Mehr als ein Korb Trauben
Die verborgene Theologie der armenischen Traubensegnung im Gebet des Hl. Nerses Schnorhali
Wenn am Fest der Aufnahme der heiligen Gottesmutter Maria die Trauben zur Segnung vor den Altar gebracht werden, gehört dieser Augenblick für viele zu den vertrautesten und schönsten Bräuchen unserer Armenischen Apostolischen Kirche. Man sieht die gefüllten Körbe, hört das Gebet, empfängt die gesegneten Früchte und nimmt sie mit nach Hause.
Doch gerade das Gebet selbst bleibt vielen verborgen. Es ist in klassischem Armenisch, im Grabar, verfasst. Was im Gottesdienst feierlich erklingt, erschließt sich deshalb nicht ohne Weiteres. Das ist bedauerlich, denn das Gebet zur Traubensegnung, das dem heiligen Nerses Shnorhali zugeschrieben wird, ist weit mehr als eine liturgische Formel. Es ist beinahe eine kleine Summe christlicher Theologie.
Das Gebet beginnt bei der Schöpfung. Gott lässt am dritten Schöpfungstag Pflanzen und fruchttragende Gewächse aus der Erde hervorgehen. Die Welt ist zunächst Gabe. Der Mensch lebt nicht aus sich selbst; er empfängt. Erde, Baum, Frucht und Nahrung tragen deshalb ursprünglich den Segen des Schöpfers, denn Gott sah, „dass es sehr gut war“.
Dann aber schlägt der Text einen erstaunlich großen Bogen. Er erinnert an den Sündenfall und daran, dass mit dem Menschen auch sein Verhältnis zur Schöpfung verwundet wird. Die Traubensegnung spricht also nicht von einer romantisch unberührten Natur. Sie kennt die gebrochene Welt.
Und genau hier beginnt ihre eigentliche christliche Botschaft.
Durch Christus wird der verlorene Segen erneuert. Shnorhali verbindet Schöpfung, Menschwerdung, Kreuz und Auferstehung miteinander. Christus erscheint als die neue „Frucht des Lebens und der Unsterblichkeit“. Auch Maria erhält dadurch ihren tiefsten Platz im Gebet: Aus ihr wird uns jene Frucht geschenkt, die der Menschheit neues Leben bringt – Jesus Christus.
Damit wird verständlich, warum gerade die Traube gesegnet wird. Aus ihr entsteht der Wein; und der Wein ist im christlichen Gottesdienst nicht irgendein Getränk. Beim Letzten Abendmahl nimmt Christus den Kelch und sagt: „Das ist mein Blut.“ Die Traube trägt deshalb bereits eine eucharistische Verheißung in sich. Aus einer unscheinbaren Frucht des Weinbergs wird das Zeichen jener Gabe, durch die Christus sich selbst schenkt.
Vielleicht liegt hier der schönste Gedanke des ganzen Gebetes: Das Christentum verachtet die materielle Welt nicht. Brot, Wein, Wasser, Öl, Erde und Frucht können zu Trägern des Segens werden. Nicht weil die Materie plötzlich magisch würde, sondern weil die Schöpfung ihrem Schöpfer gehört und in Christus wieder auf ihr eigentliches Ziel hin geöffnet wird.
Deshalb bittet die Kirche bei der Traubensegnung nicht allein darum, dass die Früchte gut schmecken mögen. Sie bittet um „Gesundheit der Seele und des Leibes“, um Vergebung, um Segen für jene, die die Früchte gespendet haben, für die Weinstöcke und Weinberge selbst. Sogar Hagel, Frost, schädliche Winde und Schädlinge werden erwähnt. Shnorhalis Gebet besitzt damit eine erstaunlich konkrete Schöpfungstheologie: Wer Gott für die Frucht dankt, kann den Acker nicht vergessen, auf dem sie gewachsen ist.
Am Ende richtet sich der Blick noch weiter. Von der Traube dieser Welt führt das Gebet zum Baum des Lebens, vom irdischen Weinberg zum Tisch des Reiches Gottes. So hält der Gottesdienst für einen kurzen Augenblick einen Korb Trauben vor uns und erzählt darin die ganze Geschichte des Menschen: Schöpfung, Fall, Erlösung und Hoffnung.
Vielleicht sollten wir deshalb beim nächsten Mal eine gesegnete Traube etwas langsamer essen und genießen. In ihr steckt, jedenfalls nach Nerses Shnorhali, überraschend viel Theologie.
Pfr. Diradur Sardaryan


