Hoffnung, Dankbarkeit und Segen:

Verapokhum-Fest in der Armenischen Kirche in Göppingen

Am Sonntag, dem 16. August 2026, feierten die Gemeinden der Armenischen Apostolischen Kirche in Deutschland eines der großen Marienfeste des Kirchenjahres: die Verapokhum Surb Astuatsatsni bzw. die Hinübertragung der heiligen Gottesmutter Maria. Auch in Baden-Württemberg kamen zahlreiche Gläubige zum Gottesdienst zusammen. Aufgrund der laufenden Sanierungsarbeiten wurde die Surb Patarag (Heilige Liturgie) nicht im Inneren, sondern vor den Türen der Armenischen Heilig-Kreuz-Kirche in Göppingen-Bartenbach gefeiert.

Das armenische Wort Վերափոխում – Verapokhum bezeichnet dabei mehr als den Tod. In der Überlieferung der Kirche steht es für das friedvolle Entschlafen der Gottesmutter und ihre Hinübertragung zu Gott. Nach kirchlicher Tradition versammelten sich die Apostel auf wunderbare Weise an ihrem Sterbebett und nach dem Feier der Eucharistie ist sie friedlich eingeschlafen.  Ihr Leib wurde bestattet in Getsemane. Als der Apostel Bartholomäus drei Tage später nach Jerusalem kam und das Grab für ihn geöffnet wurde, fand man es leer. Die Kirche deutet dies als Zeichen dafür, dass Maria mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen wurde.

Pfarrer Diradur Sardaryan brachte diese große theologische Aussage in seiner Predigt auf einen überraschend einfachen Satz:

„Ein Sohn hat seine Mutter geholt. Mehr ist es nicht. Und es ist alles.“

Die Predigt führte zurück unter das Kreuz. Maria, die ihren Sohn geboren, großgezogen und begleitet hatte, musste schließlich zusehen, wie er starb. Noch im Sterben sorgte Christus dafür, dass seine Mutter nicht allein blieb: „Siehe, das ist deine Mutter“, sagte er zu Johannes. Die armenische Liturgie bewahrt die Hoffnung, dass derselbe Sohn, der seine Mutter am Kreuz nicht vergaß, sie auch am Ende ihres irdischen Lebens nicht vergessen hat.

„Er kam. Sie musste nicht klopfen. Er kam, weil er es versprochen hatte“, hieß es in der Predigt.

Damit erhielt das Fest zugleich eine sehr persönliche Dimension. Denn Verapokhum spricht nicht nur von Maria. Sie spricht von der christlichen Hoffnung für jeden Menschen und besonders für jene, um die wir trauern: Der Tod hat nicht das letzte Wort.

Ein zweiter Gedanke der Predigt galt dem verborgenen Leben der Gottesmutter. Die Evangelien erzählen erstaunlich wenig über ihre alltäglichen Jahre. Und doch geschah gerade in diesem unscheinbaren Leben Entscheidendes. „In diesem unbeachteten Haus ist die Rettung der Welt geschehen“, sagte der Pfarrer. Das Fest erinnere deshalb auch daran, dass vor Gott nichts verloren ist, nur weil es von Menschen nicht gesehen wird: die Pflege eines Angehörigen, ein stilles Gebet, ein Dienst ohne Anerkennung, eine Treue, über die niemand spricht.

Eine Traube und mit ihr die ganze Ernte wird gesegnet

Nach der Heiligen Liturgie folgte die traditionelle Traubensegnung (arm. Խաղողօրհնէք, Khaghoghorhnek). Körbe mit hellen und dunklen Trauben standen vor dem Altar und wurden nach dem alten Ritus der Armenischen Kirche gesegnet.

