Das Fest des ungeschaffenen Lichtes
Vierzehn Wochen nach Ostern feiert die Armenische Apostolische Kirche eines ihrer fünf Hochfeste: Vardavar, die Verklärung des Herrn. Drei Evangelisten berichten das Geschehen. Jesus nimmt Petrus, Jakobus und Johannes mit sich auf einen hohen Berg, und dort, während er betet, geschieht das Unerhörte: „Sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, seine Kleider aber wurden weiß wie das Licht“ (Mt 17,2). Mose und Elija erscheinen und reden mit ihm, eine lichte Wolke überschattet die Jünger, und aus der Wolke spricht die Stimme des Vaters: „Dies ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe; auf ihn sollt ihr hören.“
Warum die Rose?
Unsere Kirche hat diesem Fest einen Namen gegeben, den keine andere christliche Tradition kennt: Vardavar, das Fest der Rose. Die alten Lehrer unserer Kirche haben diesen Namen theologisch gedeutet, und ihre Deutung gehört zum Schönsten, was die armenische Überlieferung hervorgebracht hat.
Solange die Rose Knospe ist, verbirgt sie ihre Schönheit und ihren Duft. Niemand, der die geschlossene Knospe sieht, ahnt, was in ihr wartet. Wenn aber ihre Zeit erfüllt ist, öffnet sie sich und erfreut die Menschen mit Farbe und Wohlgeruch. So trug der Herr während seines irdischen Lebens den Glanz seiner Gottheit verborgen in sich, verhüllt vom Schleier des Fleisches wie die Rose von ihrer Knospe. Die Jünger sahen ihn essen und trinken, müde werden und schlafen. Sie kannten ihn als den Sohn Marias und wussten nicht, wer in ihrer Mitte ging. Auf dem Tabor öffnet sich die Knospe: Die verborgene Herrlichkeit tritt hervor, nicht als etwas Neues, sondern als das, was immer schon da war.
Die Väter gingen noch weiter. Die Rose wächst unter Dornen, so wie der Herr inmitten von Menschen erschien, die ihn kreuzigen würden. Und die Rose hat drei Eigenschaften: das Rot, das Weiß und den Duft. Das Rot deutet auf das Blut, das am Kreuz vergossen wurde, das Weiß auf die makellose Unschuld des Herrn, der Duft auf den Heiligen Geist, den der Auferstandene den Aposteln einhauchte. Im Hohelied heißt es: „Mein Geliebter ist weiß und rot, auserwählt unter Zehntausenden“ (Hld 5,10). So trägt schon der Name des Festes das ganze Geheimnis Christi in sich: Verklärung, Kreuz und Geistsendung in einem einzigen Bild.
Kein neues Licht, sondern geöffnete Augen
Was geschah auf dem Tabor? Die Theologie des christlichen Ostens gibt eine Antwort, die auf den ersten Blick überrascht: Nicht Christus hat sich verändert, sondern die Jünger. Der Herr nahm auf dem Berg nichts an, was er vorher nicht besaß. Das Licht, das aus ihm hervorbrach, war ihm nicht geliehen, es kam nicht von außen über ihn wie einst der Glanz auf dem Angesicht des Mose, der nur die Oberfläche berührte und wieder verblasste. Der heilige Ephräm der Syrer sagt es unübertrefflich: Aus seinem ganzen Leib quoll die Herrlichkeit seiner Gottheit hervor, und die Jünger erblickten zwei Sonnen, eine am Himmel, wie gewöhnlich, und eine, die ihnen allein schien: sein Angesicht. Und doch zeigte er nicht das ganze unergründliche Meer seiner Herrlichkeit, sondern nur so viel, wie ihre Augen zu fassen vermochten.
Das ist der entscheidende Punkt. Verklärt wurden auf dem Tabor die Augen der Apostel. Ihnen wurde für einen Augenblick geschenkt, zu sehen, was immer wahr ist: dass in dem Menschen Jesus die Fülle der Gottheit leibhaftig wohnt. Die spätere Theologie hat dieses Licht das Taborlicht genannt, das ungeschaffene Licht. Der orthodoxe heilige Gregor Palamas hat im vierzehnten Jahrhundert gelehrt und die Kirche mit ihm: Dieses Licht ist keine Kreatur und kein Symbol, sondern Gott selbst in seiner Zuwendung zur Welt, seine ewige Herrlichkeit, die dem Menschen wirklich mitgeteilt werden kann, ohne dass das unzugängliche Wesen Gottes je begriffen würde. Gott bleibt der ganz Unfassbare, und zugleich gibt er sich ganz. Das ist keine Spitzfindigkeit der Gelehrten. Es ist die Grundlage unserer Hoffnung: Der Mensch ist geschaffen, um dieses Licht zu schauen und von ihm durchdrungen zu werden. Die Verklärung Christi ist die Vorwegnahme dessen, wozu jeder Getaufte berufen ist.
