Der Wegbereiter des Messias
Die Armenische Kirche gedenkt heute
der Enthauptung des Hl. Johannes des Täufers
Es gibt Heilige, die man liebt, und solche, die man verehrt. Hl. Johannes den Täufer muss man ernst nehmen. Er ist keine tröstliche Lichtgestalt aus sicherer Entfernung, sondern eine unbequeme, kantige, geschichtlich greifbare Figur, die mit dem Kopf dafür bezahlt, dass sie die Wahrheit gesagt hat. Die Armenische Apostolische Kirche gedenkt heute seiner Enthauptung. Es ist einer von vier Gedenktagen, die sie zu Ehren dieses Heiligen kennt, eine für einen einzelnen Heiligen ungewöhnliche liturgische Dichte, die zeigt, welches Gewicht Johannes in der armenischen Glaubenstradition trägt.
Herkunft und Vorgeschichte
Nur das Lukasevangelium überliefert die Geburt des Johannes mit erzählerischer Breite. Sein Vater Zacharias, ein Priester aus dem Haus Aaron, empfängt die Ankündigung während des Raucheropfers im Tempel, durch den Erzengel Gabriel. Die Botschaft: Seine unfruchtbare, bereits betagte Frau Elisabeth wird einen Sohn gebären. Zacharias glaubt das nicht sofort. Er schweigt in der Folge, bis zur Geburt des Kindes, nicht als Zeichen von Innerlichkeit, sondern als Strafe für seinen Zweifel.
Der Name, den der Engel anordnet, ist von programmatischer Bedeutung: Հովհաննես, auf Hebräisch Jochanan, bedeutet so viel wie JHWH hat sich erbarmt. Darin steckt das theologische Grundmotiv dieses Lebens: nicht die eigene Größe, sondern die vorausgehende Gnade Gottes als sein Ursprung und Inhalt. Dass dieser Name in einer kinderlosen, bislang beschämten Familie plötzlich erscheint, ist im jüdischen Kontext keine Privatangelegenheit. Kinderlosigkeit galt als öffentliche Schmach. Die Ankündigung seiner Geburt ist damit auch eine soziale Rehabilitierung, ein Zeichen, das über das Persönliche hinausweist.
Die erste Begegnung zwischen Johannes und Jesus findet statt, bevor beide geboren sind. Als Maria, bereits mit Jesus schwanger, Elisabeth besucht, bewegt sich das Kind im Mutterleib. Lukas beschreibt diesen Moment ohne mystische Aufladung, aber mit präziser Absicht: Was später als Verkündigung, Zeugnis und Taufe öffentlich wird, beginnt hier in einem vorsprachlichen Erkennen, das jede theologische Kategorie unterläuft.
Prophet, Asket, Zeuge
Die Evangelien zeichnen Johannes mit scharfen Konturen: Kamelhaargewand, Ledergürtel, Heuschrecken und wilder Honig als Nahrung. Das ist kein ethnographisches Detail, sondern Programm. Die ersten Erzähler der Täufergeschichte sahen darin eine bewusste Anlehnung an den Propheten Elia: denselben rauen Prophetenmantel, dieselbe Wüstenerfahrung, dieselbe kompromisslose Sprache gegenüber den Herrschenden. Jesus Christus selbst benennt diese Verbindung ausdrücklich: „Wenn ihr es annehmen wollt: Dieser ist Elia, der kommen soll“ (Mt 11,14). Die Gestalt des letzten vorchristlichen Propheten wird damit in Johannes gleichsam nochmals verkörpert, bevor die prophetische Sendung in eine neue Form übergeht.
Sein öffentliches Auftreten am Jordan ist das erste Auftreten eines Propheten in Israel seit Jahrhunderten. Lukas rahmt es mit sechs historischen Koordinaten ein: dem fünfzehnten Regierungsjahr des Tiberius, dem Statthalter Pontius Pilatus, den Tetrarchen Herodes, Philippus und Lysanias, den Hohepriestern Hannas und Kajaphas. Diese administrative Genauigkeit ist kein Zufall. Lukas will zeigen: Das ist kein zeitloser Mythos, das ist Geschichte, und diese Geschichte hat Zeugen, Orte und Daten. In diese datierbare Geschichte hinein ruft Johannes: „Kehrt um, denn das Himmelreich ist nahe“ (Mt 3,2). Matthäus verleiht dieser Aufforderung ein eigenes Gewicht, indem er sie dem Täufer und Jesus wortgleich in den Mund legt, ein erzählerisches Signal, dass beide theologisch an einem Strang ziehen.

