Der Völkermord an den Armeniern in Literatur, Musik und Kunst
Feuilleton

Wo die Dokumente schweigen, sprechen die Künste

Der Völkermord an den Armeniern in Literatur, Musik und Kunst
Reihe zum 111. Gedenkjahr
Von Pfarrer Dr. Diradur Sardaryan

Wie erinnert sich ein Volk, dem man seine Dichter, seine Musiker und seine Gelehrten genommen hat? Wie erzählt man von einer Zerstörung, für die es zu wenige Augenzeugen, zu wenige Fotografien, zu wenige Dokumente gibt? Der Völkermord an den Armeniern wurde nicht nur mit Deportationen und Todesmärschen vollzogen, sondern auch durch die gezielte Vernichtung ihrer Spuren und die Auslöschung jener Menschen, die einem Volk Sprache, Klang und Bild geben. Und doch hat sich der Völkermord seinen Weg in die Kunst gebahnt: in Romanen und Gedichten, in Kompositionen und Filmen, in Gemälden und Denkmälern. Diese künstlerischen Zeugnisse sind nicht Beiwerk der Erinnerung. Sie sind ihre Träger.

I. Zeugnis und Verstummen: Die armenische Literatur des Genozids

Die ersten literarischen Zeugnisse des Völkermords stammen von jenen, die ihn erlebten und vielfach nicht überlebten. Der Dichter Siamanto (Atom Jartschanjan), einer der bedeutendsten Lyriker seiner Generation, verfasste 1909 mit »Blutige Nachrichten von meinem Freund« einen Gedichtzyklus über die Massaker von Adana, der in seiner realistischen Direktheit beispiellos blieb. Siamanto verzichtete auf die metaphysische Verschleierung, die etwa die britischen Schützengrabenpoeten des Ersten Weltkriegs kennzeichnete. Sein Zeitgenosse Daniel Waruschan (Varujan), der mit seinen »Heidnischen Gesängen« und dem posthum veröffentlichten »Gesang des Brotes« die Dörfer Anatoliens lyrisch verewigte, teilte sein Schicksal: Beide wurden am 24. April 1915 verhaftet. Beide wurden im Sommer desselben Jahres ermordet. Ihr Werk wurde zum literarischen Präludium des Völkermords.

Zu den frühen Zeugnissen gehören auch die Werke des in Kars geborenen Dichters Jeghische Tscharenz, der als Teilnehmer der Widerstandsbewegung den Völkermord aus unmittelbarer Nähe miterlebte. Vahan Tekkeyan, der den 24. April 1915 in Kairo überlebte, schrieb in der Diaspora Gedichte, die vom Trauma der Ferne und der Ohnmacht des Nichtstunkönnens geprägt sind. Die mündliche Überlieferung, festgehalten in der Sammlung von Verzhine Svazlyan, bewahrt hunderte Lieder, die in den Todeskolonnen und in den Flüchtlingslagern entstanden, viele davon auf Türkisch verfasst, aber armenischen Ursprungs. Sie gelten der Genozidforschung als eigenständige Beweiskategorie.

II. Franz Werfel

Die international wirkmächtigste literarische Darstellung des Völkermords stammt nicht von einem Armenier, sondern von einem österreichischen Schriftsteller jüdisch-deutschböhmischer Herkunft. Franz Werfels »Die vierzig Tage des Musa Dagh«, 1933 erschienen und sofort von den Nationalsozialisten als »unerwünscht« eingestuft, erzählt die authentische Geschichte von sechs armenischen Dörfern, deren 5000 Bewohner am Mosesberg am Mittelmeer gegen die herannahenden Truppen der Jungtürken Widerstand leisteten und sich schließlich an Bord eines französischen Schiffes retten konnten.

Werfel hatte 1929/1930 mit seiner Frau Alma Mahler die Levante bereist. In Damaskus begegnete er in einer Teppichweberei ausgemergelten armenischen Waisenkindern, Überlebenden des Völkermords. Diese Begegnung wurde zum Keim seines Romans, für den er Aktenbestände des französischen Kriegsministeriums anforderte und im armenischen Mechitaristen-Kloster in Wien die Aufzeichnungen des Theologen Johannes Lepsius studierte. Der Roman arbeitet mit dokumentarischen Sequenzen aus Gerichtsprotokollen und Konsularberichten und ist zugleich ein Epos über den Widerstand der Ohnmächtigen.