Warum der Berg?
Warum vor dem Leiden?
Hl. Ephräm der Syrer fragt in seiner großen Predigt immer wieder: Warum führte er sie auf den Berg? Und er antwortet: um ihnen zu zeigen, wer der Sohn ist und wessen Sohn er ist. Die Leute hielten Jesus für Elija, für Jeremia, für einen der Propheten. Auf dem Berg wird offenbar: Er ist nicht Elija, sondern der Gott des Elija. Nicht einer der Propheten, sondern der Herr der Propheten, der sie gesandt hat. Er gebot dem Himmel, und dieser ließ Elija herabkommen; er winkte der Erde, und sie gab Mose heraus. Der Herr der Lebenden und der Toten steht in der Mitte, und die beiden Bundeszeugen umgeben ihn wie Diener.
Und warum vor dem Leiden? Damit die Jünger, wenn sie ihn gefangen und gekreuzigt sähen, wüssten: Er stirbt nicht aus Schwäche, sondern aus freiem Willen, zum Heil der Welt. Die Herrlichkeit, die er nach der Auferstehung offenbaren würde, war kein Lohn für sein Leiden, als hätte er ihrer bedurft. Sie war von Ewigkeit her sein eigen, beim Vater, ehe die Welt war. Der Tabor steht vor Golgota, damit Golgota nicht als Niederlage missverstanden wird. Das Kreuz ist nicht der Zusammenbruch der Herrlichkeit, sondern ihre tiefste Offenbarung: die Herrlichkeit der Liebe, die sich verschenkt.
Petrus freilich versteht das noch nicht. „Herr, gut ist es für uns, hier zu sein. Lass uns drei Hütten bauen.“ Ephräm antwortet ihm im Namen des Herrn mit einer Kette von Fragen, die einem den Atem nimmt: Wenn wir hier bleiben, wer erfüllt dann die Worte der Propheten? Wer zerreißt die Schuldschrift Adams? Wie soll dann die Kirche gebaut werden? Petrus will die Gnade festhalten, den Augenblick verewigen, und muss lernen, dass es auf dem Berg keine Hütten gibt, weil der Weg des Herrn ins Tal führt, hinab zu den Menschen, hinab bis ans Kreuz. Wer die Herrlichkeit geschaut hat, wird nicht auf dem Berg angesiedelt, sondern gesandt.
Warum feiern wir das Fest nach Ostern?
Nach der Überlieferung ereignete sich die Verklärung wenige Wochen vor der Kreuzigung. Warum feiert unsere Kirche das Fest dann im Sommer, lange nach Ostern und Himmelfahrt? Die alten Lehrer antworten mit dem Wort des Herrn selbst: Er gebot den Jüngern, niemandem von der Erscheinung zu erzählen, „bis der Menschensohn von den Toten auferstanden ist“ (Mt 17,9). Das Geheimnis des Tabor kann erst vom leeren Grab her verkündet werden. Erst wer die Auferstehung kennt, versteht, was auf dem Berg geschah. So folgt die Ordnung unserer Feste der Ordnung der Offenbarung: Wir feiern die Verklärung im Licht von Ostern und Pfingsten, als Fest der Kirche, die den Geist empfangen hat und nun mit geöffneten Augen auf ihren Herrn schaut.
Dass an Vardavar in Armenien seit alters Wasser ausgegossen wird, in den Dörfern wie in den Städten, unter Lachen und Spiel, ist mehr als ein Volksbrauch. Die Kirche hat ein altes Fest getauft und ihm einen neuen Sinn gegeben: Das Wasser erinnert an die Taufe, in der jedem von uns geschenkt wurde, was die Apostel auf dem Berg schauten, das Leben im Licht Christi.
Das Fest unserer Berufung
Die Verklärung ist kein Fest der Vergangenheit. Was auf dem Tabor aufleuchtete, ist die Zukunft des Menschen. „Dann werden die Gerechten leuchten wie die Sonne im Reich ihres Vaters“ (Mt 13,43). Das Reich Gottes, sagen die Väter, ist dort, wo die Gottheit sichtbar wird. Auf dem Tabor war es für einen Augenblick da, in der heiligen Liturgie ist es unter den Schleiern von Brot und Wein gegenwärtig, und am Ende der Zeiten wird es alles in allem sein.
Bis dahin gilt uns das eine Wort, das der Vater aus der Wolke sprach und das keine Deutung braucht: „Dies ist mein geliebter Sohn. Auf ihn sollt ihr hören.“
Gesegnetes Vardavar! Շնորհավոր Վարդավառ։
Pfr. Diradur Sardaryan