Gemeinde von Aleksander Ivanov, Christus erscheint dem Volke.
Die Taufe, die Johannes am Jordan vollzieht, ist dabei nicht mit der christlichen Taufe zu verwechseln. Sie ist ein Buß- und Umkehrritual, ein symbolisches Untertauchen, das innere Reinigung und Neuausrichtung des Lebens bedeutet. Josephus Flavius, der jüdische Geschichtsschreiber des ersten Jahrhunderts, referiert in seinen Jüdischen Altertümern die Tauftätigkeit des Johannes mit dem Hinweis, die Seele müsse „durch ein gerechtes Leben schon vorher entsündigt“ sein, bevor die Wassertaufe ihre Bedeutung entfalten könne. Josephus schreibt für ein römisches Publikum und kleidet Johannes dabei in das Gewand eines Tugendlehrers, aber auch diese hellenisierte Fassung bestätigt: Die historische Wirksamkeit des Johannes war beträchtlich, sein Einfluss beim Volk unbestritten.
Die armenische Theologietradition hat Johannes mit einer Fülle von Bezeichnungen bedacht, die zusammen ein theologisches Portrait ergeben. Կարապետ — Wegbereiter, Vorausgehender. Ձայն — die Stimme, die dem Wort vorausgeht. Ճրագ — die Leuchte, die das Licht ankündigt, aber nicht selbst ist. Փեսավեր — der Freund des Bräutigams, der sich zurückzieht, wenn der Bräutigam erscheint. Diese letzte Metapher aus dem Johannesevangelium ist vielleicht die ehrlichste Selbstbeschreibung: „Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen“ (Joh 3,30). Schon Anania von Sanahin hat in einem Sharakan auf dieses Bild zurückgegriffen, wenn er Johannes mit dem Morgenstern vergleicht, der dem Aufgang der Sonne vorausgeht und im Licht derselben verblasst.
Der Konflikt, der ihn das Leben kostete
Um zu verstehen, warum Johannes verhaftet wurde, muss man die Familiengeschichte der Herodianer kennen. Herodes Antipas, Tetrarch von Galiläa und Peräa, hatte die Frau seines Halbbruders geheiratet. Diese Frau, Herodias, war zugleich seine eigene Nichte. Eine dreifache Verletzung des Gesetzes: die Ehe mit der Frau des Bruders, Blutsverwandtschaft, eine neue Verbindung ohne ordentliche Scheidung von der vorherigen Ehefrau, der Tochter des nabatäischen Königs Aretas IV. Johannes benennt das öffentlich. Markus und Matthäus überliefern seine Kritik als direkte Anrede: „Es ist dir nicht erlaubt, die Frau deines Bruders zu haben.“ Für Herodias ist das eine persönliche Kränkung, für Antipas eine politische Unannehmlichkeit, die zunehmend zur Belastung wird.
Josephus Flavius nennt in seiner Jüdischen Altertumskunde noch einen weiteren Grund für die Verhaftung. Er berichtet, Antipas habe die gesellschaftliche Sprengkraft von Johannes‘ Predigt und seinen wachsenden Einfluss beim Volk als politische Bedrohung betrachtet. Die Evangelien kennen dieses Motiv implizit, aber Josephus benennt es offen: Ein Mann, dem das Volk vertraut und der öffentlich die Legitimität des Herrschers in Frage stellt, ist in jedem politischen System eine gefährliche Größe.
Den Ort der Haft verschweigen die Evangelien. Josephus nennt ihn: die Festung Machärus, eine Grenzfestung in der judäischen Wüste östlich des Toten Meeres, heute jordanisches Territorium. Neuere archäologische Untersuchungen haben dort Reste eines Speisesaals freigelegt, der als Schauplatz jenes Geburtstagsdinners in Frage kommt, das zum Tod des Täufers führte.