Für die armenische Diaspora stieg das Buch in den Rang eines Nationalepos auf. 1943 wurde es zur Inspiration für den jüdischen Widerstand im Ghetto von Białystok. Hannah Arendt und der armenische Gelehrte Rouben Adalian haben unabhängig voneinander darauf hingewiesen, dass Werfels Buch eine Brücke zwischen dem armenischen und dem jüdischen Genozidgedächtnis bildet. In Armenien steht bis heute eine Tuffsteinbüste Werfels über dem Dorf Musa Ler bei Eriwan, wo Nachfahren der einstigen Kämpfer leben.

III. Edgar Hilsenrath

Am 2. April 2026 wäre Edgar Hilsenrath 100 Jahre alt geworden. AGBU Germany hat aus diesem Anlass an einen Schriftsteller erinnert, der vom deutschen Literaturbetrieb jahrzehntelang ignoriert wurde und dessen Werk eine einzigartige Brücke zwischen dem jüdischen und dem armenischen Trauma bildet.

Hilsenrath, 1926 als Sohn eines jüdischen Kaufmanns in Leipzig geboren, 1938 vor der NS-Verfolgung in die Bukowina geflohen und selbst in ein Ghetto deportiert, hatte nach seinen Romanen über die Shoah (»Nacht«, 1964; »Der Nazi und der Frisör«, 1977) fast zwanzig Jahre an seinem Hauptwerk gearbeitet: »Das Märchen vom letzten Gedanken« (1989), ein Roman über den Massenmord an den Armeniern. Sein Arbeitstitel Armenia, My Love verrät, was ihn im Kern antrieb: nicht die Anklage, sondern die Liebe zu dem, was vernichtet wurde. Der Kritiker Alexander von Bormann urteilte, Hilsenraths Roman sei Werfels Musa Dagh »bedeutsam überlegen: denn er ist historischer und poetischer zugleich«.

»Es ist sehr viel geschrieben worden über die Verbrechen der Deutschen während des Nazireiches. Es ist aber gar nicht geschrieben worden über die Verbrechen der Türken während des Ersten Weltkriegs.« Edgar Hilsenrath

Hilsenrath steht in einer bemerkenswerten Traditionslinie jüdischer Autoren im deutschsprachigen Raum, die sich dem armenischen Völkermord gewidmet haben, lange bevor dies politisch opportun war. Werfel erkannte die Zeichen der Zeit und schrieb den Musa Dagh als literarische Warnung an die Juden Europas; Ralph Giordano schuf die erste deutsche Fernsehdokumentation über den Völkermord. Alle drei sahen im armenischen Genozid den Präzedenzfall und die Warnung für das, was Europa bevorstand oder bereits erlitten hatte. In Armenien werden Werfel und Hilsenrath bis heute verehrt. Die Esperantistin Susanna Gevorgyan hat »Das Märchen vom letzten Gedanken« in jahrelanger Arbeit in drei Bänden ins Armenische übersetzt.

IV. Die deutschsprachige Erinnerungslandschaft

Neben Werfel und Hilsenrath hat die deutschsprachige Literatur weitere wichtige Beiträge hervorgebracht. Armin T. Wegner, der als Sanitätsunteroffizier in der osmanischen Türkei die Todesmärsche fotografierte und bezeugte, richtete 1919 einen öffentlichen Brief an den US-Präsidenten Wilson und 1933 einen Brief an Adolf Hitler, in dem er vor der Judenverfolgung warnte und sich ausdrücklich auf das armenische Präzedens berief. Johannes Lepsius, der evangelische Theologe und Orientalist, veröffentlichte bereits 1916 seinen »Bericht über die Lage des armenischen Volkes in der Türkei« und wurde damit zum ersten systematischen Dokumentar des Völkermords im deutschen Sprachraum.

