Woran wir wurzeln
Predigt zum 4. Sonntag nach dem Heiligen Kreuz, 4. Oktober 2026
Pfarrer Dr. Diradur Sardaryan
Lesungen und Festtag
Heute ist der 4. Sonntag nach dem Fest des Heiligen Kreuzes (Դ կիրակի զկնի Ս. Խաչի). Die Kreuzerhöhung (Խաչվերաց) gehört zu den fünf Hauptfesten der Armenischen Apostolischen Kirche und wird am Sonntag zwischen dem 11. und 17. September gefeiert, in diesem Jahr am 13. September. Die folgenden Sonntage zählt die Kirche vom Heiligen Kreuz aus. Am vergangenen Sonntag, dem 27. September, wurde das Fest des Heiligen Kreuzes von Varag (Վարագայ Ս. Խաչ) gefeiert.
Die Lesungen des Tages
- Jesaja 17,7 bis 14 (Եսայու մարգարեությունը 17.7-14)
- 2. Korintherbrief 13,5 bis 13 (Պողոս առաքյալի Բ թուղթը կորնթացիներին 13.5-13)
- Evangelium nach Markus 11,27 bis 33 (Ավետարան ըստ Մարկոսի 11.27-33)
Zum Weiterlesen (in armenischer Sprache)
- Kirchenkalender der Armenischen Kirche 2026 (Տոնացույց 2026)
Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder, liebe Kinder,
heute hören wir drei Lesungen, und alle drei stellen uns dieselbe Frage: Worauf stehst du eigentlich? Woran bist du festgemacht?
Ich möchte euch heute drei kurze Sätze mitgeben. Sie sind so kurz, dass jeder sie behalten kann:
Prüfe deine Wurzel.Pflege deine Wurzel.Bring Frucht.
Prüfe deine Wurzel
Paulus schreibt an die Gemeinde in Korinth:
„Prüft euch selbst, ob ihr im Glauben steht. Erkennt ihr nicht an euch selbst, dass Jesus Christus in euch ist?“
Paulus schreibt das nicht an Fremde. Er schreibt an Getaufte. An Menschen, die gestritten haben, die ihn enttäuscht haben, die sich von lauten Stimmen beeindrucken ließen. Und trotzdem sagt er nicht: Ihr seid verloren. Er sagt: Schaut genau hin. Christus ist schon in euch.
Wenn wir das Wort „prüfen“ hören, denken wir an eine Klassenarbeit, an Angst, an eine Note. So meint Paulus es nicht. Er meint es so, wie ein Gärtner im Herbst nachschaut, ob die Wurzel eines Baumes noch gesund ist. Nicht um den Baum zu fällen. Sondern damit er im Frühling wieder blüht.
Christus ist in dir, nicht weil du so fromm bist, sondern weil er selbst zu dir gekommen ist. Am Tag deiner Taufe, als du mit dem heiligen Myron gesalbt wurdest, hat er in dir Wohnung genommen. Du musst ihn nicht erst herstellen. Du darfst ihn wiederfinden.
Woran merkt man das? Nicht daran, dass man auf jede Frage eine Antwort hat. Man merkt es an kleinen Dingen. Ob ich vergeben kann, auch wenn es wehtut. Ob ich die Wahrheit sage, auch wenn sie unbequem ist. Ob ich am Abend weiß, zu wem ich gehöre. Paulus sagt: Wir vermögen nichts gegen die Wahrheit, sondern nur für die Wahrheit. Und wir Christen wissen: Diese Wahrheit hat ein Gesicht. Es ist das Gesicht Jesu Christi.
Pflege deine Wurzel
Der Prophet Jesaja spricht von einem Volk, das den Gott seines Heils vergessen hat. Er gebraucht dafür ein Bild aus dem Garten: Ihr legt euch schöne Pflanzungen an, ihr setzt fremde Reben. Schon am Morgen blühen sie, so schnell wachsen sie. Aber wenn die schwere Zeit kommt, wenn Krankheit und Schmerz kommen, dann ist keine Ernte da.
Ist das nicht auch ein Bild unserer Zeit? Wir leben als armenische Christen in Deutschland mitten in sehr vielen Stimmen. Die eine sagt: Glaub, was dir guttut. Die nächste sagt: Die alte Kirche braucht man nicht mehr. Wieder eine andere: Hauptsache Jesus im Herzen, alles andere ist Nebensache. Vieles davon wächst schnell und sieht frisch aus. Jesaja kennt dieses Rauschen: Die Völker brausen wie das Meer. Am Abend ist Schrecken, und ehe es Morgen wird, sind sie nicht mehr da.
