Gesprächsspaziergang
Armenische Spuren in Stuttgart
Es regnete an diesem Samstagvormittag, und doch hatten sich am Haupteingang des Hauptfriedhofs rund zwanzig Interessierte eingefunden. Gemeinsam gingen sie einer Geschichte nach, die früher beginnt, als viele vermuten: nicht bei den sogenannten Gastarbeitern der 1970er Jahre, sondern bei den Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern der NS-Zeit.
Gefangen, verschleppt, gestrandet
Inge Nowak vom Arbeitskreis Zwangsarbeit in Stuttgart erzählte die Geschichte armenischer Kriegsgefangener in der Stadt. Viele von ihnen waren als Soldaten der Roten Armee in deutsche Gefangenschaft geraten. In den Lagern herrschten Hunger, Krankheit und Willkür. Wer überlebte, musste Zwangsarbeit leisten. Aus den Gefangenenlagern stellte die Wehrmacht auch sogenannte Ostlegionen auf, darunter eine armenische Legion; für viele war der Eintritt der einzige Weg, dem Hungertod zu entkommen.
Nach Kriegsende konnten oder wollten viele nicht in die Sowjetunion zurückkehren, wo ehemaligen Gefangenen Misstrauen und oft Strafe drohten. So wurden sie zu Displaced Persons. In der Funkerkaserne in Bad Cannstatt entstand zwischen 1946 und 1950 ein bemerkenswertes Gemeinwesen: Bis zu 3.000 überwiegend armenische Bewohnerinnen und Bewohner lebten dort in Selbstverwaltung, setzten die beschädigten Gebäude instand, richteten ein Krankenhaus ein, bauten ein Theater mit 400 Plätzen und gründeten eine Pfadfindergruppe. Auf dem Hauptfriedhof erinnern Gräber bis heute an Menschen, deren Lebenswege durch Krieg, Gefangenschaft und Heimatverlust nach Stuttgart führten.
Dass diese Geschichte wieder sichtbar wird, ist auch der Arbeit des Arbeitskreises zu verdanken, der seit 2022 die Orte der NS-Zwangsarbeit in Stuttgart dokumentiert, inzwischen mehr als 150.
Ein Kreuzstein und eine offene Frage
Am armenischen Kreuzstein übernahm Pfarrer Dr. Diradur Sardaryan. Er erzählte, wie dieser Chatschkar, der erste Kreuzstein in Baden-Württemberg zum Gedenken an den Völkermord an den Armeniern, seinen Platz auf dem Hauptfriedhof fand. Kreuzsteine gehören seit Jahrhunderten zur armenischen Erinnerungskultur; die Kunst ihrer Herstellung zählt seit 2010 zum Immateriellen Kulturerbe der UNESCO.
Zur Sprache kam auch eine Frage, die bislang unbeantwortet ist: Wer pflegt künftig die Gedenksteine der armenischen Kriegsgefangenen? Eine Antwort gab es an diesem Vormittag nicht. Aber die Frage ist gestellt, und sie verdient eine.
Von Bartenbach bis heute
Von dort spannte Pfarrer Sardaryan den Bogen zur Geschichte der Armenischen Gemeinde Baden-Württemberg. 1983 gelang es dem Christlich Armenischen Verein, die alte Dorfkirche in Göppingen-Bartenbach anzumieten und als Surp Chatsch, Heilig-Kreuz-Kirche, einzurichten, die erste armenische Kirche in Deutschland. 1996 schlossen sich die kirchlichen Strukturen in Stuttgart und Göppingen zur heutigen Gemeinde zusammen; 2018 ging die Kirche in ihr Eigentum über.
Offen sprach er über die neue Geschichte der Gemeinde, mit ihren Herausforderungen und Chancen. Menschen aus der Türkei, dem Iran, Armenien und anderen Nachfolgestaaten der Sowjetunion haben hier zueinandergefunden, mit sehr unterschiedlichen Lebenswegen. Längst sind Generationen herangewachsen, die in Baden-Württemberg geboren sind und Sprache, Glauben und Kultur ihrer Familien weitertragen wollen. Daraus erwachsen Aufgaben, von der Bildungs- und Jugendarbeit bis zum Erhalt der Kirche in Bartenbach, und zugleich die Chance, Gemeinde neu zu denken.
Neues beginnt nicht geschichtslos.
Zum Leitmotiv der Kulturtage „Siehe, ich mache alles neu“ (Offb 21,5)
Ein aufmerksames, interessiertes Publikum folgte den beiden über die regennassen Friedhofswege. Am Ende stand die Erfahrung, dass Stadtgeschichte und Migrationsgeschichte untrennbar zusammengehören: ein Stück gemeinsamer deutsch-armenischer Geschichte, mitten in Stuttgart.
Impressionen
Danke
Wir danken Inge Nowak und dem Arbeitskreis Zwangsarbeit in Stuttgart für die Kooperation und ihren kenntnisreichen Beitrag sowie allen, die sich vom Regen nicht haben abhalten lassen.