In der jüngeren deutschsprachigen Literatur sind unter anderem Jochen Mangelsens Roman »Ophelias lange Reise nach Berlin« (2001), der die armenische Geschichte über siebzig Jahre hinweg verfolgt, sowie »Hier sind Löwen« (2022) von Katerina Poladjan und »Auf der Straße heißen wir anders« (2023) von Laura Cwiertnia zu nennen, die die intergenerationalen Traumata und Identitätskonflikte der Nachfahren in der Diaspora schildern. Ergänzt wird dieses Panorama durch David Wagners Roman »Verkin« (Antje Kunstmann Verlag, 2023), der die wechselvolle Lebensgeschichte einer türkisch-armenischen Unternehmerin erzählt, sowie durch Werke, die kurdische und armenische Verfolgungserfahrungen miteinander verweben, wie Yavuz Ekincis »Das ferne Dorf meiner Kindheit« (2023) und Murat Isiks »Das Licht im Land meines Vaters« (2016). Auch Thomas Hartwigs dokumentarischer Roman »Die Armenierin« (2014) reiht sich hier ein, indem er auf der Grundlage der Aufzeichnungen Armin T. Wegners eine Liebesgeschichte vor dem Hintergrund des Völkermords entfaltet.

Neben diesen Romanen ist eine Reihe von Sachbüchern erschienen, die die deutsche Mitschuld in den Fokus rücken. Hier sind Jürgen Gottschlichs »Beihilfe zum Völkermord: Deutschlands Rolle bei der Vernichtung der Armenier« (2015) und Rolf Hosfelds Studie »Tod in der Wüste: Der Völkermord an den Armeniern« (2015) zu nennen. In eine andere Richtung zielen künstlerisch-editorische Projekte wie Tessa Hofmanns Gedichtband »Todesvision: Eine Hommage an die ermordeten Dichter Armeniens« (2020) oder der von Mihran Dabag und Kristin Platt herausgegebene Erinnerungsband »Verlust und Vermächtnis: Überlebende des Genozids an den Armeniern erinnern sich« (2015). Diese Werke dokumentieren nicht nur die historischen Fakten, sondern bewahren auch die Stimmen der Opfer und ihrer Nachkommen.

V. Die internationale Bühne: Vom Türkischen bis zum Aserbaidschanischen

Auch aus der Türkei selbst sind mutige literarische Stimmen zu vernehmen. Der Nobelpreisträger Orhan Pamuk sprach öffentlich vom Mord an einer Million Armeniern und wurde dafür strafrechtlich verfolgt. Fethiye Çetin erzählte in »Anneannem« (»Meine Großmutter«, 2004) die Geschichte einer armenischen Frau, die als Kind zwangsislamisiert und in eine türkische Familie aufgenommen wurde. Halil Ibrahim Özcan veröffentlichte 2009 seinen Roman »Küller Arasında« (»In der Asche«). Fatih Akın drehte 2014 den Film »The Cut«, den ersten türkischen Spielfilm über den Völkermord, der auch in der Türkei gezeigt wurde.

Eine bemerkenswerte Stimme kam aus Aserbaidschan: Akram Aylisíli veröffentlichte 2012 seinen Roman »Steinerne Träume«, der von den Pogromen an den Armeniern in seinem Heimatdorf Agulis erzählt. Die Widmung lautet: »Dem Andenken meiner Landsleute, die hinter sich unbeweinte Schmerzen hinterlassen haben.« Das Buch löste in Aserbaidschan eine Welle der Empörung aus. Aylisíli wurde öffentlich geächtet und seine Bücher wurden verbrannt.

