Die Armenische Kirche feiert das Fest der Verklärung Christi
Es gibt Momente, in denen eine Gemeinde sichtbar wird als das, was sie im tiefsten ist: eine Familie, die sich um ihren Herrn versammelt. Ein solcher Moment war der Sonntag, der 12. Juli, als vor der Heilig-Kreuz-Kirche in Göppingen-Bartenbach der feierliche Gottesdienst zum Fest Vardavar gefeiert wurde. Unter freiem Himmel, im Licht des Sommermorgens, versammelten sich die Gläubigen der Armenischen Gemeinde Baden-Württemberg zur Feier eines der fünf Hochfeste der Armenischen Apostolischen Kirche: der Verklärung unseres Herrn Jesus Christus.
Nach dem Gottesdienst geschah, worauf besonders die Kinder das ganze Jahr warten: Der Gemeindepfarrer besprengte die Anwesenden mit Rosenwasser. Was von außen wie ein heiterer Brauch aussieht, ist ein Segenszeichen von großer Tiefe. Das Rosenwasser erinnert an die heilige Taufe. Nach der Überlieferung der Kirche wird durch dieses Zeichen die Feindseligkeit des unreinen Geistes gebannt, der Schmutz der Sünde abgewaschen und der hilfreiche Beistand des Heiligen Geistes auf die Gläubigen herabgerufen. Wer an diesem Tag ein paar Tropfen abbekommt, geht nicht nass nach Hause, sondern gesegnet.
Das Fest der Rose
Vardavar, das Fest der Rose: Diesen Namen trägt die Verklärung Christi nur in der armenischen Tradition, und die alten Lehrer unserer Kirche haben ihn theologisch gedeutet. Solange die Rose Knospe ist, verbirgt sie ihre Schönheit und ihren Duft. Wenn ihre Zeit erfüllt ist, öffnet sie sich und erfreut alle, die sie sehen. So trug der Herr während seines irdischen Lebens den Glanz seiner Gottheit verborgen in sich, verhüllt vom Schleier des Fleisches. Die Jünger sahen ihn essen und trinken, müde werden und schlafen, und wussten nicht, wer in ihrer Mitte ging. Auf dem Berg Tabor öffnete sich die Knospe. „Sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, seine Kleider aber wurden weiß wie das Licht“ (Mt 17,2). Nicht Christus veränderte sich in jener Stunde, sagen die Väter, sondern den Jüngern wurden die Augen geöffnet für das, was immer schon wahr war.
Die Tradition geht noch weiter: Die Rose hat drei Eigenschaften, das Rot, das Weiß und den Duft. Das Rot deutet auf das Blut, das am Kreuz vergossen wurde, das Weiß auf die Unschuld des Herrn, der Duft auf den Heiligen Geist. So trägt schon der Name des Festes das ganze Geheimnis Christi in sich.
In der Predigt in Göppingen stand ein Gedanke im Mittelpunkt, der das alte Fest mitten in unsere Gegenwart stellt: Der Tabor ist ein Ort, um zu sich zu kommen. In einer Zeit, in der die Menschen ständig erreichbar sind, nur für sich selbst nicht, wird die Stille vor Gott lebensnotwendig. Doch das Zu-sich-Kommen geschieht nicht durch den Blick in den Spiegel, sondern durch den Blick auf Christus: „In deinem Licht sehen wir das Licht“ (Ps 36,10). Und wer wirklich zu sich gekommen ist, bleibt nicht bei sich. Petrus wollte auf dem Berg Hütten bauen und die Gnade festhalten, aber der Weg des Herrn führte hinab, zu den Menschen, die am Fuß des Berges warteten. So ist Vardavar beides zugleich: Einkehr und Aufbruch, Schau und Sendung. Die Rose öffnet sich nicht für sich selbst. Ihr Duft ist für die anderen da.

Wasser, Tauben und die Erinnerung an Noah
Bis zum heutigen Tag ist es bei unseren Landsleuten Brauch, am Vardavar Volksfeste und Wettkämpfe zu veranstalten, einander mit Wasser zu bespritzen, Tauben auffliegen zu lassen und einander Rosensträuße zu schenken. In Armenien ist an diesem Tag niemand vor einem Eimer Wasser sicher, und niemand darf böse sein, denn das Wasser gilt als Segen.
