Erziehung ist Herzenssache

Ein Gespräch zwischen AGBW und Pfarrer Dr. Diradur Sardaryan über moderne christliche Kindererziehung

Die Armenische Gemeinde Baden-Württemberg (AGBW) hat Pfarrer Dr. Diradur Sardaryan gebeten, über ein Thema zu sprechen, das viele Familien beschäftigt und das in der armenischen Tradition tief verwurzelt ist: die Erziehung der Kinder im Glauben. Das Gespräch führte die Redaktion der AGBW.


AGBW: Herr Pfarrer Dr. Sardaryan, wer heute mit Eltern spricht, begegnet einer eigentümlichen Mischung: viel pädagogisches Wissen, viele Ratgeber und zugleich eine tiefe Verunsicherung. Was fehlt?

Sardaryan: Das Fundament. Wir haben im letzten halben Jahrhundert eine Fülle von Erziehungskonzepten produziert: bindungsorientiert, bedürfniszentriert, entwicklungspsychologisch ausgefeilt. Vieles davon ist wertvoll. Aber all diese Konzepte setzen eine Anthropologie voraus, die sie selbst nicht mitliefern. Sie beantworten die Frage, wie man ein Kind begleitet, aber nicht unbedingt die Frage, wozu. Wozu erziehe ich? Was soll aus diesem Menschen werden? Welche innere Ausrichtung soll er mitbekommen?

Genau an diesem Punkt setzt die christliche Tradition an. Johannes Chrysostomos hat bereits im 4. Jahrhundert ein kleines Traktat geschrieben, das er Über Hoffart und Kindererziehung nannte. Die Verbindung dieser beiden Themen klingt zunächst merkwürdig. Aber sie ist präzise: Die tiefste Ursache verfehlter Erziehung ist für Chrysostomos die Hoffart, also das Schielen auf Außenwirkung, auf Status, auf Erfolg. Eltern, die ihr Kind mit Gold und Schmuck behängen, Kinder in Rhetorik und Karriere ausbilden, aber ihre Seele vernachlässigen, das ist für ihn eine Form von Hoffart, die sich an der eigenen Nachkommenschaft vollzieht. Das trifft uns heute noch.


AGBW: Chrysostomos ist einer der größten Kirchenvater der Ostkirche. Wie lebendig ist er für Sie in der Praxis der Gemeindearbeit?

Sardaryan: Sehr lebendig, auch wenn er es einem nicht immer leicht macht. Er ist streng, manchmal erschreckend direkt. Er sagt den Eltern seiner Zeit ins Gesicht: Ihr sorgt mehr für eure Pferde als für die Seelen eurer Kinder. Das ist natürlich überspitzt, aber es trifft einen realen Zug. Wir investieren enorme Energie in Nachhilfestunden, Sportvereine, Musikunterricht, Sprachkurse. Und die Frage, ob das Kind weiß, wie man Unrecht erträgt, wie man verzeiht, wie man betet, diese Frage stellen wir oft zuletzt, wenn überhaupt.

Was mich an Chrysostomos besonders fasziniert, ist sein Bild von der Kindseele als Stadt. Er schreibt: Stell dir vor, du bist ein König, und dir ist eine Stadt anvertraut, das ist die Seele deines Sohnes. Diese Stadt hat Tore: die Zunge, das Gehör, die Augen, die Sinne. Durch diese Tore kommen die Eindrücke herein, die Gedanken, die Bilder, die Sprache. Erziehung bedeutet, diese Tore zu hüten, und zwar nicht im Sinne von Abschottung, sondern von Bewusstheit. Was lassen wir herein?

Das ist ein zutiefst modernes Bild, wenn man es auf den Medienkonsum von Kindern anwendet. Die Frage ist nicht: Darf mein Kind überhaupt Bildschirme sehen? Die Frage ist: Welche Geschichten, welche Stimmen, welche Bilder prägen die innere Stadt meines Kindes?


AGBW: Und welche Antworten gibt die christliche Tradition darauf?

Sardaryan: Zunächst eine anthropologische. Das Kind ist nicht das unbeschriebene Blatt, das der Erziehungsoptimismus des 18. Jahrhunderts entwarf. Es trägt von Anfang an eine innere Neigung in sich, sowohl zum Guten als auch zu dem, was die orthodoxe Tradition Leidenschaften nennt. Chrysostomos spricht von Begierde, Jähzorn, Unverstand als Kräften, die der Erziehung bedürfen. Don Bosco, einer der größten Kinder- und Jugenderzieher der katholischen Tradition, kommt zur gleichen Erkenntnis: Der Mensch braucht Führung, aber nicht durch Zwang und Angst, sondern durch Vernunft, Religion und Liebe.

