter die Bilder; in Großbritannien hat erst dieser Film das Konzert wirklich populär gemacht. Seither hört man Rachmaninow leicht durch das Kino hindurch, als Klang der Sehnsucht. Das Trio élégiaque im Konzertsaal zu hören heißt, diesen Filter abzulegen. Hier ist nichts Kulisse.
Ein Erbe aus Jerewan
Sechzig Jahre nach Rachmaninows Frühwerk, 1952, schreibt Arno Babadschanjan für dieselben drei Instrumente. Geboren 1921 in Jerewan, fiel er schon als Fünfjähriger auf; Aram Chatschaturjan riet, den Jungen gründlich ausbilden zu lassen. Mit sieben kam er an das Konservatorium in Jerewan, 1938 ging er nach Moskau, zu dem Komponisten Wissarion Schebalin und dem Pianisten Konstantin Igumnow.
Mit Igumnow schließt sich ein Kreis. Er war nur einen Monat jünger als Rachmaninow, beide lernten bei Nikolai Swerew und Alexander Siloti, beide waren eng befreundet; 1908 spielte Igumnow die Uraufführung von Rachmaninows erster Klaviersonate. Wer bei ihm studierte, stand in direkter Linie zum Moskau der 1890er Jahre. Es passt ins Bild, dass man Babadschanjans Musik bis heute so beschreibt: armenische Volksmusik, gefasst in den virtuosen Stil Rachmaninows und Chatschaturjans.
Das Trio entsteht in einer gefährlichen Zeit. Im Februar 1948 hatte das Zentralkomitee, nur vordergründig gegen eine Oper von Wano Muradeli gerichtet, den sogenannten Formalismus verurteilt. Namentlich getroffen wurden sechs Komponisten: Schostakowitsch, Prokofjew, Chatschaturjan, Mjaskowski, Popow und Schebalin, Babadschanjans eigener Kompositionslehrer, der als Direktor des Moskauer Konservatoriums seinen Posten verlor. Babadschanjan unterrichtete inzwischen in Jerewan, von 1950 bis 1956; dort schrieb er das Trio. Es wurde von der Uraufführung an als Meisterwerk aufgenommen. Ob die tonale, leidenschaftliche, hörbar armenisch gefärbte Sprache eine Antwort auf den politischen Druck war, lässt sich nicht belegen. Gewiss ist, dass er in dieser Lage eine eigene Stimme fand.
Die Dramaturgie führt vom Largo über das Andante zum Allegro vivace. Im Mittelsatz steigt über einem dunklen, pochenden Klaviergrund eine Klagemelodie auf, zuerst in der Violine, dann im Violoncello, bis daraus ein immer leidenschaftlicheres Gespräch wird. Am Schluss des Finales kehrt das Anfangsthema des Werks zurück, bevor eine kurze, stürmische Coda das Stück beendet.
Die Elegie wird nicht vergessen. Sie wird mitgenommen.
Babadschanjan hat das Trio selbst eingespielt, mit David Oistrach und Swjatoslaw Knuschewizki. Zugleich schrieb er populäre Lieder, oft auf Texte von Jewgeni Jewtuschenko und Robert Roschdestwenski; „Die beste Stadt der Erde“, zuerst von Jean Tatlian gesungen, wurde durch Muslim Magomajew zum Klassiker. Die in Deutschland so streng gezogene Grenze zwischen ernster und unterhaltender Musik spielte für ihn keine Rolle. Schostakowitsch lobte ihn als glänzenden Klavierpädagogen, 1971 wurde er Volkskünstler der UdSSR. 1978 schrieb er eine Elegie, gewidmet Aram Chatschaturjan, der im Mai jenes Jahres gestorben war, jenem Mann, der ein halbes Jahrhundert zuvor sein Talent erkannt hatte. Auch der Komponist des Aufbruchs kehrt zur Klage zurück, wenn er jemanden verliert.
Drei Wege, ein Saal
Dass diese beiden Werke nun in Stuttgart nebeneinanderstehen, liegt an den drei Menschen, die sie spielen. Alle drei kommen aus Jerewan, alle drei sind längst Teil des europäischen Musiklebens.
Anush Nikogosyan
Violine
1989 in Jerewan geboren, stand sie mit zehn Jahren als Solistin vor dem Armenischen Nationalphilharmonischen Orchester, mit Mendelssohns Violinkonzert im Aram-Chatschaturjan-Konzertsaal. In München studierte sie bei Christoph Poppen und bei Julia Fischer, bei der sie 2015 mit Auszeichnung abschloss. Als Kammermusikerin spielte sie unter anderem mit Julia Fischer, Kim Kashkashian, Nils Mönkemeyer und Mario Brunello. Sie spielt eine Violine von Giovanni Battista Guadagnini aus dem Jahr 1753. Die Musik ihrer Heimat ist ihr ein Anliegen; sie gründete das Avetis String Quartet, um armenisches Quartettrepertoire auf internationale Festivals zu bringen. Für sie ist Babadschanjans Trio kein Ausflug, sondern Heimatboden.
Diana Sahakyan
Klavier
Sie begann ihre Ausbildung an der Jerewaner Spendiarjan-Musikschule und am Staatlichen Konservatorium. In Frankfurt studierte sie bei Lev Natochenny, Catherine Vickers und Oliver Kern; ein Meisterkurs bei Dmitri Baschkirow am Mozarteum brachte ihr ein Stipendium an der Escuela Superior de Música Reina Sofía in Madrid. Sie gastierte in der Alten Oper Frankfurt, im Concertgebouw Amsterdam und in der Liederhalle. Ihr Debütalbum „Das Jahr“ ist Fanny Mendelssohn Hensel gewidmet, 2022 folgte „Femmes de Légende“ mit Werken von Mel Bonis, eine Aufnahme, die in der „Diskothek“ von SRF 2 Kultur Lob fand. Seit Oktober 2022 leitet sie das von ihr gegründete erste KomponistInnen-Musikfestival in Frankfurt. Wer sich so um das Übersehene kümmert, bringt ein besonderes Ohr mit für eine Musik wie die Babadschanjans, die im westlichen Konzertbetrieb noch selten erklingt.
Vache Bagratuni
Violoncello
Er stammt aus einer Musikerfamilie. Sein Weg führte vom Komitas-Konservatorium in Jerewan über Freiburg an die Stuttgarter Musikhochschule, wo er Aufbaustudium und Solistenklasse absolvierte. Er musizierte mit Kim Kashkashian, Eduard Brunner und Suren Bagratuni. Seit vielen Jahren gehört er dem Staatsorchester Stuttgart an. Er ist kein Gast in dieser Stadt, sondern einer ihrer Musiker.
Was neu wird
Die Armenischen Kulturtage stehen 2026 unter dem Wort aus der Offenbarung: „Siehe, ich mache alles neu.“ Neu wird hier nicht etwas, das das Alte ablöst. Neu wird das Alte selbst, indem es gespielt wird, von diesen drei Menschen, an diesem Nachmittag, in diesem Saal. Rachmaninow nahm eine Trauerform und machte sie zu seiner Stimme. Babadschanjan nahm dieselbe Form und füllte sie mit einer anderen Welt. Diaspora, so zeigt dieses Programm, ist kein Museum der Herkunft. Die Elegie gehört dazu. Der Aufbruch auch.

