An diesem Sonntag wird in armenischen Kirchen ein Kreuz mit Basilikum umwunden, aus dem Altarraum getragen und in die vier Himmelsrichtungen gehalten. Der Gesang dazu nennt beim Namen, worum es geht: Gott habe uns ein Zeichen des Sieges gegeben.
Man sollte an dieser Stelle kurz stehen bleiben und zur Kenntnis nehmen, wie unwahrscheinlich dieser Satz ist. Gefeiert wird eine Hinrichtung. Der Mann, um den es geht, hat verloren. Verhaftet, verhört, verspottet, öffentlich getötet, von den meisten seiner Leute im Stich gelassen. Die Kirche nennt das einen Sieg, und sie meint es nicht im übertragenen Sinn.
Khachverats, die Erhöhung des Heiligen Kreuzes, ist das wichtigste der vier armenischen Kreuzfeste und eines der fünf Tagavar-Feste. Der Name sagt schlicht, was geschieht: խաչ, Kreuz, und das Emporheben. Was dabei emporgehoben wird, ist die kühnste und die gefährlichste Behauptung des christlichen Glaubens.
Der Einwand, den man nicht wegbeten sollte
Es gibt einen Verdacht gegen diese Behauptung, und er ist so alt wie sie selbst. Nietzsche hat ihn am schärfsten formuliert: Eine Religion, die die Niederlage zum Sieg erklärt, sei die Erfindung von Menschen, die keine Aussicht hatten zu gewinnen. Wer unten liegt, erklärt das Untenliegen zur Tugend und nennt seine Ohnmacht Güte.
Das ist kein billiger Einwand. Es ist die naheliegendste Erklärung.
Und für armenische Ohren hat er eine besondere Schärfe. Ein Volk, das in seiner Geschichte sehr oft verloren hat und dessen jüngste Verluste sich nicht in Jahrhunderten, sondern in Jahren messen lassen, hat ein handfestes Interesse daran, dass Verlieren in Wahrheit Gewinnen sei. Genau deshalb muss man an diesem Fest genauer hinsehen als an anderen. Ein Symbol, das einem so gelegen kommt, verdient Misstrauen.
Ein Symbol, das einem so gelegen kommt, verdient Misstrauen.
Die Väter der östlichen Kirche, die das Kreuz am gründlichsten durchdacht haben, liefern an dieser Stelle erstaunlicherweise keine Trostliteratur. Sie sagen etwas viel Engeres und viel Präziseres.
Was die Väter tatsächlich sagen
Athanasius nennt das Kreuz in De incarnatione ein Siegesmal, ein Tropaion. Was die Gegner als Schande gemeint hatten, steht am Ende da wie ein Denkmal. Der Tod, der den Menschen verschlingen wollte, wird selbst verschlungen.
Johannes Chrysostomos bringt den entscheidenden Unterschied in einen einzigen Satz: Christus siegt nicht, indem er tötet, sondern indem er stirbt. Das ist keine Verklärung des Sterbens. Es ist die Beschreibung eines Verfahrens.
Maximus der Bekenner formuliert es als Paradox mit einem unscheinbaren Schlüsselwort: Durch freiwilliges Besiegtwerden besiegt Christus den, der zu siegen hoffte. Das Wort, an dem alles hängt, ist freiwillig.
Gregor von Nyssa greift zu einem Bild, das seiner Zeit vertraut und uns fremd geworden ist: Die Menschheit Christi ist der Köder, die Gottheit der Haken. Der Tod greift zu und verschluckt etwas, das er nicht verdauen kann. Grob, aber genau.
Und Gregor von Nazianz schneidet eine Erklärung ausdrücklich ab, die bis heute umläuft. Das Blut Christi sei kein Lösegeld gewesen, das man dem Teufel ausgezahlt habe; diese Vorstellung nennt er eine Beleidigung. Der Vater habe das Opfer nicht gefordert, sondern angenommen, weil der Mensch durch die Menschheit Gottes geheiligt werden musste.
Keiner dieser Väter sagt, Leiden sei gut. Keiner sagt, Niederlagen seien an sich fruchtbar. Sie beschreiben etwas sehr viel Schmaleres: einen einzigen Tod, der nicht bloß erlitten, sondern angeboten wurde, und der deshalb eine Falle war.
Damit ist der Unterschied benannt, an dem alles hängt. Der christliche Glaube verklärt nicht die Niederlage. Er behauptet, dass eine bestimmte Niederlage, freiwillig übernommen, den Mechanismus gesprengt hat. Wer beides verwechselt, bekommt tatsächlich genau jenes Betäubungsmittel, das Nietzsche gemeint hat.
Drei Prüfsteine
Aus den Vätern lassen sich drei Fragen ableiten, mit denen man das echte Kreuz von seiner Fälschung unterscheiden kann. Sie sind unbequem, und sie lassen sich auch gegen die Kirche selbst richten.
