Narine Grigoryan in ihrem Monospektakel Gomesch, Die Büffelkuh, im Kleinen Kursaal Bad Cannstatt

Հայ Մշակույթի Օրեր Շտուտգարտում

Gomesch · Die Büffelkuh

Monospektakel mit Narine Grigoryan nach Hrant Matevossian
Deutsche Erstaufführung, 22. Oktober 2026, Kleiner Kursaal Bad Cannstatt

Foto: Eleonora Makaryan

Es gibt Theaterabende, nach denen man eine Weile braucht, bevor man wieder sprechen mag. Der 22. Oktober im Kleinen Kursaal Bad Cannstatt war ein solcher Abend. Mit „Gomesch · Die Büffelkuh“ nach der Erzählung von Hrant Matevossian erlebte das Monospektakel der armenischen Schauspielerin Narine Grigoryan seine deutsche Erstaufführung. Wer dabei war, wird diese Stunde nicht so bald vergessen.

Eine Erzählung, die zu atmen beginnt

Hrant Matevossian gilt als einer der großen Erzähler der armenischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Seine Prosa ist dicht und karg, und sie kennt eine Nähe zur Natur, wie man sie selten findet. In „Gomesch“ steht eine Büffelkuh im Mittelpunkt und mit ihr das Dorf, das um sie herum lebt. Wer einen solchen Text auf die Bühne bringt, steht vor einer heiklen Aufgabe: Wie verwandelt man Prosa dieser Dichte in Spiel, ohne ihr etwas zu nehmen?

Narine Grigoryan hat darauf eine überzeugende Antwort gefunden. Ihre Fassung ist hervorragend gearbeitet. Sie bewahrt die Sprache Matevossians und schenkt ihr zugleich, was auf dem Papier nur angelegt ist: Atem, Stimme, Körper. Der Text wird nicht bebildert, er wird gelebt. Man hat den Eindruck, dass die Erzählung auf dieser Bühne mehr Leben gewinnt, als sie zwischen zwei Buchdeckeln je haben könnte.

Narine Grigoryan auf der Bühne des Kleinen Kursaals
Narine Grigoryan in „Gomesch · Die Büffelkuh“Foto: Eleonora Makaryan

Eine Schauspielerin, viele Wesen

Was Grigoryan an diesem Abend zeigt, ist Verwandlungskunst im besten Sinn. Eben noch ist sie die Büffelkuh, mächtig, würdevoll, voll innerer Kraft, und im nächsten Augenblick der Wolf. Die Wechsel zwischen den Rollen geschehen in Sekunden, und sie geschehen mit einer Natürlichkeit, die nie nach Technik aussieht. Man sieht keine Schauspielerin, die Tiere darstellt. Man sieht Wesen, die einander begegnen.

Dazu kommt, was ihr Spiel unverwechselbar macht: eine emotionale Dichte, die den ganzen Saal erfasst. Grigoryan spielt nicht auf Wirkung hin. Sie vertraut der Geschichte, und gerade deshalb trifft sie mitten ins Herz.

Bemerkenswert ist, wie bewusst sie diesen Schritt gegangen ist. Bei der Premiere 2020 erzählte sie dem armenischen Portal Bravo.am, sie habe bisher immer im Namen sehr zarter und verletzlicher Figuren gesprochen. Nun verkörpere sie ein mächtiges Tier mit innerer Kraft. Angst vor der Verantwortung, ein ganzes Stück allein zu tragen, habe sie nicht gehabt, wohl aber den Wunsch, sich neu zu zeigen.

Narine Grigoryan in einer Szene des Monospektakels Narine Grigoryan in einer Szene mit Wasser

Szenen aus „Gomesch · Die Büffelkuh“Foto: Eleonora Makaryan

Der Blick der Büffelkuh

Entstanden ist das Stück in einer Zeit des Innehaltens. Während der Pandemie, so Grigoryan, habe sie viel darüber nachgedacht, wie wir Menschen mit der Natur umgehen. Jedes Jahr verschwinde eine weitere Tierart, und doch handle man nicht. Aus diesen Gedanken wuchs der Wunsch, uns Menschen einmal mit den Augen der Natur zu sehen. Schon ein halbes Jahr zuvor hatte Dawit Matevossian ihr geraten, „Gomesch“ zu lesen. In den Tagen der Quarantäne tat sie es, und die Erzählung berührte sie tief.

Uraufgeführt wurde das Monospektakel am 1. August 2020 beim Theaterfestival Armmono, das in jenem Jahr dem 85. Geburtstag Matevossians gewidmet war, unter freiem Himmel im Hof eines Künstlerateliers. Bei einem Besuch im Haus-Museum Matevossians erzählte Dawit Matevossian ihr viel über die Entstehung der Erzählung und gab ihr einen Satz mit, der zum Schlüssel wurde: Sie müsse den Blick der Büffelkuh sehen. Büffel seien edle Tiere, und so habe auch Matevossian sie gesehen. Er sei in einem Büffelstall geboren und habe das Dach mit diesen Tieren geteilt. Für ihn war der Büffel mehr als ein Tier.

„Wenn man seine Texte liest, kann man nicht anders, als die Natur zu lieben. Genau diese Liebe wollte ich dem Publikum weitergeben.“

Narine Grigoryan 2020 im Gespräch mit Bravo.am, aus dem Armenischen übersetzt

Im selben Gespräch fiel ein Satz, der nachklingt: Die Kolumbianer seien stolz auf García Márquez, und die Armenier hätten Matevossian. Man müsse sich dessen nur bewusst werden. An diesem Abend in Bad Cannstatt ist man es geworden.

Ein Kultstück, das auf die großen Bühnen gehört

„Gomesch“ ist längst ein Kult-Monospektakel, und in Bad Cannstatt war zu erleben, warum. Narine Grigoryan, Verdiente Künstlerin der Republik Armenien, ist eine grandiose Schauspielerin. Sie verbindet Präzision mit Wärme, Kraft mit Zartheit, und sie besitzt jene seltene Gabe, ein Publikum allein durch ihre Gegenwart zu halten.

Diese Schauspielerin gehört auf die besten Bühnen der Welt.

Applaus für Narine Grigoryan nach der deutschen Erstaufführung
Applaus nach der deutschen ErstaufführungFoto: Eleonora Makaryan

Wir danken Narine Grigoryan von Herzen, dass sie dieses Stück zu uns nach Stuttgart gebracht hat, und allen, die diesen Abend möglich gemacht haben.

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