Die traditionelle armenische Erzählung verbindet diese Bräuche mit der Sintflut und mit Noah, dessen Arche nach dem Zeugnis der Schrift auf den Bergen von Ararat zur Ruhe kam. Es wird erzählt, dass Noah, als er nach der Sintflut vom Berg herabstieg, seinen Söhnen auftrug, sich gegenseitig mit Wasser zu besprengen und diesen Brauch von Generation zu Generation weiterzugeben, zur Erinnerung an die Flut und an die Rettung. Auch die Tauben gehören zu Noah: Die Bibel berichtet, dass er eine Taube fliegen ließ, um das Ende der Sintflut festzustellen, und die Taube kehrte mit einem frischen Ölzweig zurück. Wenn am Vardavar Tauben in den Himmel steigen, erinnern die Armenier an diese Botin der Hoffnung. So verweben sich in diesem Fest die ältesten Erinnerungen der Menschheit mit dem Licht des Evangeliums: das Wasser der Flut wird zum Wasser der Taufe, die Taube Noahs zum Bild des Heiligen Geistes, und der Berg, an dem alles begann, gehört bis heute zum Herzen unseres Volkes.
Ein Fest der ganzen Diözese
Göppingen war an diesem Sonntag kein Einzelfall. In der ganzen Diözese der Armenischen Kirche in Deutschland feierten die Geistlichen mit ihren Gemeindemitgliedern das Hochfest der Verklärung, von der Ostsee bis zum Bodensee, in großen Stadtgemeinden wie in kleinen Gemeinschaften, die sich nur wenige Male im Jahr zur heiligen Liturgie versammeln können. Überall dasselbe Bild: die Surb Patarag, die Predigt über das Taborlicht, das Rosenwasser, die Freude der Kinder, das anschließende Beisammensein. Es sind solche Tage, an denen spürbar wird, dass die armenischen Gemeinden in Deutschland bei aller Verschiedenheit eine einzige Kirche sind, verbunden durch denselben Glauben, dieselbe Liturgie und dasselbe Fest, das schon unsere Großeltern gefeiert haben, in der Heimat wie in der Zerstreuung.
Wer an diesem Sonntag ein paar Tropfen Rosenwasser abbekommen hat, trägt den Segen des Festes in den Alltag. Und vielleicht auch die leise Frage, die der Tabor jedem stellt: wo in meinem Leben die Knospe sich öffnen will.
Der Festtag in Köln verband Kirche und Schule: Im Rahmen der Jahresabschlussfeier der Gemeindeschule überreichten die Lehrkräfte den Schülerinnen und Schülern ihre Zeugnisse. Beim anschließenden Empfang des Gemeindevorstands kam auch das traditionelle Wasserspiel nicht zu kurz, und eine Ausstellung mit Bildern der Schulkinder rundete den Tag ab.
Bischofsliturgie und Weihe in Köln
Ein besonders festliches Gepräge hatte das Fest in Köln. In der Diözesankirche Surb Sahak und Surb Mesrop zelebrierte der Primas der Diözese der Armenischen Kirche in Deutschland, Seine Exzellenz Bischof Serovpé Isakhanyan, am Sonntag, dem 12. Juli, die bischöfliche Göttliche Liturgie.
Am Ende der Surb Patarag nahm der Bischof eine Weihe vor, die für das gottesdienstliche Leben der Gemeinde von bleibender Bedeutung ist: Vier treue Diener der Kirche, Serjoscha Gevorgyan, Artavazd Asoyan, Gevorg Adamyan und Levon Gyuler, wurden in den Stand der Dpirs erhoben, den altkirchlichen Weihegrad der Sänger und Vorleser. Fünf weitere Dpirs, Noy Amiryan, Ara Amiryan, Levon Demirkiran, Narek Aghjoyan und André Korikyan, erhielten das Recht, den Urar zu tragen, die Stola des liturgischen Dienstes.
In seiner Predigt legte der Bischof das Evangelium des Tages aus, sprach über den christlichen Sinn des Verklärungsfestes und über die Volksbräuche des Vardavar. An die neu Geweihten richtete er ein persönliches Wort und ermutigte sie, der armenischen Kirche mit ungeteilter Hingabe zu dienen. Der Tradition entsprechend besprengte er anschließend die Gläubigen mit Rosenwasser.





