
Podiumsdiskussion über hybride Identitäten
„Das ist auch deine Heimat“
Manche Sätze bleiben, wenn eine Diskussion längst vorbei ist. Von der Podiumsdiskussion der Armenischen Kulturtage im StadtPalais Stuttgart ist es dieser Satz von Mohamed Zakzak, dem Diversitätsbeauftragten der Stadt Pforzheim:
„Das ist auch deine Heimat. Lass sie dir nicht wegnehmen.“
Mohamed Zakzak, Diversitätsbeauftragter der Stadt Pforzheim
Gemeinsam mit der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg hatten die Kulturtage am Mittwochabend zu einem Gespräch unter dem Motto des Festivals eingeladen: „Siehe, ich mache alles neu“. Es ging um hybride Identitäten, also um Menschen, die zwischen mehreren Lebenswelten zu Hause sind, und um eine Frage, die einfacher klingt, als sie ist: Wer entscheidet eigentlich, was Heimat bedeutet?
Wer gehört dazu, und wer bestimmt das?
Hybride Identitäten sind längst kein Randthema mehr. Sie berühren die Grundfragen unseres Zusammenlebens: Wie entsteht Zugehörigkeit? Und warum gelten manche Identitäten als selbstverständlich, während andere sich immer wieder erklären müssen?
Anna Koktsidou gab diesen Fragen Raum, ohne sie vorschnell zu beantworten. Sie ließ die Erfahrungen auf dem Podium nebeneinanderstehen, statt sie zu einer gemeinsamen Erzählung zu glätten, und gerade das machte den Abend so offen und vielstimmig. Dabei wurde schnell deutlich: Identität muss kein Entweder-oder sein. Man kann sich mehreren Kulturen verbunden fühlen, unterschiedliche Prägungen in sich tragen und die eigene Zugehörigkeit im Laufe des Lebens immer wieder neu bestimmen.
Stimmen vom Podium
Auf dem Podium saßen Menschen, die selbst unterschiedliche kulturelle Prägungen und Migrationserfahrungen mitbringen. Ihre Geschichten machten anschaulich, dass Identität nichts Fertiges ist. Sie wächst mit dem Leben, geformt von Familiengeschichten, eigenen Erlebnissen, den Erwartungen anderer und eigenen Entscheidungen. Manches davon fügt sich zusammen, manches reibt sich aneinander. Beides gehört dazu, und beides durfte an diesem Abend ausgesprochen werden, mit seinen Chancen ebenso wie mit seinen Herausforderungen.





„Alle Kategorien über den Haufen werfen“
Dieser Gedanke zog sich als Impuls durch das Gespräch, und er gab dem Motto der Kulturtage eine eigene Färbung. „Siehe, ich mache alles neu“ wurde zur Einladung, vertraute Vorstellungen von Herkunft und Heimat zu befragen. Nicht jeder Widerspruch muss aufgelöst werden. Manchmal entsteht ein neues Verständnis gerade dort, wo verschiedene Erfahrungen nebeneinander bestehen dürfen.
In einem Punkt waren sich die Diskutierenden einig: Ausgrenzung beginnt dort, wo Menschen nicht mitgestalten dürfen. Zugehörigkeit zeigt sich darin, die eigene Umgebung prägen zu können, und wer mitgestaltet, übernimmt Verantwortung. „Meinen Teil meiner Verantwortung“ zu tragen, so hieß es auf dem Podium, gehört zu dem, was Zugehörigkeit ausmacht. Darin liegt auch die Voraussetzung für jedes ernsthafte Gespräch: einander zuhören, andere Perspektiven ernst nehmen und gemeinsam Verantwortung tragen.

Heimat ist mehr als eine Kategorie
Hybride Identitäten entstehen im Spannungsfeld zwischen dem, wie Menschen sich selbst verstehen, und dem, wie andere sie einordnen. Umso wichtiger ist es, Menschen selbst sprechen zu lassen, statt über sie zu reden. Genau das tat dieser Abend. Er zeigte, dass hybride Identitäten keine Ausnahme sind, sondern gelebte Wirklichkeit einer vielfältigen Gesellschaft. Und er zeigte, dass Vielfalt nicht verlangt, Unterschiede aufzulösen. Sie verlangt, sie anzuerkennen, miteinander zu sprechen und Zugehörigkeit nicht als Privileg zu behandeln, das die einen den anderen gewähren oder verweigern.
Das Wort aus der Offenbarung des Johannes, das den Kulturtagen in diesem Jahr ihr Motto gab, spricht von einem Neuwerden, das nicht auslöscht, sondern verwandelt. Vielleicht beginnt genau hier das Neue: wo Menschen gewohnte Kategorien hinterfragen, Verantwortung übernehmen und Heimat als etwas begreifen, das sie gemeinsam gestalten.
Danke
Wir danken Anna Koktsidou für die einfühlsame Moderation, Alina Papagiannaki-Sönmez, Karnik Gregorian und Mohamed Zakzak für ihre Offenheit, der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg für die Zusammenarbeit und dem StadtPalais Stuttgart für die Gastfreundschaft. Und allen Gästen, die an diesem Abend zugehört, mitgedacht und mitdiskutiert haben.

