Im Fokus: September
Bildung, die weiter reicht als der Stundenplan
Der September bringt Schulranzen, Stundenpläne und für manche Kinder einen ganz neuen Lebensabschnitt. Er stellt aber auch Fragen, die in keinem Lehrplan stehen. Ein Wort zum Beginn des Schuljahres, zu unserer Samstagsschule und zum Fest der Kreuzerhöhung.
„Unterweise den Weisen, so wird er noch weiser;
belehre den Gerechten, so wird er an Einsicht gewinnen.“
Sprüche 9,9
Liebe Gemeindemitglieder,
liebe Freunde unserer Gemeinde,

der September ist für viele Familien ein Monat des Neubeginns. Die Ferien gehen zu Ende, Schulranzen werden wieder gepackt, Stundenpläne bestimmen den Alltag, und für manche Kinder beginnt ein ganz neuer Lebensabschnitt. Auch der armenische Kalender kennt diesen Anfang: Er begeht den 1. September als „Tag des Wissens, der Schrift und der Bildung“. Zum Schuljahresbeginn sieht unsere Kirche zudem einen eigenen Tag der Segnung aller im Bildungswesen Tätigen vor.
Bildung ist mehr als Wissen
Das gibt uns Anlass, über Bildung nachzudenken. Aus christlicher Sicht ist sie weit mehr als die Ansammlung von Wissen. Ein Kind soll lesen, rechnen, Sprachen lernen, die Welt verstehen und später seinen eigenen Weg gehen können. Die vielleicht wichtigeren Fragen aber stehen in keinem Stundenplan: Wer bin ich? Was ist wahr, und was ist gut? Woher komme ich? Wofür trage ich Verantwortung? Und was trägt mein Leben, wenn Leistung und Erfolg einmal nicht genügen?
Zwei Welten, die keine Konkurrenten sind
Für unsere Kinder, die in Deutschland aufwachsen, kommt eine weitere Dimension hinzu. Sie leben selbstverständlich in der deutschen Sprache und Gesellschaft, und das ist gut so. Zugleich tragen sie eine zweite Geschichte in sich: die armenische Sprache, unseren Glauben, unsere Schrift, Musik und Kultur, die Erinnerungen ihrer Eltern und Großeltern. Diese beiden Welten müssen keine Konkurrenten sein. Im Gegenteil: Wer seine Wurzeln kennt, begegnet anderen oft umso freier.
Eine Bitte an die Eltern
Deshalb möchte ich zu Beginn des neuen Schuljahres besonders an unsere Eltern appellieren: Geben Sie Ihren Kindern wieder die Möglichkeit, unsere Samstagsschule Surb Mesrop Mashtoz zu besuchen. Sie soll nicht einfach eine weitere Unterrichtsstunde in einer ohnehin vollen Woche sein, sondern ein Ort, an dem Kinder Armenisch lernen und sprechen, ihre Kultur und ihren Glauben entdecken, Freundschaften schließen und erfahren: Auch diese Geschichte gehört zu mir.
Der Unterricht findet in Stuttgart und in Göppingen statt und wird durch Online-Stunden ergänzt, sodass auch Familien aus anderen Teilen des Landes teilnehmen können. Für das neue Schuljahr nehmen wir Anmeldungen ab sofort entgegen. [Kontakt: mashtoz@agbw.org]
Wenn eine Sprache verstummt
Dabei geht es nicht darum, dass jedes Kind perfekt Armenisch spricht. Es geht um etwas Tieferes. Sprache ist nicht nur ein Werkzeug der Verständigung. In ihr wohnen Erinnerungen, Gebete, Lieder, Humor und eine eigene Weise, die Welt zu betrachten. Wenn eine Sprache verloren geht, verschwinden nicht bloß Wörter. Es wird ein Raum im Gedächtnis einer Familie still.
Vielleicht ist dies eine der wichtigsten Aufgaben, die wir als Eltern und als Gemeinde haben: unseren Kindern nicht vorzuschreiben, wer sie einmal sein sollen, sondern ihnen genug mitzugeben, damit sie später selbst wissen, woher sie kommen und wohin sie gehen möchten.
Das Kreuz am 13. September
Auch kirchlich führt uns der September zu einem starken Zeichen. Am 13. September feiern wir die Kreuzerhöhung, eines der fünf Hochfeste unserer Armenischen Apostolischen Kirche. Das Kreuz erinnert uns daran, dass christliche Bildung nicht beim Wissen endet. Sie will den Menschen befähigen, Wahrheit zu suchen, Verantwortung zu übernehmen, zu lieben, zu vergeben und auch dann Haltung zu bewahren, wenn der bequemere Weg ein anderer wäre.
So wünsche ich unseren Kindern und Jugendlichen einen guten Start in das neue Schuljahr, unseren Eltern Geduld und Kraft, von der ein Schuljahr bekanntlich gelegentlich mehr verlangt, als der Stundenplan vermuten lässt, und allen Lehrerinnen, Lehrern und Erziehenden Gottes reichen Segen.
Möge dieses Schuljahr unseren Kindern nicht nur neues Wissen schenken, sondern auch Neugier, Weisheit, gute Freunde, Vertrauen in Gott und Freude an den eigenen Wurzeln.
In christlicher Verbundenheit
Pfarrer Diradur Sardaryan


