Angst: Gefangen im Schatten der Furcht
Ein Beitrag zur Großen Fastenzeit 2025 – Teil 5
„Fürchte dich nicht!“ – Diese Worte durchziehen die Heilige Schrift wie ein roter Faden. Vom Alten Testament bis zur Offenbarung erklingt diese göttliche Zusage mehr als dreihundert Mal. Doch in unserer Zeit scheint die Angst allgegenwärtig zu sein. Sie schleicht durch die digitalen Nachrichtenströme, nistet in unseren persönlichen Sorgen und lähmt nicht selten unser geistliches Leben. Die Angst ist für viele zur täglichen Begleiterin geworden – eine stille, aber mächtige Kraft, die unsere Entscheidungen, Beziehungen und sogar unseren Glauben formt.
In unserer armenisch-orthodoxen Gemeinde begegnen wir ihr in vielen Gestalten: als Zukunftsangst bei jungen Familien, als Existenzangst bei Berufstätigen, als Verlustangst bei älteren Menschen, als kulturelle Identitätsangst in der Diaspora. Die aktuellen globalen Krisen – Pandemien, Kriege, Klimawandel – verstärken ein kollektives Gefühl der Unsicherheit. Dazu kommen die persönlichen Ängste, die oft unausgesprochen bleiben: Angst vor Krankheit, vor Einsamkeit, vor dem Versagen, vor dem Tod.
Die Große Fastenzeit lädt uns ein, uns diesen Ängsten zu stellen – nicht um in ihnen zu verharren, sondern um durch sie hindurchzugehen in ein tieferes Vertrauen. Wie können wir als Gläubige mit unseren Ängsten umgehen? Welche Weisheit bietet uns die armenisch-orthodoxe Tradition? Und wie kann die Fastenzeit zu einem Weg werden, der uns aus dem Schatten der Furcht ins Licht der Auferstehungshoffnung führt?
Die vielen Gesichter der Angst verstehen
Um der Angst zu begegnen, müssen wir sie zunächst verstehen. Die moderne Psychologie unterscheidet verschiedene Formen von Angst, die jeweils eigene Dynamiken aufweisen.
Die situative Angst entsteht als Reaktion auf konkrete Bedrohungen. Sie ist ein natürlicher Schutzmechanismus, der uns seit Urzeiten hilft, auf Gefahren angemessen zu reagieren. Diese Form der Angst ist vorübergehend und an spezifische Situationen gebunden. Sie kann sogar positive Auswirkungen haben, indem sie unsere Aufmerksamkeit schärft und Energien mobilisiert.
Die existenzielle Angst hingegen betrifft grundlegende Fragen unseres Daseins: die Angst vor dem Tod, vor der Bedeutungslosigkeit, vor der Verantwortung für das eigene Leben. Der Philosoph Søren Kierkegaard beschrieb sie als „Schwindel der Freiheit“ – das beunruhigende Bewusstsein der eigenen Endlichkeit und der Notwendigkeit, in einer ungewissen Welt Entscheidungen zu treffen.
Pathologische Angstformen wie Panikattacken, Phobien oder generalisierte Angststörungen gehen über die normale Angstreaktion hinaus. Sie zeichnen sich durch Intensität, Dauer und Beeinträchtigung der Lebensqualität aus. In Deutschland leiden etwa 15% der Menschen im Laufe ihres Lebens unter behandlungsbedürftigen Angststörungen.
Als armenisch-orthodoxe Christen erkennen wir zusätzlich eine geistliche Dimension der Angst. Die Kirchenväter sprechen von der „Akedia“ – einer Trägheit des Herzens, die oft mit Angst und Niedergeschlagenheit einhergeht. Der heilige Gregor von Narek beschreibt in seinem „Buch der Klagen“ eindringlich die innere Zerrissenheit und Gottesferne, die mit dieser Form der geistlichen Angst verbunden ist.