VI. Von Komitas bis System of a Down

Die musikalische Erinnerung an den Völkermord beginnt mit einem tiefen Verlust und einer symbolischen Verstummung. Im Zentrum steht Komitas Vardapet, der Begründer der modernen armenischen Musikwissenschaft. Seine monumentale Sammlung armenischer Tonschätze wurde bei seiner Deportation im April 1915 großteils zerstört. Er selbst überlebte physisch, doch sein psychischer Zusammenbruch steht bis heute sinnbildlich für das Trauma einer ganzen Nation. Was Komitas jedoch rettete, seine rund 3000 gesammelten Volkslieder und sein Badarak für Männerchor, bildet das Fundament der armenischen Identität. Es ist eine Musik, die aus der Stille der Katastrophe kommt und bis heute in jeder armenischen Kirche weltweit erklingt, als ein lebendiges Archiv gegen das Vergessen.

Diese Tradition der Bewahrung setzte sich in der Diaspora fort, oft abseits der großen Konzertbühnen. In den mündlichen Überlieferungen der Überlebenden überdauerten Lieder, die auf den Todesmärschen entstanden waren. Die Genozidforschung erkennt diese von Verzhine Svazlyan dokumentierten Werke heute als eigenständige Beweiskategorie an. In der klassischen Moderne griffen Komponisten wie der armenisch-amerikanische Alan Hovhaness diesen Schmerz auf. Tigran Mansurjan schuf mit seinem 2011 komponierten Requiem das wohl gewichtigste zeitgenössische Denkmal in Tönen. Er widmete das Werk explizit den Opfern des Völkermords und vollbrachte das Kunststück, die lateinische Totenmesse mit der rituellen Kraft der armenischen Monodie zu versöhnen. Auch der Duduk-Meister Djivan Gasparyan verlieh dem armenischen Schmerz eine universelle Sprache: Der warme, melancholische Klang des Aprikosenholzes wurde durch ihn zum weltweiten akustischen Mahnmal.

In der Gegenwartsmusik hat die amerikanisch-armenische Rockband System of a Down das Thema einem Millionenpublikum zugänglich gemacht. Die Bandmitglieder, allesamt Enkel von Überlebenden, verwandelten das historische Schweigen in einen globalen Schrei. Ihr Debütalbum enthält den Song P.L.U.C.K., dessen Widmung explizit der 1,5 Millionen Opfer gedenkt; auf späteren Alben wie Toxicity und Hypnotize setzen sie diese politische Anklage fort. Frontmann Serj Tankian wählte in seiner Solokarriere mit dem elegischen Yes, It's Genocide eine direktere Sprache. Der Jazz-Pianist Tigran Hamasyan schuf mit Projekten wie Luys i Luso eine moderne Rückbesinnung auf Komitas, indem er die sakralen Gesänge durch Improvisation in die Jetztzeit transformiert und damit beweist, dass die armenische Musiktradition nicht 1915 erstarrt ist, sondern sich als vitaler künstlerischer Widerstand ständig erneuert.

VII. Bildende Kunst und Film

In der bildenden Kunst reichen die Spuren der traumatischen armenischen Geschichte bis in die Zeit vor 1915 zurück. Bereits nach den hamidischen Massakern widmete der Maler Vardges Sureniants 1895 sein Gemälde »Votnaharwats Srbutiun« (»Geschändete Heiligkeit«) den Opfern in Westarmenien. In den Jahren der großen Deportationen hielt Martiros Sarjan das unmittelbare Leid der geflohenen Waisen in Etschmiadsin fest. Den tiefgreifendsten Brückenschlag zur internationalen Moderne vollzog Arshile Gorky, der als Kind den Völkermord überlebte, aber mitansehen musste, wie seine Mutter auf der Flucht verhungerte. Sein weltberühmtes Doppelporträt »Der Künstler und seine Mutter«, gemalt nach einer ins Exil geretteten Fotografie, wurde zur visuellen Metapher für den Verlust der Heimat schlechthin. Dass die visuelle Aufarbeitung keine rein armenische Aufgabe geblieben ist, zeigt die Gegenwartskunst: Die deutsche Malerin Lisa M. Stybor schuf mit ihrem Zeichnungszyklus »1915 Aghet. Weg der Tränen« ein aktuelles Mahnmal, dessen Bilder beweisen, dass die Kunst helfen kann, das Unaussprechliche fassbar zu machen.