Diese drei Säulen Don Boscos – ragione (Vernunft), religione (Religion), amorevolezza (Liebenswürdigkeit) – sind theologisch präziser, als sie auf den ersten Blick aussehen. Vernunft bedeutet bei ihm nicht bloß kognitive Erklärung, sondern das Vertrauen darauf, dass der junge Mensch einsehen kann, was gut und richtig ist, wenn man es ihm einleuchtend macht. Religion ist kein Pflichtritual, sondern die Überzeugung, dass jeder Mensch eine persönliche Gottesbeziehung hat, die es zu entfalten gilt. Und Liebenswürdigkeit, amorevolezza, ist etwas anderes als bloße Warmherzigkeit. Es ist die entschiedene Zugewandtheit, die nicht nachlässt, auch wenn das Kind sich widersetzt.


AGBW: Religiöse Erziehung im Alltag. Viele Eltern empfinden das als Überforderung. Man fühlt sich theologisch nicht kompetent genug, unsicher, manchmal auch selbst im Glauben nicht gefestigt. Wie würden Sie diesen Eltern begegnen?

Sardaryan: Mit einer Frage zurück: Was glauben Sie, wie die ersten Christen ihre Kinder erzogen haben? Die meisten von ihnen hatten keine theologische Ausbildung. Sie hatten Geschichten. Sie hatten Gesten. Sie hatten Rituale. Sie hatten eine Atmosphäre im Haus.

Religiöse Erziehung ist kein akademisches Projekt. Sie entfaltet sich im Alltag, oft in unscheinbaren Momenten: beim Abendessen, unterwegs, wenn das Kind eine Frage stellt, die einen selbst überrascht. Chrysostomos gibt seinen Lesern konkrete Anweisungen: Erzähl deinem Sohn am Abend, beim Abendbrot, die Geschichte von Kain und Abel. Nicht als moralische Lektion, sondern als lebendige Geschichte, die er selbst versteht und weitererzählen kann. Dann nimm ihn mit in die Kirche, wenn diese Geschichte vorgelesen wird. Er wird aufleuchten, weil er etwas weiß, was die anderen nicht wissen. Dieses Gefühl ist pädagogisches Gold.

In dieser Bewegung steckt ein großes Prinzip: Glauben überträgt sich nicht durch Unterweisung allein, sondern durch Teilhabe. Das Kind lernt nicht, was ich ihm erkläre. Es lernt, was ich lebe.



AGBW: Das klingt nach dem alten Satz: Kinder brauchen keine perfekten Eltern, sondern echte.

Sardaryan: Genau. Chrysostomos sagt es mit einer gewissen Rauheit: Wenn der Vater selbst jähzornig ist, wird er dem Sohn keine Gelassenheit beibringen können, egal was er sagt. Er formuliert es so: Der Vater wird um vieles besser sein, wenn er diese Lehren erteilt und sich dabei selbst erzieht. Das ist kein pädagogischer Trick, sondern eine spirituelle Grundwahrheit: Erziehung formt zuallererst den Erziehenden.

Ein Grundmerkmal weiser elterlicher Liebe ist, dass sie nicht aus einem unreinen, leidenschaftsverhafteten Herzen kommen kann, sondern selbst der Läuterung bedarf. Das ist eine Einladung an die Eltern. Wer sein Kind erziehen will, muss an sich selbst arbeiten. Beide wachsen.


AGBW: Im armenischen Kontext kommt noch eine zusätzliche Dimension hinzu: die Weitergabe einer Identität, die zugleich religiös, kulturell und sprachlich ist. Wie verhält sich das zur allgemeinen christlichen Pädagogik?

Sardaryan: Es ist ein reicher, manchmal auch anspruchsvoller Rahmen. Armenisch zu sein bedeutet, eine traumatische Geschichte zu tragen, aber auch eine außerordentliche geistliche Überlieferung. Hl. Gregor der Erleuchter, Hl. Mesrop Maschtoz, Hl. Nerses Schnorhali, Komitas – das sind nicht bloß historische Figuren. Das sind Menschen, die den Glauben unter extremen Bedingungen weitergegeben haben. Unsere Kinder wachsen in einer Diaspora auf, die von Verlust geprägt ist. Ihnen zu sagen: Ihr seid Teil dieser langen Kette, das ist mehr als Identitätspflege. Das ist geistliche Verankerung.

Chrysostomos gibt einen Hinweis, der mich in diesem Zusammenhang immer wieder beschäftigt: Er empfiehlt, Kindern nicht einfach die Namen der Vorfahren zu geben, sondern die Namen der Heiligen und Gerechten. Leider bekommen heute die Kinder ihre Namen oft, weil sie schön klingen und weil in dem Land, in dem man lebt, sie besser ausgesprochen werden können. Doch der Name soll ein Vorbild sein, eine lebendige Verbindung zu einer Gestalt, an der man sich orientieren kann. In armenischen Familien ist das oft noch lebendig, man nennt Kinder nach Heiligen, nach Vorbildern, doch wir sehen, dass diese Tradition allmählich verloren geht. Das ist mehr als Tradition. Es ist ein stiller pädagogischer Akt: Du bist nach jemandem benannt, der für etwas gestanden hat. Leb danach.


AGBW: Kommen wir zu einem Aspekt, der in den vergangenen Jahren viel diskutiert wird: die bedingungslose Liebe, unconditional love. Wie verhält sich diese Idee zur christlichen Erziehungstradition?