Erstens: Wurde es gegeben oder zugefügt? Im Johannesevangelium sagt Christus, niemand nehme ihm das Leben, er lege es von sich aus hin. Kein Mensch bekommt ein Kreuz zugesprochen, nur weil ihm Unrecht geschieht. Unrecht bleibt Unrecht, Gewalt bleibt Gewalt, und die Kirche hat Verletzungen nie geheiligt. Wo Leiden zugefügt wird, ist das Kreuz auf der Seite dessen, der es erleidet, und nicht auf der Seite dessen, der es verhängt.
Zweitens: Trägt es Frucht? Ephräm der Syrer spricht vom Kreuz nie ohne Wirkungen. Es habe den Götzendienst abgeschafft, die Völker in einer Kirche versammelt und in Liebe verbunden, es sei der Stab der Lahmen und die Hoffnung der Verzweifelten. Ein Kreuz, aus dem nichts hervorgeht als weiterer Kummer, ist noch keines.
Drittens: Wohin zeigt es? Gregor von Nyssa und Johannes von Damaskus lesen die vier Enden des Kreuzes als Höhe und Tiefe, Länge und Breite, also als die ganze Schöpfung, sichtbar und unsichtbar. Die Form dieses Zeichens zeigt in alle Richtungen von sich weg. Ein Leiden, das zur Identität wird und nur noch sich selbst umkreist, hat die falsche Form. Es zeigt nach innen.
Die Probe aufs Exempel: 614
Die armenische Überlieferung zu diesem Fest liefert den Gegentest gleich mit. Im Jahr 614 nahm der persische König Chosrau II. Parvez Jerusalem ein, ließ die Stadt verwüsten und plündern und nahm aus der Grabeskirche das Kreuz mit. Kaiser Heraklios führte Krieg um die Rückgabe, in seinem Heer ein armenisches Kontingent unter Mschesch Gnuni. Die Überlieferung erzählt von einer Vision, in der dem Kaiser gesagt wurde, er werde siegen, weil seine Sache gerecht sei.
Dieser Satz ist in fast jeder Sprache Europas gesagt worden, meistens von Leuten, deren Sache nicht gerecht war. Gemessen an den drei Prüfsteinen fällt er durch: Hier wird nichts gegeben, hier wird genommen.
Bemerkenswert ist, dass die Kirche die Korrektur in die Lesungen desselben Tages gelegt hat. Im Galaterbrief nennt Paulus das Motiv seiner Gegner beim Namen: Sie verlangten die Beschneidung, damit sie wegen des Kreuzes nicht verfolgt würden (Gal 6,12). Religion als Sicherheitsleistung. Und an die Korinther schreibt er, das Wort vom Kreuz sei und bleibe Ärgernis und Torheit (1 Kor 1,18-24). Ein Kreuz, das den Sieg garantiert, ist kein Kreuz mehr, sondern ein Amulett.
Die Kirche kennt diese Gefahr aus ihrer eigenen Vorgeschichte, und zwar an der peinlichsten denkbaren Stelle. Die eherne Schlange, auf die sich das Festevangelium beruft, ließ König Hiskija Jahrhunderte später zerschlagen, weil Israel angefangen hatte, ihr zu opfern. Sie hieß danach nur noch Nechuschtan, Stück Bronze (2 Kön 18,4). Ausgerechnet das erhöhte Zeichen, das Leben gab, musste vernichtet werden, als man begann, es zu besitzen.
Was die armenische Liturgie mit dem Holz macht
Die Antwort der Armenischen Kirche auf dieses Risiko ist kein Argument. Sie ist ein Öl.
Ein Kreuz wird bei uns nicht verehrt, weil es die Form eines Kreuzes hat, sondern nachdem es mit heiligem Muron gesalbt worden ist, an fünf Punkten: in der Mitte, an der Krone, rechts, links und unten. Dasselbe Muron wird dem Getauften auf die Stirn gestrichen. Christus heißt der Gesalbte, Christ heißt ein Gesalbter. Das Fest salbt das Holz mit demselben Öl wie den Leib.
Damit ist gesagt, wem die Ehre gilt. Sie bleibt nicht beim Material, sie geht hindurch. Der Meghedi des Tages nennt das Kreuz աստուածընկալ սուրբ նշան, das heilige Zeichen, das Gott aufgenommen hat. Ein Götze ist ein Zeichen, das auf sich selbst zeigt und deshalb leer ist. Ein gesalbtes Kreuz ist ein Zeichen, das nichts aus sich selbst hat und deshalb trägt.
Die Gesänge des Tages sagen dasselbe in Bildern, die älter sind als jede Dogmatik.
Խաչն ի նախնումն երեւեցաւ՝ ծաղկեալ ի դրախտն աստուածատունկ:
Das Kreuz erschien im Anfang, blühend im Paradies, das Gott gepflanzt hat.
Meghedi des Festes
Die Kirche beginnt ihre Kreuzestheologie also nicht auf Golgatha, sondern im Garten. Das Kreuz ist zuerst ein Baum, und zwar jener, um den die erste Erzählung der Bibel kreist.