Diese verschiedenen Dimensionen der Angst – die körperliche, psychische, existenzielle und geistliche – sind oft miteinander verwoben und beeinflussen sich gegenseitig. Ein ganzheitlicher Umgang mit Angst muss daher alle diese Ebenen berücksichtigen.
Zeitgenössische Ursachen einer uralten Erfahrung
Obwohl Angst eine zeitlose menschliche Erfahrung ist, hat sie in der modernen Welt besondere Ausprägungen angenommen. Einige Faktoren tragen maßgeblich zur Verbreitung von Ängsten in unserer Gesellschaft bei:
Die Informationsflut der digitalen Medien konfrontiert uns ständig mit beunruhigenden Nachrichten aus aller Welt. Terroranschläge, Umweltkatastrophen oder wirtschaftliche Krisen erscheinen unmittelbar und bedrohlich, selbst wenn sie geografisch weit entfernt sind. Diese ständige Alarmbereitschaft überfordert unser Nervensystem, das evolutionär nicht für die Verarbeitung globaler Krisen ausgelegt ist.
Die Beschleunigung des Lebenstempos lässt vielen Menschen kaum Zeit für Ruhe und Verarbeitung. In einer Welt, die ständige Erreichbarkeit, Flexibilität und lebenslanges Lernen fordert, entsteht ein chronischer Stresszustand, der den Nährboden für Angststörungen bildet. Die traditionellen Rhythmen von Arbeit und Ruhe, die in der orthodoxen Tradition durch den liturgischen Kalender geheiligt werden, gehen zunehmend verloren.
Der Verlust traditioneller Sicherheiten verstärkt das Gefühl existenzieller Unsicherheit. Familienstrukturen verändern sich, berufliche Laufbahnen werden unstetiger, gesellschaftliche Werte pluralistischer. Für die armenische Diasporagemeinde kommt die Herausforderung hinzu, die eigene kulturelle und religiöse Identität in einer säkularen Umgebung zu bewahren.
Die Individualisierung der Gesellschaft überträgt mehr Verantwortung auf den Einzelnen. Während traditionelle Gemeinschaften oft kollektive Antworten auf Bedrohungen fanden, sind heute viele Menschen mit ihren Ängsten allein. Der kulturelle Druck, erfolgreich, gesund und glücklich zu sein, führt paradoxerweise oft zu größeren Versagensängsten.
Diese Faktoren bilden den Hintergrund, vor dem wir unsere persönlichen und gemeinschaftlichen Ängste verstehen und bewältigen müssen.
Die Weisheit der armenisch-orthodoxen Tradition
Die armenisch-orthodoxe Tradition bietet tiefe Einsichten zum Umgang mit Angst, die in unserer Zeit besondere Relevanz gewinnen. Diese Weisheit ist verwurzelt in der theologischen Tradition, der liturgischen Praxis und der spirituellen Erfahrung der Kirche.
Im Zentrum steht das Verständnis der Angst als Folge der Entfremdung von Gott. Die biblische Erzählung vom Sündenfall beschreibt, wie Adam und Eva sich nach ihrem Ungehorsam vor Gott verstecken – die erste Erwähnung von Angst in der Heiligen Schrift. Diese Urangst entsteht aus dem Bewusstsein der Trennung von der Quelle des Lebens. Die Erlösungstat Christi zielt darauf, diese grundlegende Entfremdung zu überwinden und den Menschen zurück in die Gemeinschaft mit Gott zu führen.
Die armenische Liturgie bietet einen rituellen Raum, in dem Ängste ausgedrückt und transformiert werden können. Die Badarak (Göttliche Liturgie) führt die Gläubigen von der Buße zur Freude, von der Dunkelheit zum Licht. Besonders in der armenischen Tradition des „Chorurd chorin“ (Geheimnis der Tiefe) – eines meditativen Gesangs, der die Inkarnation Christi feiert – wird die göttliche Antwort auf die menschliche Angst erfahrbar.