Sardaryan: Sie ist in der christlichen Tradition tief verwurzelt, aber theologisch präziser, als die populärpsychologische Version es suggeriert. Das Gleichnis vom verlorenen Sohn ist ihr klarster Ausdruck: Der Vater läuft dem Sohn entgegen, noch bevor dieser seinen Bußakt vollenden kann. Das ist grenzenlose Liebe ohne Vorbedingung.

Aber – und das ist entscheidend – diese Liebe ist nicht gleichgültig. Der Vater hat den Sohn ziehen lassen. Er hat ihn nicht eingesperrt. Er hat gewartet. Und er feiert die Rückkehr, Das bedeutet, dass er die Rückkehr als Abkehr wahrgenommen hat. Bedingungslose Liebe bedeutet nicht, dass alles gleich gilt. Sie bedeutet, dass das Band nicht zerreißt, egal was geschieht.

Chrysostomos hat eine sehr nüchterne Passage über Eltern, die ihre Kinder nicht strafen wollen, weil sie sie schonen möchten. Er nennt das eine Art Gleichgültigkeit, die sich als Liebe verkleidet. Wer seinen Sohn nicht zurechtweist, wenn er Unrecht tut, schützt nicht die Seele des Kindes, sondern schützt sein eigenes Wohlbefinden. Das ist das Gegenteil von Liebe. Echte Liebe erträgt den Widerstand, den eine klare Haltung erzeugt. Grenzen setzen gehört zur Liebe.


AGBW: Das klingt nach einer anspruchsvollen Balance zwischen Strenge und Zuneigung.

Sardaryan: Don Bosco, aber auch viele Kirchenväter, haben diese Balance gelebt wie kaum ein anderer. Sein Präventionssystem ist oft missverstanden worden als bloße Nachsichtigkeit. Das war es nicht. Er war sehr klar in seinen Erwartungen. Aber er begründete diese Erwartungen nicht durch Angst, sondern durch Beziehung. Der Erzieher muss geliebt werden, bevor er gehört wird. Das ist das Prinzip der amorevolezza: Nicht zuerst Autorität zeigen, sondern zuerst Nähe zeigen.

Don Boscos Erziehungssystem stützt sich auf Vernunft, Religion und Liebe – und die Qualität der Beziehung zwischen dem Pädagogen und dem Jugendlichen steht dabei im Mittelpunkt. Daraus können wir auch als armenische Christen lernen. Denn das ist kein sentimentales Programm. Es erfordert tatsächlich etwas vom Erzieher: Geduld, Selbstbeherrschung, die Fähigkeit, auch dann zuzuhören, wenn man lieber sprechen würde.

Chrysostomos sagt das so: Schwinge den Riemen – aber lass ihn nicht niedersausen. Übersetzt in die heutige Sprache heißt es: Autorität muss erlebbar sein, aber nicht eskalieren. Setze klare Grenzen, aber verletze nicht. Sei konsequent, aber nicht gewalttätig. Das Kind braucht die Gewissheit von Konsequenz, nicht die Erfahrung von Gewalt. Gleichzeitig soll das Kind die Erfahrung machen, dass die Eltern sich beherrschen können, dass sie aber auch barmherzig sind und verzeihen können. Das formt.


AGBW: Eine letzte Frage: Was würden Sie Eltern heute, christlichen Eltern in einer säkularen Gesellschaft, konkret mitgeben wollen?

Sardaryan: Drei Dinge.

Erstens: Unterschätzen Sie die Macht des Kleinen nicht. Rituale, die täglich wiederholt werden, graben sich tiefer ein als große Festveranstaltungen. Das Abendgebet. Das Tischgebet. Das Gespräch über den Tag. Das sind keine frommen Accessoires, das ist Balsam für die Seele des Kindes.

Zweitens: Erzählen Sie Bibelgeschichten. Das christliche Erbe ist ein Erbe der Geschichten. Die Bibel ist kein Regelwerk, sondern ein Erzählraum. Bringen Sie Ihren Kindern die Geschichten bei, die Ihnen selbst etwas bedeuten. Begeistern Sie ihre Kinder. Kinder spüren den Unterschied.

Und drittens: Hören Sie auf, Glauben verteidigen zu wollen, und fangen Sie an, ihn zu leben. Kinder sind ausgezeichnete Beobachter. Sie merken sehr schnell, ob das, was die Eltern sagen, auch das ist, woran die Eltern hängen. Religiöse Erziehung ist ein dialogischer Prozess und Eltern selbst können in diesen Gesprächen religiös wachsen. Das ist ehrlich. Und Ehrlichkeit ist die Grundlage von allem.


AGBW: Herr Pfarrer Dr. Sardaryan, herzlichen Dank für dieses Gespräch.

Sardaryan: Ich danke Ihnen.


Pfarrer Dr. Diradur Sardaryan ist Pfarrer der Armenischen Gemeinde Baden-Württemberg e.V. (AGBW) und Dozent an der katholischen Fachschule für Jugend- und Heimerzieher Hildegard Burjan in Stuttgart.