Ich will damit niemanden verurteilen, der anders glaubt. Auch wir selbst setzen oft fremde Pflanzen. Wenn wir lieber dem Bildschirm glauben als dem Gebet. Wenn uns die Stimmung wichtiger ist als die Treue.
Aber ich will euch an etwas erinnern, das wir haben und das kostbar ist. Unsere Kirche betet seit fast zweitausend Jahren. Sie hat gefastet und gefeiert, sie hat das Kreuz erhoben, sie hat die Schrift gelesen in der Gemeinschaft der Apostel und der Heiligen. Unsere Großeltern und Urgroßeltern sind mit diesem Glauben durch Verfolgung, Völkermord und Fremde gegangen. Sie haben vieles verloren, aber nicht, wer sie sind. Das ist keine Meinung unter vielen. Das ist eine Wurzel. Wer sie leichtfertig abschneidet, weil der Wind gerade aus einer anderen Richtung weht, steht beim nächsten Sturm ohne Halt da.
Darum: Lerne deinen Glauben kennen. Nicht irgendwann. Jetzt.
Stellt euch ein Kind vor, das in der Schule gefragt wird: „Warum machst du ein Kreuzzeichen? Warum zündet ihr in der Kirche Kerzen an?“ Und stellt euch vor, dieses Kind kann antworten. Nicht perfekt, aber mit eigenen Worten. Dieses Kind wird nicht unsicher. Es wird stark.
So ist es mit uns allen. Wer den Badarak nicht nur mitsingt, sondern versteht, warum wir so beten, wird stark. Wer die Heiligen nicht als ferne Bilder sieht, sondern als Menschen, die denselben Christus in sich getragen haben, ebenso. Ein solcher Mensch wird nicht enger, sondern freier. Er muss nicht jede neue Stimme fürchten.
Bring Frucht
Im Evangelium kommen die Oberen zu Jesus und fragen: Mit welcher Vollmacht tust du das? Jesus fragt zurück: Die Taufe des Johannes, war sie vom Himmel oder von Menschen? Sie beraten sich und sagen dann: Wir wissen es nicht.
Wahrscheinlich wussten sie es. Aber jede Antwort hätte sie festgelegt. Also ließen sie die Frage offen und blieben am Rand stehen.
Diese Versuchung kennen wir alle. Man glaubt ein bisschen, aber man legt sich nicht fest. Man ist dabei, aber als Zuschauer.
Christus sucht keine Zuschauer. Er sucht Mitstreiter. Nicht Menschen, die gegen andere kämpfen, sondern Menschen, die für die Wahrheit stehen. In der Familie, in der Schule, bei der Arbeit, in einer Stadt, in der viele nicht mehr wissen, warum man überhaupt betet. Paulus schreibt: Wir freuen uns, wenn wir schwach sind und ihr stark seid. Ein guter Hirte freut sich nicht, wenn man ihn bewundert. Er freut sich, wenn die Herde selbst stark wird.
Und die Frage Jesu gilt auch uns: Deine Taufe, ist sie vom Himmel oder von Menschen? Sie ist vom Himmel. Darum hat das, was in dir wohnt, Kraft. Diese Kraft ist nicht laut. Sie baut auf und reißt nicht nieder. Aber sie trägt.
Eine kleine Aufgabe für diese Woche
Der heilige Nerses Schnorhali hat im zwölften Jahrhundert ein Gebet geschrieben, das unsere Kirche bis heute betet: „Հաւատով խոստովանիմ“, „Mit Glauben bekenne ich“. Es sind vierundzwanzig kurze Strophen, eine für jede Stunde des Tages.
Nehmt euch in dieser Woche jeden Tag eine Strophe vor. Lest sie langsam, allein oder mit euren Kindern, auf Armenisch oder auf Deutsch. Und fragt euch dabei: Was sagt mir dieses Gebet über den Christus, der in mir wohnt?
Mehr nicht. Ein Kind kann das. Ein Achtzigjähriger kann es neu entdecken. Den ganzen Text des Gebets findet ihr auf Deutsch, auf Armenisch und in vielen weiteren Sprachen hier: „Ich bekenne mit dem Glauben“ von Nerses Schnorhali.
Prüfe deine Wurzel: Christus ist in dir.Pflege deine Wurzel: Lerne deinen Glauben kennen.Bring Frucht: Steh für die Wahrheit.
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