Die Heiligen der armenischen Kirche verkörpern einen Weg des Mutes inmitten extremer Bedrohungen. Der heilige Gregor der Erleuchter, der trotz Verfolgung das Evangelium nach Armenien brachte, die heiligen Übersetzer, die die Schrift trotz politischer Widerstände ins Armenische übertrugen, und die Märtyrer des Völkermords zeigen, wie der Glaube selbst angesichts größter Ängste bestehen kann. Ihre Geschichten sind nicht nur historische Erinnerungen, sondern lebendige Vorbilder für unsere eigenen Herausforderungen.
Die asketische Praxis der orthodoxen Tradition bietet konkrete Werkzeuge im Umgang mit Angst. Die Kirchenväter entwickelten differenzierte Methoden der „Gedankenwache“ (nepsis), um angstvolle Gedanken zu erkennen und zu transformieren. Das Jesusgebet – die wiederholte Anrufung „Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner“ – harmonisiert Atem und Gebet und wirkt beruhigend auf das Nervensystem. Regelmäßiges Fasten lehrt uns, unangenehme körperliche Empfindungen auszuhalten und dadurch auch mit den körperlichen Aspekten der Angst besser umzugehen.
Die Fastenzeit als Schule des Vertrauens
Die Große Fastenzeit bietet einen strukturierten Rahmen, um unseren Umgang mit Angst zu transformieren. Sie ist eine Zeit der inneren Reinigung, in der wir unsere Abhängigkeiten und falschen Sicherheiten loslassen, um ein tieferes Vertrauen zu entwickeln.
Der Beginn der Fastenzeit mit der Vergebungsvesper adressiert eine grundlegende Quelle der Angst: die Angst vor Ablehnung und Verurteilung. Indem wir einander um Vergebung bitten und sie gewähren, werden Beziehungen geheilt und das soziale Netz gestärkt, das uns in Zeiten der Angst trägt.
Die intensivierte Gebetspraxis während der Fastenzeit schafft Raum für die Begegnung mit unseren Ängsten in Gottes Gegenwart. In der armenischen Tradition sind besonders die Gebete des heiligen Gregor von Narek bedeutsam, die mit großer psychologischer Tiefe die menschlichen Abgründe der Angst, Scham und Verzweiflung ausdrücken. Das gemeinsame Rezitieren dieser Gebete in der Fastenzeit ermöglicht es, eigene, oft unbewusste Ängste zu artikulieren und vor Gott zu bringen.
Die fastenzeitliche Praxis des Verzichts hilft uns, mit Unsicherheit und Unbehagen umzugehen. Wenn wir bewusst auf Nahrungsmittel, Unterhaltung oder andere Gewohnheiten verzichten, trainieren wir unsere Fähigkeit, unangenehme Gefühle auszuhalten, ohne sofort nach Ablenkung oder Betäubung zu suchen. Dies stärkt die psychische Widerstandskraft (Resilienz), die auch im Umgang mit Angst entscheidend ist.
Die liturgischen Besonderheiten der armenischen Fastenzeit bieten kraftvolle symbolische Handlungen, die Ängste transformieren können. Das Verhüllen und spätere Enthüllen der Altarkreuze symbolisiert den Weg durch Dunkelheit zum Licht. Die Liturgie des heiligen Gregor des Erleuchters, die in der Fastenzeit gefeiert wird, erinnert an seine Gefangenschaft in der Grube und seine wundersame Befreiung – ein Sinnbild für den Weg aus der Angst in die Freiheit.
Die Fastenzeit kulminiert in der Karwoche, in der wir das Leiden Christi begleiten. In der orthodoxen Tradition wird Christus nicht als jemand gesehen, der keine Angst kennt, sondern als einer, der sie durchlebt und überwindet. Sein Gebet in Gethsemane zeigt die Tiefe seiner menschlichen Angst, und sein Gehorsam bis zum Kreuz offenbart den Weg ihrer Überwindung. In dieser Perspektive wird Angst nicht verleugnet oder unterdrückt, sondern durchschritten im Vertrauen auf Gottes größere Wirklichkeit.
