Der Weg eines Hirten

Zum Geburtstag von S. E. Bischof Serovpé Isakhanyan

Es gibt einen Augenblick, den jeder kennt, der ihn schon einmal in einer Gemeinde erlebt hat. Die Liturgie ist zu Ende, die Gläubigen drängen nach vorn, jemand will etwas fragen, jemand will nur die Hand küssen, und irgendwo am Rand steht ein Kind und traut sich nicht. Der Bischof sieht das Kind und die Frage, die dann kommt, ist keine bischöfliche Frage, sondern eine ganz einfache: Wie heißt du?

Wer verstehen will, wie Bischof Serovpé Isakhanyan seinen Dienst versteht, kann bei diesem Augenblick anfangen.

Zwischen Iran und Deutschland

Geboren wurde er am 20. August 1963 im Dorf Hazarjrib in der iranischen Provinz Peria, weit weg von Ararat, weit weg von Etschmiadzin. Seine Vorfahren hatten dort rund vierhundert Jahre gelebt, in einem muslimischen Land. Sie verloren ihren Glauben trotzdem nicht. Und ihre Sprache nicht. Und ihre Kirche nicht.

Er selbst hat daraus einen Satz, mit dem Armenischen Schriftsteller Vahan Tekeyan gemacht, der wie eine Zusammenfassung seines ganzen Lebens klingt: „Die Armenische Kirche ist der Geburtsort meiner Seele.“

1968 wanderte die Familie nach Armenien aus, zunächst in das Dorf Khanjyan, ab 1974 nach Etschmiadzin. Die Eltern zeigten dem Jungen Razmik den Weg zur Kirche, wie er es später beschrieben hat. Den Rest des Weges ging er allein. 1980 trat er in die Gevorkian Theologische Akademie ein, 1981 holte ihn die sowjetische Armee für zwei Jahre heraus, danach kehrte er zurück und schloss 1986 mit einer Arbeit über die ethischen Ansichten des Barsegh von Mashkevor ab.

Am Fest der Darstellung des Herrn 1986 wurde er zum Diakon geweiht. Am Pfingstfest 1987 empfing er die Priesterweihe und mit ihr den Namen Serovpé. 1989 verteidigte er seine kirchliche Doktorarbeit über die zehn Gebote und Christus, im November desselben Jahres erhielt er im Kloster Tatev die Vardapetenwürde.

Sechsunddreißig Jahre unterwegs

Was danach kam, liest sich wie eine Landkarte des Dienstes. Armenien, Moldau, Usbekistan. Ab 1995 Deutschland. Köln, Berlin, Hanau, Bremen, Hamburg, Halle, Braunschweig, Mainz, Gießen, Frankfurt und weitere Orte. Kein Schreibtischweg, sondern jahrzehntelange Gemeindearbeit mit allem, was dazugehört: Taufen, Beerdigungen, Streit im Vorstand, Menschen in Not, Menschen, die zum ersten Mal seit Jahren wieder eine Kirche betreten.

Von 2010 bis 2018 war er Bischofsvikar der Diözese. Nach der Emeritierung von Erzbischof Karekin Bekdjian wurde er Statthalter, und am 18. April 2018 wählte ihn die Diözesan-Delegierten-Versammlung in geheimer Wahl zum Primas. Seine Heiligkeit Katholikos Karekin II. bestätigte die Wahl einen Tag später. Am 12. Mai 2019, am Roten Sonntag, empfing er in Surb Etschmiadzin die Bischofsweihe.

Diese Vorgeschichte erklärt etwas an seinem Amtsverständnis. Er hat die Diözese nicht von oben kennengelernt, sondern von innen. Er weiß, wie sich eine Gemeinde anfühlt, in der zwölf Leute zur Liturgie kommen. Er weiß auch, wie es ist, wenn dreihundert kommen und niemand die Sprache der Predigt versteht.

