Wenn Gerichte über Bischöfe urteilen
Zur Lage der Armenischen Apostolischen Kirche und den Grenzen staatlicher Macht
Von Pfr. Dr. Diradur Sardaryan
Wer die Geschichte der Kirchen in Osteuropa und im Südkaukasus über Jahrzehnte beobachtet hat, weiß: Konflikte zwischen Kirche und Staat entstehen selten plötzlich. Sie wachsen langsam, oft unscheinbar, und werden erst dann gefährlich, wenn rechtliche Grenzen zu verschwimmen beginnen. Genau an diesem Punkt scheint Armenien derzeit angekommen zu sein.
Seit Ende 2025 mehren sich die Zeichen einer tiefen Spannung zwischen der armenischen Regierung und der Armenischen Apostolischen Kirche, der ältesten Institution des Landes und Trägerin einer jahrhundertealten geistlichen und kulturellen Tradition. Was zunächst wie ein politischer Schlagabtausch wirkte, hat sich inzwischen zu einer Auseinandersetzung entwickelt, die zentrale Fragen von Religionsfreiheit, Rechtsstaatlichkeit und demokratischer Kultur berührt.
Von der politischen Rhetorik zur Justiz
Neu an der aktuellen Situation ist weniger die Kritik einzelner Geistlicher an der Regierung oder umgekehrt. Kirchen haben sich immer wieder in gesellschaftliche Debatten eingebracht, auch unbequem. Neu ist vielmehr, dass innerkirchliche Leitungs- und Disziplinarfragen zunehmend den Weg vor staatliche Gerichte finden. Zivil- und strafrechtliche Verfahren gegen Bischöfe und Priester, einstweilige gerichtliche Anordnungen zu kirchlichen Personalentscheidungen und öffentliche politische Forderungen nach dem Rücktritt des Kirchenoberhauptes markieren eine qualitative Verschiebung.
Damit wird eine Linie überschritten, die in Europa nach den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts bewusst gezogen wurde: Der Staat wahrt Distanz zu inneren Angelegenheiten der Religionsgemeinschaften. Nicht bevormundend, sondern schützend. Die Trennung von Kirche und Staat ist kein Instrument zur Schwächung der Kirche, sondern eine Errungenschaft zur Sicherung ihrer Freiheit und zugleich der Freiheit des Staates.
PACE meldet sich zu Wort
Bemerkenswert ist, dass diese Entwicklung inzwischen auch auf europäischer Ebene wahrgenommen wird. In ihrem Monitoring-Bericht vom 26. Januar 2026 äußerte die Parlamentarische Versammlung des Europarates ausdrücklich Sorge über die zunehmenden Spannungen zwischen der Regierung unter Ministerpräsident Nikol Paschinjan und dem Oberhaupt der Armenischen Apostolischen Kirche. Zugleich benannte sie eine wachsende gesellschaftliche Polarisierung und eine Stigmatisierung politischer und gesellschaftlicher Akteure.
Diese Einschätzung verdient Aufmerksamkeit. Denn sie steht in einem gewissen Kontrast zu offiziellen Verlautbarungen aus Jerewan. So wies der armenische Außenminister Ararat Mirzoyan bei der PACE-Sitzung Berichte über Druck auf die Kirche pauschal als „Gerede“ zurück. Wer jedoch die jüngsten Gerichtsverfahren, öffentlichen Stellungnahmen und politischen Initiativen nüchtern betrachtet, wird sich fragen müssen, ob diese Zurückweisung der Realität tatsächlich gerecht wird.
Rechtlich heikler Boden
Rechtlich ist die Lage vergleichsweise klar. Die armenische Verfassung erkennt die besondere Rolle der Armenischen Apostolischen Kirche an und garantiert ihre Selbstverwaltung. Auch das Staatskirchenrecht von 2007 betont ausdrücklich die Autonomie der Kirche in ihren hierarchischen und inneren Angelegenheiten. Hinzu kommen die europäischen Standards: Artikel 9 der Europäischen Menschenrechtskonvention und die gefestigte Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte schützen die institutionelle Autonomie der Kirchen. Weltliche Gerichte sollen gerade nicht über Bischofsämter, kirchliche Disziplin oder geistliche Loyalitäten entscheiden.
Wenn Gerichte dennoch faktisch in diese Bereiche eingreifen, entsteht ein Präzedenzfall, nicht nur für Armenien. Denn die Armenische Apostolische Kirche ist keine rein nationale Kirche. Sie ist transnational organisiert, mit Diözesen und Gemeinden in Europa, Nordamerika und im Nahen Osten. Was in Jerewan rechtlich durchgesetzt wird, wirkt zwangsläufig bis nach Paris, Berlin oder Stuttgart.
Eine ökumenische Frage
Damit ist die Situation nicht nur eine innerarmenische Angelegenheit. Sie ist eine ökumenische und europäische Frage. Wenn staatliche Stellen beginnen, kirchliche Autonomie zu relativieren, betrifft das langfristig alle Kirchen. Geschichte und Gegenwart zeigen: Wo heute eine Kirche politisch oder juristisch unter Druck gerät, geraten morgen andere gesellschaftliche Institutionen ins Visier.
Das bedeutet nicht, dass Kirchen über Kritik erhaben wären. Auch die Armenische Apostolische Kirche steht, wie viele Kirchen weltweit, vor notwendigen Reformen. Doch Reformen, die aus dem Inneren der Kirche wachsen, unterscheiden sich grundlegend von Reformen, die politisch eingefordert, rechtlich erzwungen oder medial begleitet werden. Letztere beschädigen nicht nur die Kirche, sondern auch das Vertrauen in den Rechtsstaat.
Wachsamkeit statt Eskalation
Es ist nicht zu früh für Wachsamkeit. Der PACE-Bericht ist ein Signal, das ernst genommen werden sollte, auch in der Europäischen Union. Wissen um die Sensibilität der Lage, Zurückhaltung staatlicher Akteure und Respekt vor kirchlicher Selbstverwaltung sind jetzt entscheidend.
Für armenische Kirchengemeinden in der Diaspora, auch in Deutschland, ist diese Entwicklung mehr als eine Nachricht aus der Ferne. Sie berührt ihre eigene Freiheit. Gerade deshalb ist es wichtig, ruhig, sachlich und klar darüber zu sprechen, nicht um zu polarisieren, sondern um das zu schützen, was Europa nach bitteren Erfahrungen gelernt hat: Demokratie und Religionsfreiheit brauchen einander.