Zwischen klinischer und geistlicher Begleitung
Der Umgang mit Angst erfordert oft sowohl therapeutische als auch seelsorgerische Unterstützung. Die moderne Psychologie und die orthodoxe Spiritualität bieten komplementäre Ansätze, die sich gegenseitig bereichern können.
Die klinische Psychologie hat wirksame Methoden zur Behandlung von Angststörungen entwickelt. Kognitive Verhaltenstherapie hilft, angstauslösende Gedankenmuster zu erkennen und zu verändern. Expositionsverfahren ermöglichen es, sich gefürchteten Situationen schrittweise zu stellen und neue Erfahrungen zu machen. Bei schweren Angststörungen können Medikamente notwendig sein, um das neurologische Gleichgewicht wiederherzustellen.
Die orthodoxe Seelsorge ergänzt diese Ansätze durch ihre spezifische Perspektive. Sie betrachtet Angst nicht nur als psychologisches, sondern auch als geistliches Phänomen. Die Beichte bietet einen geschützten Raum, um tiefsitzende Ängste auszusprechen und göttliche Vergebung zu erfahren. Das Sakrament der Krankensalbung spricht den ganzen Menschen an – Körper, Seele und Geist. Die geistliche Begleitung durch einen erfahrenen Seelsorger kann helfen, in Zeiten der Angst die größere Perspektive des Glaubens nicht aus dem Blick zu verlieren.
In unserer Gemeinde ist es wichtig, beide Dimensionen anzuerkennen. Ein armenisch-orthodoxer Priester in der Diaspora beschreibt diesen integrativen Ansatz: „Wenn jemand unter schweren Ängsten leidet, weise ich ihn sowohl auf die Sakramente der Kirche als auch auf professionelle therapeutische Hilfe hin. Der Heilige Geist wirkt durch beide Wege. Die Gnade hebt die Natur nicht auf, sondern vollendet sie.“
Besonders in der Diaspora, wo Menschen oft zwischen verschiedenen kulturellen und religiösen Identitäten navigieren, können Ängste komplexe Ursachen haben, die sowohl psychologische als auch spirituelle Aufmerksamkeit erfordern.
Praktische Wege durch die Angst: Für den Einzelnen
Für Menschen, die mit Ängsten kämpfen, bietet die Fastenzeit besondere Gelegenheiten, neue Wege zu beschreiten. Einige praktische Ansätze haben sich als hilfreich erwiesen:
Die bewusste Auseinandersetzung mit der eigenen Angst ist der erste Schritt. Oft versuchen wir, Ängste zu vermeiden oder zu unterdrücken, was sie paradoxerweise verstärkt. Das ehrliche Eingeständnis „Ich habe Angst“ vor sich selbst und vor Gott öffnet den Raum für Veränderung. Ein Gebetstagebuch, in dem Ängste konkret benannt und vor Gott gebracht werden, kann ein wertvolles Werkzeug sein.
Die Einbettung in die liturgische Gemeinschaft bietet emotionale und spirituelle Unterstützung. Die regelmäßige Teilnahme an der Badarak, besonders während der Fastenzeit, schafft einen Rhythmus, der über die individuellen Ängste hinausweist. Das gemeinsame Bekenntnis, die geteilten Gebete und der Empfang der Kommunion stärken das Bewusstsein, Teil einer größeren Gemeinschaft zu sein, die durch die Geschichte hindurch Ängste überwunden hat.
Die Verbindung zu den Heiligen, besonders zu den armenischen Märtyrern, kann eine Quelle der Kraft sein. Die Geschichten ihres Mutes inmitten extremer Bedrohungen zeigen, dass der Glaube selbst unter furchtbarsten Umständen bestehen kann. Die Betrachtung ihrer Ikonen und das Gebet um ihre Fürbitte schaffen eine Verbindung zu ihrem Zeugnis, das durch die Jahrhunderte hindurch leuchtet.