Das Fest, der Tanz, das Tablett
Das Ende kommt durch eine Feier. Herodes begeht seinen Geburtstag mit Würdenträgern, Hauptleuten und den führenden Männern Galiläas. Die Tochter der Herodias tanzt, und Antipas ist so betört, dass er ihr mit einem Schwur verspricht, ihr zu geben, was immer sie verlange, bis zur Hälfte seines Reiches. Was folgt, ist einer der kältesten Momente des Neuen Testaments. Salome, so nennt Josephus sie, ihr Name fehlt in den Evangelien, fragt ihre Mutter, was sie verlangen solle. Die Antwort kommt ohne Zögern: den Kopf des Johannes, auf einem Tablett.
Markus schildert die Reaktion des Antipas mit einer psychologischen Genauigkeit, die aus keinem theologischen Interesse herrührt: „Der König aber war sehr betrübt; doch wollte er sie nicht abweisen wegen des Eides und wegen der Gäste“ (Mk 6,26). Ein Mann, der privat zweifelt, aber öffentlich nicht nachgeben kann. Ein politischer Reflex, der zum Mord wird. Antipas hatte keine rechtliche Grundlage für diese Hinrichtung. Er vollzog sie ohne Gerichtsverfahren, aus verletztem Stolz und einer Mischung aus Schwäche und Trotz. Das Volk, so berichtet Josephus, sah die spätere militärische Niederlage des Antipas gegen den Nabatäerkönig Aretas als göttliche Strafe für diesen Mord.
Das Haupt des Täufers in der armenischen Überlieferung
Die armenische Kirche pflegt eine eigene Reliquientradition zu Johannes. Der Geschichtsschreiber Agathangelos berichtet, der heilige Gregor der Erleuchter habe Reliquien des Täufers nach Armenien gebracht und dort eine Kirche errichtet. Eine noch konkretere Überlieferung findet sich bei Movses Kagankatvatsi: Das Haupt des Täufers gelangte nach vielen Irrwegen in den Besitz des Fürsten Jalal Dola von Artsach, der es nach Gandzak brachte und 1211 eine Kathedrale errichtete. Diese Kirche, die Kathedrale von Gandzasar, dem heiligen Johannes geweiht, steht noch heute in Berg Karabach, eines der bedeutendsten Bauwerke armenischer Kirchenarchitektur des Mittelalters und zugleich ein Ort, an dem Geschichte, Reliquie und nationales Gedächtnis auf eine Weise ineinandergreifen, die für die armenische Frömmigkeitskultur charakteristisch ist.
Warum dieser Heilige heute noch Gewicht hat
Der Bibelwissenschaftler Christfried Böttrich hat Johannes als „Grenzwächter der Äonen“ bezeichnet: Er gehört noch der alten Zeit an, hat aber schon an der neuen teil. „Keiner ist größer unter den von Frauen Geborenen als Johannes, aber der Kleinste in der Gottesherrschaft ist größer als er“ (Lk 7,28). Größer als alle Propheten vor ihm, kleiner als der Geringste im Reich Gottes. Diese Spannung ist nicht aufzulösen, und das ist ihr theologisches Gewicht.
Das Johannesevangelium lässt den Täufer selbst alle messianischen Erwartungen an seine Person zurückweisen: nicht der Messias, nicht der Elia redivivus, nicht der erwartete Prophet. Was bleibt, ist allein die Rolle des Zeugen, der auf das Licht hinweist, ohne das Licht zu sein. In einer Zeit, in der religiöse Öffentlichkeitsrollen vielfach mit Selbstinszenierung verwechselt werden, ist das keine kleine Aussage. Johannes hat sein Amt nicht durch Charisma definiert, sondern durch Zeugnis. Er hat nicht auf sich gezeigt, sondern auf einen anderen.
Die Armenische Kirche gedenkt am ersten Samstag nach dem Hl. Fest der Auferstehung Christi eines Mannes, der nicht geschwiegen hat, weil er eine Wahrheit kannte, die größer war als sein Leben. Sein Gedenktag ist kein historisches Kuriosum. Er ist eine Erinnerung daran, dass prophetisches Sprechen immer einen Preis hat und dass dieser Preis manchmal ein Kopf auf einem Tablett ist.
Wer war Johannes der Täufer? In diesem Video erfährst du alles Wichtige über eine der bekanntesten Persönlichkeiten der Bibel: Johannes der Täufer. Wir erklären dir leicht verständlich, wer Johannes der Täufer war, welche Rolle er im Neuen Testament spielt und warum er bis heute eine bedeutende Figur im christlichen Glauben ist (Erzbistum Paderborn).
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