
Lesung und Autorengespräch
„Rausch“
Wie wird aus dem Sohn von Geflüchteten ein Theatermacher? Und wie viel vom eigenen Leben steckt in einem Roman? Um diese Fragen kreiste der Abend mit Nuran David Calis im Hospitalhof Stuttgart. Nach der Lesung aus seinem neuen Roman „Rausch“ entwickelte sich mit Anna Koktsidou ein Gespräch, das vom Buch zum Leben des Autors führte und wieder zurück.
Ein Roman über Zugehörigkeit
„Rausch“ erzählt von Ufuk, der als Kind armenisch-türkischer Asylbewerber im Bielefeld der Neunzigerjahre aufwächst, in einer Zeit, in der rassistische Gewalt und Ausgrenzung den Alltag prägen. Jahre später ist Ufuk Regisseur und versucht, in einer „Odysseus“-Inszenierung die Erfahrungen seiner Kindheit auf die Bühne zu bringen. Doch die Vergangenheit lässt sich nicht so einfach bannen. Calis erzählt nicht linear, sondern in Erinnerungssplittern, die sich überlagern, widersprechen und gegenseitig befragen.
Wer entscheidet eigentlich, wo ein Mensch hingehört?
Die Leitfrage des Abends
Vom eigenen Leben zur Bühne

Nuran David Calis
Autor, Regisseur und Dramatiker, Schauspieldirektor am Salzburger LandestheaterWie Nuran David Calis zu seinem Beruf gefunden hat, war eine der Fragen, denen Anna Koktsidou behutsam nachging. Sein Weg führte vom Aufwachsen in Bielefeld als Sohn armenisch-jüdischer Einwanderer aus der Türkei über das Regiestudium an der Otto-Falckenberg-Schule in München bis an große Bühnen in Hamburg, Berlin, Köln, Wien und schließlich an die Spitze des Schauspiels in Salzburg.
Offen sprachen beide über Vorurteile und Zuschreibungen: über die Erfahrung, sich immer wieder erklären zu müssen, und über die Frage, wer eigentlich festlegt, was einen Menschen ausmacht. Dass der Roman viel Autobiografisches enthält, verschwieg Calis nicht. Zugleich wurde deutlich, dass Ufuk nicht einfach mit seinem Autor gleichzusetzen ist. Gerade in diesem Zwischenraum von Erfahrung und Erfindung liegt die Kraft des Buches.
Damit berührte der Abend unmittelbar das Leitmotiv der Kulturtage, „Siehe, ich mache alles neu“: Neues entsteht nicht dadurch, dass man das Vergangene hinter sich lässt, sondern dort, wo Menschen ihren Erfahrungen eine eigene Sprache geben und beginnen, ihre Geschichte selbst zu erzählen.
Rausch
Nuran David Calis · Roman · S. Fischer Verlag 2026 · 288 Seiten
Danke
Wir danken Nuran David Calis für die Lesung und ein offenes, nachdenkliches Gespräch, Anna Koktsidou, Journalistin und langjährige Beauftragte für Vielfalt und Integration des SWR, für ihre einfühlsame Moderation, sowie dem Evangelischen Bildungszentrum Hospitalhof Stuttgart für die Kooperation und Gastfreundschaft.

