Titelbild zur Homilie „Keine Angst vor der Dunkelheit“

Homilie zum Sonntag, 1. November 2026, dem zweiten Sonntag nach dem Fest des Heiligen Kreuzes

Keine Angst vor der Dunkelheit

Christus macht uns zu Heiligen

Lesungen: Jesaja 22,15–24; Epheser 1,1–14; Lukas 8,17–21

Liebe Schwestern und Brüder, ihr Lieben,

wer gestern Abend durch unsere Straßen gegangen ist, hat sie gesehen: ausgehöhlte Kürbisse mit Kerzen darin, Kinder als Hexen, Vampire und Skelette verkleidet, an den Haustüren Schalen voller Süßigkeiten. Halloween. In vielen Schulen war es schon die ganze Woche Thema.

Vielleicht hat auch das eine oder andere Kind von uns mitgemacht. Ich sage das ohne Vorwurf. Ein Kind, das sich als Gespenst verkleidet und mit seinen Freunden um die Häuser zieht, hat sich nicht vom Glauben abgewandt. Ein Kürbis mit einem Lächeln vor der Tür ist keine Sünde.

Aber eine Frage bleibt, und ich möchte sie heute mit euch bedenken: Warum beschäftigen uns Dunkelheit, Tod und Geister eigentlich so sehr?

Die Antwort ist einfacher, als man denkt. Angst gehört zum Leben. Die Angst vor Krankheit, vor dem Verlust eines geliebten Menschen, vor dem eigenen Tod können wir nicht einfach abschalten. Im Gruselfilm oder in der Geisterbahn aber erleben wir Angst in einem sicheren Rahmen. Wir wissen: Gleich geht das Licht wieder an. Gleich ist es vorbei. Für einen Moment haben wir das Gefühl, die Angst im Griff zu haben.

Das ist zutiefst menschlich. Und doch hat es eine Kehrseite. Wer immer wieder Horror, Gewalt und Blut sieht, gewöhnt sich daran. Wer mit Geisterbeschwörung, Hexenbrettern und okkulten Spielen hantiert, öffnet Türen, die man besser geschlossen hält. Und wo der Tod nur noch als Kostüm vorkommt, verlernen wir, ihm mit Ernst und mit Hoffnung zu begegnen.

Darum lautet die eigentliche Frage nicht nur: Darf man Halloween feiern? Die Frage lautet: Wem geben wir unser Herz? Wem geben wir unsere Angst? Wem schenken wir unsere Aufmerksamkeit?

Halloween fragt: Wie viel Angst kannst du ertragen, wenn du weißt, dass es nur ein Spiel ist?

Das Evangelium fragt: Wem vertraust du, wenn die Angst wirklich real wird?

Der Prophet Jesaja erzählt uns heute von einem Mann, der diese Frage falsch beantwortet hat. Er heißt Schebna. Er ist Verwalter am Königshof in Jerusalem, einer der mächtigsten Männer im Land. Und was tut er? Er lässt sich hoch oben im Felsen ein prächtiges Grab aushauen. Ein Denkmal für sich selbst. Schebna will gesichert sein, im Leben und im Tod. Durch Macht, durch Ansehen, durch Stein.

Gott antwortet ihm hart. Er wird ihn wegschleudern wie einen Ball in ein weites Land. Sein Amt bekommt ein anderer: Eliakim. Ihm legt Gott den Schlüssel des Hauses David auf die Schulter. „Wenn er öffnet, kann niemand schließen; wenn er schließt, kann niemand öffnen.“

Ihr Lieben, Schebna ist uns näher, als wir denken. Auch wir bauen uns Sicherheiten, wenn wir Angst haben. Geld, Ansehen, Kontrolle. Manche suchen Halt im Horoskop, beim Kartenlegen, in Glücksbringern. Und manche betäuben ihre Angst, indem sie sich immer neuen Schrecken aussetzen. Aber nichts davon trägt, wenn es wirklich dunkel wird. Kein Grab aus Fels hat je einen Menschen vor dem Tod bewahrt.

Doch diese Lesung endet nicht mit einer Drohung. Sie endet mit einem Schlüssel. Die Kirche hat in diesem Schlüssel immer schon Christus erkannt. In der Offenbarung des Johannes sagt er von sich, dass er den Schlüssel Davids hat. Und an anderer Stelle: „Ich war tot, und siehe, ich lebe in alle Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Unterwelt.“ Wer die Schlüssel hat, muss sich vor verschlossenen Türen nicht fürchten. Christus hat die Tür des Grabes von innen geöffnet. Niemand kann sie wieder schließen.