Die Praxis der Achtsamkeit, verwurzelt im orthodoxen Verständnis der „Wachsamkeit des Herzens“, hilft, Angst nicht mit der eigenen Identität zu verwechseln. Indem wir angstvolle Gedanken als vorübergehende mentale Ereignisse betrachten, gewinnen wir inneren Abstand zu ihnen. Das Jesusgebet, rhythmisch mit dem Atem verbunden, kann diese achtsame Haltung fördern und das überaktive Nervensystem beruhigen.
Die bewusste Gestaltung der Informationsaufnahme ist in einer Zeit der medialen Überflutung besonders wichtig. Eine „digitale Fastenzeit“ – die bewusste Einschränkung des Konsums von Nachrichten und sozialen Medien – kann helfen, die ständige Aktivierung des Angstsystems zu reduzieren. Stattdessen kann die Zeit für Gebet, Lektüre der Kirchenväter oder Gespräche mit Gemeindemitgliedern genutzt werden.
Die körperliche Dimension sollte nicht vernachlässigt werden. Regelmäßige Bewegung, ausreichend Schlaf und eine ausgewogene Ernährung – auch innerhalb der Fastenregeln – unterstützen die neurobiologischen Grundlagen emotionaler Stabilität. Die orthodoxe Tradition versteht den Körper als Tempel des Heiligen Geistes; für ihn zu sorgen ist daher Teil unserer geistlichen Verantwortung.
Die Gemeinde als mutiger Raum: Gemeinschaftliche Ansätze
Die armenisch-orthodoxe Diasporagemeinde kann ein Ort werden, an dem Ängste gemeinsam getragen und überwunden werden. Folgende Ansätze können dazu beitragen:
Die Schaffung einer Kultur der Offenheit, in der über Ängste gesprochen werden kann, ohne Scham oder Verurteilung zu erfahren. Dies beginnt bei der Verkündigung, die das Thema Angst nicht ausspart, sondern theologisch reflektiert und mit der Erfahrung der Gemeinde verbindet. Gesprächskreise während der Fastenzeit können Räume bieten, in denen Gemeindemitglieder ihre Ängste teilen und gemeinsam im Licht des Glaubens betrachten können.
Die generationenübergreifende Weitergabe von Resilienz ist besonders in der armenischen Gemeinde von Bedeutung. Die ältere Generation, die oft durch die Erfahrung von Flucht, Vertreibung und Neuanfang geprägt ist, kann ihre Strategien im Umgang mit existenziellen Ängsten an jüngere Generationen weitergeben. Intergenerationale Projekte, in denen Lebensgeschichten geteilt werden, stärken diesen Wissenstransfer.
Die Verbindung von kultureller Identität und religiösem Glauben kann ein Schutzfaktor gegen Angst sein. Für viele Diasporaarmenier ist der orthodoxe Glaube eng mit ihrer kulturellen Identität verwoben. Die Pflege armenischer Traditionen, Sprache und Kunst innerhalb des kirchlichen Rahmens stärkt das Gefühl der Zugehörigkeit und Kontinuität, das der existenziellen Angst entgegenwirkt.
Konkrete Hilfeleistungen in Angstsituationen sind ein praktischer Ausdruck christlicher Nächstenliebe. Die Gemeinde kann Unterstützungsnetzwerke für Menschen in Krisen aufbauen – sei es bei Krankheit, Arbeitslosigkeit, aufenthaltsrechtlichen Problemen oder familiären Konflikten. Praktische Hilfe reduziert reale Bedrohungen und zeigt die Solidarität der Gemeinschaft.