Die osmanische Zensur hatte das Fotografieren der Deportationen systematisch verboten. Das wenige Material, das dennoch erhalten blieb, verdanken wir Mutigen wie Armin T. Wegner und dem US-Konsul Leslie Davis. Bereits 1919 entstand mit »Auction of Souls« (»Versteigerung der Seelen«) einer der frühesten Menschenrechtsfilme der Kinogeschichte, basierend auf den Erinnerungen der Überlebenden Aurora Mardiganian. Dieses historische Material erfuhr 2022 eine brillante visuelle Neuererweckung: In dem vielfach preisgekrönten animierten Dokumentarfilm »Aurora's Sunrise« der Regisseurin Inna Sahakyan verschmelzen die erhaltenen Stummfilmszenen mit Animationskunst, wodurch das Zeugnis Mardiganians für eine neue Generation emotional zugänglich wird. Eine ähnliche dokumentarische Kraft im deutschsprachigen Raum entfaltete Eric Friedlers ZDF-Dokumentation »Aghet. Ein Völkermord« (2010), in der namhafte Schauspieler den historischen Augenzeugenberichten ihre Stimmen liehen.

Neben der Dokumentation suchte das Kino immer wieder nach Wegen, das psychologische Trauma poetisch zu fassen. Ein Meilenstein ist Sergei Paradschanows Meisterwerk »Die Farbe des Granatapfels« (1969), das die Unzerstörbarkeit der armenischen Kultur in hypnotischen Tableaus zelebriert. Die innere Zerstörung, die wir beim Verstummen des Komitas beobachten, fand 2015 durch den armenischen Regisseur Vigen Chaldranyan in seinem Film »Die Stille des Priesters« eine späte, aber wichtige kinematographische Entsprechung. Diese Werke bilden das künstlerische Rückgrat für die großen westlichen Erzählungen: von Atom Egoyans »Ararat« (2002) über Fatih Akıns »The Cut« (2014) bis zum Hollywood-Film »The Promise« (2016).

VIII. Tsitsernakaberd und die Topographie des Gedenkens

Die materielle Erinnerungskultur an den Völkermord begann spät, fast zaghaft. Das erste bedeutende Denkmal entstand in den 1950er Jahren im libanesischen Antelias: ein Glockenturm, der menschliche Gebeine birgt, die aus dem Sand der syrischen Wüste geborgen wurden. In Sowjetarmenien brach das Eis der öffentlichen Erinnerung erst zum 50. Jahrestag im Jahr 1965. Noch vor dem Bau der großen nationalen Gedenkstätte ließ der Katholikos aller Armenier, Wasken I., an der Nordseite der Kathedrale von Etschmiadsin den »Kreuzstein des Gebets und des Gelöbnisses« errichten: das erste Denkmal für die Märtyrer auf armenischem Boden. Dieser stufenförmige Basaltobelisk vereint traditionelle Kreuzsteine mit den Symbolen von Adler, Schwert und Schild. Auf dem Schild sind jene Orte eingraviert, darunter Zeitun, Musa Dagh, Van, Schatach und Sasun, an denen die armenische Bevölkerung heroischen Widerstand gegen die Vernichtung leistete.

Fast zeitgleich erzwangen im Jahr 1965 nie dagewesene Massenproteste in Eriwan den Bau des zentralen Memorials Tsitsernakaberd (»Schwalbenfestung«). Das 1967 vollendete Mahnmal ist heute das architektonische Herz der armenischen Trauer. Zwölf massive Basaltstelen neigen sich schützend über eine ewige Flamme, flankiert von einem 44 Meter hohen, gespaltenen Obelisken, der das spirituelle Wiedererstehen des Volkes symbolisiert. Ergänzt wird die Anlage durch eine Gedenkmauer, in die seit 1998 die Namen der Stätten des Massakers eingraviert sind. Der letzte Name in dieser steinernen Geografie des Todes ist Deir ez-Zor, die Endstation der Todesmärsche. Tsitsernakaberd ist zum Wallfahrtsort geworden, an dem sich jeden 24. April Hunderttausende zu einem stummen Zug der Erinnerung versammeln.