Darum frage ich dich: Worauf baust du, wenn du Angst hast? Auf das Felsengrab des Schebna oder auf den Schlüssel in der Hand Christi?

Im Evangelium sagt Jesus einen kurzen Satz, den man leicht überhört: „Achtet darauf, wie ihr zuhört!“

Unmittelbar davor hat er vom Licht gesprochen, das man nicht unter ein Gefäß stellt, sondern auf den Leuchter. Nichts bleibt verborgen.

Achtet darauf, wie ihr hört. Das heißt auch: Achtet darauf, was ihr hört, was ihr seht, was ihr in euer Herz hineinlasst. Wir werden zu dem, womit wir uns Tag für Tag beschäftigen. Was ein Kind jeden Abend auf dem Bildschirm sieht, das sieht es nachts in seinen Träumen wieder. Was wir Erwachsenen immer wieder hören, an Klatsch, an Zynismus, an Untergangsstimmung, das formt unsere Seele. Nicht alles, was uns fasziniert, tut uns gut.

Dann kommen seine Mutter und seine Brüder. Wegen der vielen Menschen können sie nicht zu ihm durch. Man sagt es Jesus, und er antwortet: „Meine Mutter und meine Brüder sind die, die das Wort Gottes hören und tun.“

Jesus stößt seine Mutter damit nicht weg. Die heilige Gottesmutter ist ja gerade die Erste, die das Wort gehört und getan hat. „Mir geschehe nach deinem Wort“, hat sie gesagt. Aber Jesus öffnet den Kreis. Zu seiner Familie gehört jeder, der hört und tut. Du auch. Und das Kind, das heute hier vorne sitzt, auch.

Damit sind wir beim Brief an die Epheser. Achtet einmal auf den allerersten Vers. Paulus schreibt „an die Heiligen in Ephesus“. An wen schreibt er da? An Märtyrer? Nein. An ganz gewöhnliche Christen. An Handwerker, Mütter, Sklaven, Kaufleute. An Menschen mit Fehlern und mit Sorgen. Und Paulus nennt sie Heilige.

Warum? Nicht, weil sie vollkommen wären. Sondern weil Gott an ihnen gehandelt hat. Hört, was Paulus aufzählt: Gott hat uns in Christus erwählt, noch bevor die Welt geschaffen wurde, damit wir heilig seien vor ihm in der Liebe. Er hat uns zu seinen Kindern bestimmt. In Christus haben wir die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Sünden. Und wir sind versiegelt mit dem Heiligen Geist.

Versiegelt. Liebe Gemeinde, jeder Getaufte unter uns trägt dieses Siegel. Bei unserer Taufe wurden wir mit dem heiligen Myron gesalbt, an Stirn und Augen, an Ohren und Mund, am Herzen, an Händen und Füßen. Im Armenischen hört man es sogar am Wort: Die Taufe heißt Knunk, das Siegel heißt Knik. Wer getauft ist, ist gezeichnet. Er gehört Gott.

Heiligkeit ist also keine Rolle, die man sich überzieht wie ein Kostüm. Heiligkeit ist zuerst Gottes Geschenk. Und dann wird sie zu unserem Weg: ein Weg der Liebe, der Vergebung, der Treue im Kleinen. Wer so lebt, ist kein Sklave der Angst. Er ist ein Kind Gottes.

Übrigens steckt in Halloween selbst ein Hinweis darauf. Das Wort kommt vom englischen „All Hallows’ Eve“, Vorabend von Allerheiligen. Viele unserer katholischen Nachbarn hier in Baden-Württemberg feiern heute ihr Allerheiligenfest und gehen auf die Friedhöfe. Unsere armenische Kirche feiert ihr eigenes Fest am kommenden Dienstag, dem 3. November: das Fest aller Heiligen, der alten und der neuen, der bekannten und der unbekannten.

Wer sind diese Heiligen? Keine Schreckgestalten. Keine Geister, die aus Gräbern steigen. Die Heiligen sind Menschen, die das Wort Gottes gehört und getan haben. Menschen voller Christusliebe, voller Geduld, voller Glauben. Der heilige Grigor Lusavoritsch, Gregor der Erleuchter, der viele Jahre in der Grube von Chor Virap ausgeharrt hat und dann das Licht Christi zu unserem Volk gebracht hat. Der heilige Mesrop Maschtoz, der uns die Schrift geschenkt hat, damit wir Gottes Wort in unserer eigenen Sprache hören können. Unsere heiligen Märtyrer von 1915, die unsere Kirche im Jahr 2015 heiliggesprochen hat. Und die vielen, deren Namen niemand kennt: Mütter und Großmütter, die in schwerster Zeit den Glauben weitergegeben haben.