Auch hier erschließt sich hinter einem schönen Brauch eine ganze Theologie. Die ersten Früchte werden Gott dargebracht, stellvertretend für die gesamte Ernte. In seiner Predigt verband Pfarrer Diradur dieses Bild unmittelbar mit der Gottesmutter:

„Eine Traube wird hinaufgetragen, damit die ganze Ernte gesegnet ist.“

Maria wird so zum Bild jener ersten Frucht, an der sichtbar wird, wozu der Mensch berufen ist. Ein Mensch aus unserer eigenen menschlichen Natur ist nach der Überlieferung der Kirche bereits dort angekommen, wohin die christliche Hoffnung weist.

Zugleich erinnert die Traube an die Eucharistie. Aus ihr wird Wein, und der Wein wird in der Heiligen Liturgie zum Zeichen des Blutes Christi. Das alte Gebet des heiligen Nerses Shnorhali zur Traubensegnung spannt deshalb einen weiten Bogen: von der Schöpfung über den Sündenfall bis zur Menschwerdung Christi, zum Kreuz, zur Eucharistie und schließlich zum kommenden Reich Gottes.

Dankbarkeit bekommt Hände

Besonders eindringlich wurde die Predigt dort, wo das Fest mit dem eigenen Leben verbunden wurde. Maria sei nicht deshalb dankbar gewesen, weil ihr ein leichtes Leben geschenkt worden wäre. Ihr Weg führte durch Armut, Flucht, Unsicherheit und schließlich unter das Kreuz. Dennoch steht am Beginn ihres großen Lobgesangs nicht die Klage, sondern das Magnificat.

Daraus leitete Pfarrer Diradur eine Frage ab, die weit über diesen Festtag hinausreicht:

„Nicht: Was bekomme ich? Sondern: Was gebe ich?“

Dankbarkeit sei mehr als ein Gefühl. Sie nehme Gestalt an: in Zeit, Aufmerksamkeit, einem Anruf bei einem einsamen Menschen, in der Mitarbeit in der Gemeinde, im Gesang, in der Weitergabe des Glaubens an Kinder und auch in der Bereitschaft, die Kirche mitzutragen.

Gerade vor der Heilig-Kreuz-Kirche bekam dieser Gedanke eine besondere Anschaulichkeit. Nach dem Gottesdienst hatten die Gemeindemitglieder Gelegenheit, die bisher ausgeführten Sanierungsarbeiten an der Kirche zu besichtigen und sich ein Bild vom Fortschritt der Arbeiten zu machen. Das Gotteshaus selbst wurde damit beinahe zu einer stillen Fortsetzung der Predigt: Auch eine Kirche bleibt nur lebendig, wenn Menschen nicht lediglich fragen, was sie ihnen gibt, sondern was sie selbst zu ihrem Fortbestehen beitragen können.

Das Fest der Gottesmutter wurde am Sonntag auch in weiteren armenischen Gemeinden Deutschlands mit Heiligen Liturgien und Traubensegnungen begangen. Die Heilige Liturgie in Nürnberg wurde vom Primas der Armenischen Diözese in Deutschland, Seiner Eminenz Bischof Serovpé Isakhanian, in Anwesenheit des Gemeindepfarrers, Ter Aygik Hovhannesian, zelebriert.

In Baden-Württemberg endete der Festtag mit einem kleinen Zeichen, das fast alles zusammenfasste: Jeder erhielt eine gesegnete Traube.

„Sie ist aus Erde gewachsen, aus Regen und Licht und der Arbeit von Menschen“, hieß es am Ende der Predigt. „Sie ist klein, sie ist nichts Besonderes, und Gott hat sie nicht vergessen.“

Vielleicht liegt darin das Geheimnis dieses Festes. Gott vergisst die kleine Frucht nicht. Er vergisst das verborgene Leben nicht. Er vergisst die Verstorbenen nicht. Und er vergisst auch uns nicht.

Wer dazu beitragen möchte, dass die Heilig-Kreuz-Kirche in Göppingen-Bartenbach nach ihrer Sanierung wieder vollständig zu einem Ort des Gebetes, der Begegnung und der Weitergabe unseres Glaubens werden kann, ist herzlich eingeladen, die weiteren Arbeiten mit einer Spende zu unterstützen.