Doch die Topografie des Gedenkens beschränkt sich längst nicht mehr auf den Kaukasus oder den Nahen Osten. Weltweit haben armenische Gemeinden Denkmäler errichtet: in Montebello, Sydney, São Paulo, Buenos Aires und im syrischen Deir ez-Zor. Oft greift die Diaspora dabei auf den Chatschkar zurück, den filigran behauenen Kreuzstein, der zum steinernen Botschafter der armenischen Identität geworden ist.

Auch im deutschsprachigen Raum verdichtet sich dieses Netzwerk der Erinnerung zunehmend. Auf dem Friedhof Stuttgart-Steinhaldenfeld steht das erste Mahnmal Baden-Württembergs, an dem am 24. April traditionell eine Kranzniederlegung stattfindet. Weitere Kreuzsteine wurden in Göppingen und Kehl geweiht. Wie die Soziologin Maria Immacolata Macioti von der römischen Sapienza-Universität in ihrer Studie »Il Genocidio Armeno: Nella Storia e Nella Memoria« (2011) darlegt, markieren diese Orte in der Diaspora weit mehr als nur Trauer. Im Wechselspiel von Denkmal, Ritual und historischer Erzählung konstituiert sich ein kulturelles Gedächtnis, das die armenische Identität fernab der verlorenen Heimat sichert und über die Generationen hinweg wirksam hält.

Erinnerung als Widerstand

Die künstlerische Erinnerung an den Völkermord an den Armeniern ist keine Begleiterscheinung der Geschichtsschreibung. Sie ist ihr notwendiges Komplement. Wo die Dokumentation lückenhaft bleibt, wo die Diplomatie schweigt und wo die politische Leugnung fortdauert, schaffen Literatur, Musik und Kunst jene Evidenz, die aus dem erlebten Schmerz erwächst und die stärker wirkt als jede Aktenlage.

»Das unfassbare Schicksal des armenischen Volkes dem Totenreich alles Geschehenen zu entreißen.« Franz Werfel, Vorwort zu »Die vierzig Tage des Musa Dagh« (1932)

Edgar Hilsenrath, der als Holocaust-Überlebender das armenische Leid als Wiederholung seines eigenen erlebte, hat sein »Märchen vom letzten Gedanken« immer als sein bestes Buch bezeichnet. Komitas hat seine Musik gerettet, bevor man sein Volk zerstörte. System of a Down singt vor Hunderttausenden vom Völkermord. Und in Eriwan neigen sich zwölf Stelen aus Basalt über einer Flamme, die nie erlöschen wird.

Die Kunst erinnert, weil sie muss.

24. April 2026 · Lutherkirche Bad Cannstatt · Stuttgart

Gedenkgottesdienst und Veranstaltung zum 111. Jahrestag des Völkermords an den Armeniern. Kommt. Erinnert.

Zur Veranstaltung →
Ausgewählte Quellen
  • Franz Werfel: Die vierzig Tage des Musa Dagh (1933)
  • Edgar Hilsenrath: Das Märchen vom letzten Gedanken (1989). Vgl. AGBU Germany: Armenia, My Love (2. April 2026)
  • Bundeszentrale für politische Bildung: Der armenische Völkermord in der deutschsprachigen Literatur (Manuel Gogos, 2016)
  • Roy Knocke / Werner Treß (Hg.): Franz Werfel und der Genozid an den Armeniern (De Gruyter, 2015)
  • Maria Immacolata Macioti: Il Genocidio Armeno. Nella Storia e Nella Memoria (Roma 2011 / Eriwan 2015)
  • Verzhine Svazlyan: The Armenian Genocide in the Memoirs and Turkish Language Songs (Eriwan 1999)
  • Bundeszentrale für politische Bildung: Der Genozid in der Gegenwartskultur
  • Bundesarchiv: Der Völkermord an den Armeniern (Geschichtsgalerie)

Pfarrer Dr. Diradur Sardaryan

Armenische Gemeinde Baden-Württemberg e. V. (AGBW)

Göppingen-Bartenbach / Stuttgart, April 2026