Ein Herz für die Jugend

Am deutlichsten wird sein Kurs dort, wo er am schwersten zu erreichen ist: bei der Jugend.

Es gehört zu den bemerkenswerten Entwicklungen seiner Amtszeit, dass das Sommercamp für Schülerinnen und Schüler wieder lebt. Solche Formate sterben leise. Sie brauchen Menschen, Geld, Räume, Versicherungen, Eltern, die Vertrauen fassen, und jemanden, der es will, auch wenn es einfacher wäre, es nicht zu wollen. Bischof Serovpé wollte es.

Dazu kam das Glaubenscamp für Jugendliche, ein Ort, an dem junge Armenierinnen und Armenier aus ganz Deutschland eine Woche lang nicht über den Glauben unterrichtet werden, sondern ihn ausprobieren dürfen. Und dazu kam die Wiederbelebung des Messdienerseminars, das für den Bischof kein Randthema ist, sondern eine theologische Entscheidung. Wer als Jugendlicher am Altar steht und versteht, was dort geschieht, hat einen Zugang zur Kirche, den keine Broschüre ersetzt.

Er sagt es selbst so: Ziel sei eine geistliche Familie, in der sich Erwachsene und junge Menschen gleichermaßen zu Hause fühlen. Wer die Gemeinden bereist, merkt, dass dieser Satz nicht dekorativ gemeint ist. Er wird abgerechnet an Camps, an Seminaren, an Gesichtern, die im nächsten Jahr wiederkommen.

Er kommt selbst

Ein Bischof kann regieren, indem er Briefe schreibt. Bischof Serovpé regiert und delegiert, indem er in den Zug steigt.

Seine Gemeindebesuche sind für viele kleinere Gemeinden das Ereignis des Jahres, und sie folgen einem Muster, das man erst nach einer Weile erkennt: Liturgie, Gespräche, Zuhören, und danach fast immer noch ein Termin, den niemand geplant hat, weil jemand ihn gebraucht hat. Auch unsere Gemeinde in Baden-Württemberg hat das in den vergangenen Jahren mehrfach erfahren dürfen.

Armenien

Die Jahre seit 2020 haben von der Kirche etwas verlangt, worauf sich niemand vorbereiten kann. Krieg, Verlust, und 2023 die Vertreibung der Armenier aus Arzach. In diesen Momenten hat Bischof Serovpé getan, was ein Hirte tut: gebetet, gesprochen, geholfen und die Gemeinden zusammengehalten, statt sie sich in Wut oder Resignation verlieren zu lassen. Er hat die Verbindung nach Armenien gepflegt, ohne die Diaspora zur Zuschauertribüne zu machen.

In dieser Zeit und bis heute sind auch ihm selbst Worte entgegengeschlagen, die er nicht verdient hatte. Er hat sie nicht erwidert. Er hat weitergearbeitet. Wer die Geschichte unserer Kirche kennt, weiß, dass das die schwerere Antwort ist und meistens die richtige.

Heute

Heute wird Bischof Serovpé Isakhanyan dreiundsechzig Jahre alt. Er hat in seinem Wort an die Diözese einmal geschrieben, er bete darum, dass Gott ihm Glauben und Weisheit gebe, das Senfkorn des Gottesreiches zu säen, das sehr klein ist und doch wachsen und groß werden kann.

Ein Teil dieser Saat ist aufgegangen. Sie sitzt in Zeltlagern, singt in Chören und trägt in unseren Kirchen die Kerzen zum Altar.

Im Namen der Armenischen Gemeinde Baden-Württemberg gratuliere ich unserem Bischof von Herzen. Wir danken ihm für seinen Dienst, für seine Geduld und für seine Treue zu den Menschen, die ihm anvertraut sind.

Möge der Herr ihm Gesundheit, Kraft und lange Jahre schenken.

Pfarrer Dr. Diradur Sardaryan
Armenische Gemeinde Baden-Württemberg e. V.