Wir beten die Heiligen nicht an. Anbetung gebührt allein Gott, dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist. Christus allein ist unser Erlöser. Aber wir stehen nicht allein vor ihm. Wir beten mit den Heiligen, und wir bitten sie um ihre Fürsprache, so wie wir auch einander bitten: Bete für mich. In jedem Badarak gedenken wir der Gottesmutter und aller Heiligen. Sie zeigen uns: Es gibt eine Gemeinschaft, die stärker ist als der Tod. Und in dieser Gemeinschaft sind auch unsere Verstorbenen geborgen.

Ich möchte euch für diese Woche drei Dinge mitgeben.

Erstens: Prüft ehrlich, was eure Angst nährt und was euren Glauben stärkt. Ihr müsst nicht alles verbannen. Aber fragt euch: Gehe ich danach friedlicher schlafen oder unruhiger?

Zweitens, ihr Eltern und Großeltern: Sprecht mit euren Kindern über Tod, Angst und Schutz. Altersgerecht, ehrlich, ohne Panik. Kinder haben diese Fragen, ob wir sie ansprechen oder nicht. Verbote allein helfen wenig. Gebt ihnen etwas Besseres: ein Abendgebet, eine Kerze, das Kreuzzeichen vor dem Einschlafen, die Gewissheit: Gott hat dich lieb, auch im Dunkeln. Ein Kind, das beten kann, weiß, wohin es mit seiner Angst gehen kann.

Drittens: Feiert bewusst das Gedächtnis der Heiligen und eurer Verstorbenen. Zündet zu Hause eine Kerze an. Nennt ihre Namen im Gebet, gerne auch für das Hokehangist hier in der Kirche. Besucht ein Grab. Esst zusammen und erinnert euch mit Dank. So lernen Kinder: Der Tod ist ernst. Aber er hat nicht das letzte Wort.

Liebe Schwestern und Brüder,

Halloween zeigt uns Skelette und Geister.

Christus zeigt uns das Kreuz, das leere Grab und das Licht der Auferstehung.

Gleich, wenn wir die heilige Eucharistie feiern, wird der Priester die heiligen Gaben erheben und rufen: „Das Heilige den Heiligen!“ Und wir antworten: „Einer ist heilig, einer ist der Herr, Jesus Christus, zur Ehre Gottes des Vaters. Amen.“

Achtet darauf, wie ihr hört. Heilig ist allein Christus. Aber er behält seine Heiligkeit nicht für sich. Er gibt sich uns. In seinem Leib und seinem Blut kommt er zu uns, zu dir, mit deiner Angst, mit deiner Schuld, mit deiner Trauer. Er nimmt deine Angst ernst. Aber er lässt dich nicht in ihr allein. Er heilt, er stärkt, und er verbindet uns mit allen Heiligen: mit der Gottesmutter, mit Grigor dem Erleuchter, mit unseren Märtyrern und mit unseren geliebten Verstorbenen. Am Altar sind Himmel und Erde eine Kirche.

Darum: Keine Angst vor der Dunkelheit. Christus ist das Licht der Welt. Und er macht uns zu Heiligen.

Lasst uns beten.

Herr Jesus Christus, du Licht der Welt,
du hast die Schlüssel des Todes und der Unterwelt.
Du kennst unsere Ängste, die ausgesprochenen und die verborgenen.
Öffne unsere Ohren, damit wir dein Wort hören,
und unsere Hände, damit wir es tun.
Behüte unsere Kinder in der Nacht und am Tag.
Schenke unseren Verstorbenen dein ewiges Licht.
Lass uns mit der heiligen Gottesmutter und mit allen deinen Heiligen
wachsen in Glaube, Liebe und Treue,
bis wir dich schauen von Angesicht zu Angesicht.
Dir sei Ehre, Herrschaft und Lobpreis,
mit dem Vater und dem Heiligen Geist,
jetzt und immerdar und in alle Ewigkeit. Amen.

Pfarrer Dr. Diradur Sardaryan
Armenische Gemeinde Baden-Württemberg