Die ökumenische und interreligiöse Zusammenarbeit erweitert den Horizont der Gemeinde. In einer Zeit, in der Ängste oft durch Abgrenzung und Feindbilder verstärkt werden, kann der Dialog mit anderen christlichen Konfessionen und Religionen Vorurteile abbauen und das Bewusstsein für die gemeinsame Menschlichkeit stärken.
Angst und Glauben: Eine theologische Betrachtung
In der theologischen Reflexion der armenisch-orthodoxen Tradition wird Angst nicht einfach als Gegensatz zum Glauben gesehen, sondern als Teil des Weges zum tieferen Vertrauen. Diese nuancierte Sichtweise hilft, mit den eigenen Ängsten barmherziger umzugehen.
Die biblische Perspektive zeigt, dass Glaubenshelden oft mit Angst kämpften. Abraham, Mose, Elia, die Propheten und selbst die Apostel erlebten Momente der Furcht und des Zweifels. Jesus selbst erlebte in Gethsemane tiefe Angst. Der Glaube überwindet die Angst nicht durch ihre Abwesenheit, sondern durch die Gewissheit, dass Gottes Gegenwart größer ist als alles, was wir fürchten.
Die armenische Theologie des Kreuzes bietet einen besonderen Zugang zum Verständnis von Leid und Angst. Das Kreuz wird nicht nur als Instrument der Erlösung, sondern auch als Zeichen der göttlichen Solidarität mit menschlicher Angst und menschlichem Leid verstanden. Die Kreuzreliquie in Etschmiadsin symbolisiert diese zentrale theologische Einsicht: Gott selbst ist in unsere Ängste hinabgestiegen, um sie von innen her zu transformieren.
Die Auferstehungshoffnung bildet den Horizont, vor dem alle menschlichen Ängste relativiert werden. In der orthodoxen Tradition wird die Auferstehung nicht nur als historisches Ereignis, sondern als kosmische Realität verstanden, die bereits jetzt in das Leben der Gläubigen hineinwirkt. Das armenische Osterfest mit seinem reichen symbolischen Ausdruck – vom Licht der Osterkerzen bis zum Färben der Eier – feiert diesen Sieg des Lebens über alles, was uns Angst macht.
Die eschatologische Perspektive der armenischen Liturgie weist über alle zeitlichen Ängste hinaus. In der Badarak wird die irdische Gemeinschaft in die himmlische Liturgie hineingenommen, in der Engel und Menschen gemeinsam Gott lobpreisen. Diese Erfahrung der Teilhabe am Ewigen inmitten der Zeit relativiert die Ängste, die an zeitliche Begrenzungen gebunden sind.
Von der Angst zum Vertrauen: Der Weg durch die Fastenzeit
Die Große Fastenzeit führt uns auf Ostern zu – das Fest, an dem wir feiern, dass die Liebe stärker ist als der Tod und damit stärker als alles, was uns Angst machen kann. Dieser Weg lässt sich als Bewegung von der Angst zum Vertrauen verstehen:
In der ersten Phase der Fastenzeit begegnen wir unseren Ängsten ehrlich vor Gott. Die liturgischen Texte dieser Zeit, besonders die Lesungen aus dem Buch Genesis, konfrontieren uns mit der menschlichen Gebrochenheit und Angst seit dem Sündenfall. Diese Konfrontation ist schmerzhaft, aber heilsam – nur was benannt wird, kann transformiert werden.
In der mittleren Phase der Fastenzeit vollzieht sich ein Prozess der Reinigung und Umkehr. Die Ängste werden nicht einfach beseitigt, sondern in das Licht Gottes gestellt. In der armenischen Tradition spielt dabei die Mittwochsliturgie eine besondere Rolle, in der um Erleuchtung und innere Reinigung gebetet wird. Dies entspricht dem psychologischen Prozess, in dem unbewusste Ängste ins Bewusstsein gehoben werden müssen, bevor sie verarbeitet werden können.