Որ զմեռեալն ի ճաշակմանէ փայտին յանցանաց՝ կենաց փայտիւն կենագործեցեր:
Der du den, der durch das Kosten vom Holz der Übertretung gestorben war, durch das Holz des Lebens wieder lebendig gemacht hast.
Scharakan der Orhnutyun
Ein Satz, und die halbe Dogmatik steht darin. Erlösung ist danach kein Ausweg aus der Schöpfung, sondern eine Reparatur an der Bruchstelle. Geheilt wird nicht anderswo, sondern genau dort, wo die Wunde entstanden ist. Gegessen wurde von einem Holz, gestorben wird an einem Holz, und an demselben Holz wird die Sache zurückgenommen.
Am Ende des Festgottesdienstes segnet der Priester im Andastan die vier Weltgegenden und besprengt die Gläubigen mit Rosenwasser. Der Eingangsgesang der Liturgie hat die Worte dazu schon geliefert: Um deines heiligen göttlichen Zeichens willen, schenke deinen himmlischen Frieden der ganzen Welt.
Nicht der Gemeinde. Nicht dem eigenen Volk. Der ganzen Welt. Wer 614 im Ohr hat, hört, wie viel Arbeit in diesem Satz steckt. Es ist der dritte Prüfstein, in eine Bitte übersetzt.
Ein Signal, kein Andenken
Die Lesungen des Festes hängen an einem einzigen hebräischen Wort. In Numeri 21 wird die eherne Schlange auf einen nes gesetzt, ein Panier, eine Signalstange. Und mitten in der Kernlesung Jesaja 49 sagt Gott: Ich richte mein Panier auf für die Nationen, und sie bringen deine Söhne und Töchter zurück (49,22). Dasselbe Wort.
Ein Panier richtet man nicht auf, damit es schön aussieht, sondern damit Versprengte wissen, wohin sie laufen sollen. Deshalb sagt Christus im Johannesevangelium: Wenn ich von der Erde erhöht bin, werde ich alle zu mir ziehen (Joh 12,32). Die Sammlung der Zerstreuten ist nicht die fromme Zugabe zum Kreuz, sie ist sein Zweck. Für eine Gemeinde, die selbst aus Versprengten besteht, ist das keine Metapher.
Und das Bild von der Schlange ist genauer, als es zunächst wirkt. Was Mose aufrichtet, hat die Gestalt des Tötenden, aber kein Gift. Israel blickt auf die Form des Todes, die den Tod nicht mehr in sich trägt. Paulus sagt dasselbe über die Menschwerdung: Gott sandte seinen Sohn in der Gestalt des Sündenfleisches (Röm 8,3). Die Gestalt ja, den Inhalt nicht. Deshalb heilt der Blick. Nicht weil Hinsehen an sich guttut, sondern weil das, worauf man sieht, entgiftet ist.
Der Montag
Am Vorabend wird gebacken und das Zicklein bereitet, weshalb das Fest im Volksmund Ulnots heißt. Dazu gehören khorovu, kashkak, Mschosch, Ghapama, Gata und Linsensuppe. Ein Fest, das das Leben meint und nicht die Idee des Lebens, hat einen Tisch.
Am Tag nach Khachverats aber ist Merelots. Es wird die Heilige Liturgie gefeiert, danach der Ritus der Seelenruhe gehalten, und anschließend geht man zu den Gräbern, mit Trauben und Melonen, mit Gebäck, Käse und Grünem.
Diese Reihenfolge ist der eigentliche Schlusspunkt des Festes. Am Sonntag wird das Zeichen des Sieges über den Tod erhoben. Am Montag trägt man es dorthin, wo der Tod seine Adresse hat. Keine Religion, die sich etwas vormacht, würde diese beiden Tage nebeneinanderlegen.
Was bleibt
Ob die Behauptung stimmt, entscheidet kein Artikel. Aber sie ist nicht das, wofür man sie gewöhnlich hält. Sie tröstet nicht über Niederlagen hinweg, sie stellt eine Frage an jede Niederlage: Wurde hier etwas gegeben oder genommen? Kommt etwas daraus hervor? Und zeigt es über sich hinaus?
Wer das nachprüfen will, braucht zwanzig Minuten und vier Texte: Jesaja 49,13-23. Johannes 3,13-21. 1. Korinther 1,18-24. Galater 6,11-18. Wenn dabei nichts geschieht, hat man vier alte Texte gelesen. Wenn doch, dann ist das mit Basilikum umwundene Holz, das an diesem Sonntag durch die Kirche getragen wird, keine Erinnerung, sondern eine Adresse.
Zum Weiterlesen
Ausführliche Informationen zum Fest, zu den Lesungen und zur Kreuzverehrung in der Armenischen Kirche finden Sie auf unserer Themenseite: Kreuzerhöhung.
Die deutschen Fassungen der Gesänge sind Arbeitsübersetzungen aus dem Grabar und keine autorisierten liturgischen Texte. Die Väterzitate sind sinngemäß wiedergegeben.