In der dritten Phase, die auf die Karwoche und Ostern zuführt, wächst das Vertrauen in Gottes erlösende Gegenwart. Die liturgischen Lesungen wenden sich zunehmend der Verheißung zu, die in Christus erfüllt ist. Besonders eindrücklich ist in der armenischen Tradition der Übergang von der Dunkelheit des Karfreitags zum Licht der Ostervigil – ein ritueller Ausdruck des Weges aus der Angst in die Hoffnung.
Diese Bewegung vollzieht sich nicht linear, sondern spiralförmig. Wir durchlaufen sie immer wieder, in jeder Fastenzeit, in jedem Gottesdienst, in jedem Gebet. Mit jeder Wiederholung kann das Vertrauen tiefer wurzeln und die Angst mehr von ihrer Macht verlieren. Die Fastenzeit ist somit eine jährliche Gelegenheit, diesen Weg bewusst zu gehen und dabei zu erfahren, dass Gottes Zusage „Fürchte dich nicht“ keine leere Vertröstung ist, sondern sich in der gelebten Erfahrung der Gläubigen bewahrheitet.
Gebet in Zeiten der Angst
Christus, der du im Garten Gethsemane gezittert
und die Tiefe menschlicher Angst erfahren hast,
sieh uns an in unseren Ängsten.
Wenn wir uns sorgen um unsere Zukunft,
erinnere uns daran, dass du der Herr der Zeit bist.
Wenn wir uns fürchten vor Krankheit und Verlust,
schenke uns die Gewissheit deiner heilenden Gegenwart.
Wenn wir ängstlich sind vor Ablehnung und Versagen,
lass uns ruhen in deiner bedingungslosen Liebe.
In der Finsternis dieser Fastenzeit
führe uns wie einst das Volk Israel durch die Wüste,
mit der Feuersäule deiner Gegenwart vor uns
und dem Schutz deiner Treue um uns.
Stärke unsere armenisch-orthodoxe Gemeinde,
damit wir einander beistehen in Zeiten der Angst,
ein Abbild deiner Liebe in dieser unruhigen Welt,
ein Zeugnis der Hoffnung inmitten der Furcht.
Führe uns durch die Dunkelheit des Karfreitags
zum strahlenden Licht der Auferstehung,
wo alle Angst überwunden ist
in der Gewissheit deines Sieges.
Amen.
Reflexionsfrage: Welche spezifische Angst belastet mich in dieser Fastenzeit am meisten, und welchen konkreten Schritt könnte ich wagen, um ihr im Vertrauen auf Gottes Gegenwart zu begegnen?
Infokasten: Umgang mit Angst
- Spirituelle Ressourcen in unserer Gemeinde:
- Tägliche Abendgebete während der Fastenzeit
- Beichtgelegenheit nach Vereinbarung
- Gespräch mit dem Priester (Kontakt: siehe Gemeindewebsite)
- Gesprächskreis „Glaube und Lebensfragen“ (dienstags, 19 Uhr)
- Fachliche Hilfe bei Angststörungen:
- Hausarzt als erste Anlaufstelle
- Psychotherapeutische Ambulanzen (auch mit muttersprachlichen Angeboten)
- Telefonseelsorge: 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 (kostenlos)
- Bei akuten Krisen: Psychiatrischer Notdienst oder 112
- Literaturempfehlungen:
- „Das Buch der Klagen“ von Gregor von Narek (deutsche Übersetzung)
- „Die Philokalie“ – Texte der Kirchenväter zum geistlichen Leben
- „Angst verstehen und verwandeln“ – Eine orthodoxe Perspektive
„Die Furcht des Herrn ist der Anfang der Weisheit“ (Sprüche 9,10) – Die gesunde Gottesfurcht ist nicht zu verwechseln mit neurotischer Angst. Sie ist vielmehr der Anfang ihrer Überwindung, indem sie uns zu einem Leben in Ehrfurcht und Vertrauen führt.