Pfingsten in den armenischen Sharakans
Ein theologischer Essay
von Pfr. Dr. Diradur Sardaryan
Wer die armenischen Pfingst-Sharakans zum ersten Mal liest, begegnet einer Sprache, die sich der üblichen Kategorie frommer Festdichtung entzieht. Diese Hymnen sind keine erbauliche Umrahmung des Festes. Sie sind das Fest selbst, in musikalische Lyrik gegossene Theologie, die nicht erklärt, sondern vollzieht, was sie besingt. Acht Töne, über die Pfingstwoche verteilt, entfalten in Bild, Anruf und dogmatischer Präzision eine Pneumatologie, die an Tiefe den großen kappadokischen Lehrern des vierten Jahrhunderts nichts schuldig bleibt. Wer diese Texte betet, denkt, und wer sie durchdenkt, wird unweigerlich zum Beten eingeladen.
Wer kommt da eigentlich?
Die erste und grundlegendste Frage, die alle Sharakans gemeinsam stellen und beantworten, ist die nach der Identität des Heiligen Geistes. Die Antwort ist eindeutig und wird mit variierten Formulierungen in allen acht Tönen wiederholt: Der Heiliger Geist ist wahrer Gott. Nicht ein göttlicher Bote, nicht eine Kraft aus Gott, nicht ein Wirkungsfeld des Vaters, sondern Gott selbst, wesensgleich, ungeschaffen, ohne Anfang und ohne Ende.
Der erste Kanon beginnt mit der Nennung des Geistes als „ewig mit dem Vater rangierend und gezählt“, der achte schließt: „Der Heilige Geist war immer, ist und wird immer sein. Er hatte keinen Anfang und wird kein Ende haben.“ Zwischen diesen Polen entfalten die Hymnen die vollständige Trinität: Vater als Ursprung ohne Ursprung, Sohn als zeitlos Gezeugter, Geist als ewig vom Vater Hervorgehender. Die terminologische Distinktion – nicht gezeugt, sondern hervorgegangen – wird dabei gewahrt. Der Heilige Geist geht vom Gott Vater aus. Die armenische Kirche hält hier die östliche Position, und die Hymnen tragen diese Entscheidung liturgisch weiter.
Was diese Wesensgleichheitspneumatologie im hymnischen Kontext bedeutet, ist mehr als dogmatische Korrektheit: Wenn der Geist, der in das Obergemach herabkommt, derselbe ist, der über den Wassern der Schöpfung schwebte, dann ist Pfingsten kein Anhang zur Christologie, sondern das Ereignis, in dem die Trinität sich der Welt endgültig öffnet. Deshalb ist gerade Pfingsten in der armenischen, aber auch in der ostkirchlichen, Tradition, das Fest der Heilgien Dreifaltigkeit.
II. Die neue Schöpfung
Der stärkste theologische Zug dieser Sharakans ist ihre konsequente Verbindung von Pfingsten mit der Schöpfungstheologie. Der zweite Ton formuliert es mit einer besonderen Klarheit:
„Du, der du über den Wassern schwebtest und die Geschöpfe erschufst, so schwebst du auch über den Wassern der Taufquelle, damit wir gesegnet werden durch den, der deines Wesens ist.“
Der fünfte Ton führt den Gedanken weiter:
„Du, der du über den Wassern schwebtest, hast die Geschöpfe erschaffen. Indem du in die Wasser der Taufquelle herabsteigst, bringst du Kinder Gottes hervor.“
Pfingsten ist demnach keine singuläre historische Episode, sondern die Vollendung dessen, was mit dem ersten Schöpfungsakt begann. Derselbe Geist, der am Anfang schöpferisch wirkte, wirkt jetzt wiedergebärend: Aus biologischem Leben wird geistliches Leben, aus Adamssöhnen werden Söhne des Lichts. Die Sharakans des vierten Tons sprechen von der Erlösung der Menschheit mit einer Wendung, die diesen Zusammenhang verdichtet: „Die traurigen und nächtlichen Geburtsschmerzen der Stammmutter wurden heute gelöst, denn die im Fleisch zur Vergänglichkeit Geborenen wurden vom Geist als Söhne des Lichts wiedergeboren.“
Das Taufwasser als Ort dieser neuen Schöpfung verbindet Pfingsten theologisch strukturell mit der Taufe. Pfingsten ist nicht nur das Fest der Kirche, es ist die Offenbarung des Grundes, warum Taufe wirkt: weil der Geist nicht aufgehört hat, über den Wassern zu schweben.
III. Die Umkehrung von Babel
Einer der eindrücklichsten Gedanken der Sharakans ist die typologische Gegenüberstellung von Babel und Pfingsten. Der vierte Kanon spricht es aus:
„Der durch die Spaltung der Sprachen diejenigen zerstreute, die vereint am Turm standen, hat heute im heiligen Obergemach die gespaltenen Zungen der Völker wieder vereint.“
Das ist keine rhetorische Antithese. Sie enthält eine theologische Aussage über das Wesen der Einheit, die der Geist schafft. Babel scheiterte an Hybris, der Versuch, durch Gleichförmigkeit in die Höhe zu gelangen. Die Strafe war Zerstreuung durch Sprachverwirrung. Pfingsten kehrt dies um, aber nicht durch Rückkehr zur Einsprachigkeit. Die Sprachen bleiben, sie werden nur durchlässig füreinander. Der Geist schafft keine uniformierte Gemeinschaft, sondern eine Gemeinschaft des gegenseitigen Verstehens in Verschiedenheit.
Für die Ekklesiologie ist das folgenreich: Die Kirche, die in diesem Moment entsteht, ist von Anfang an vielsprachig, vielkulturell und das ist kein Mangel, der überwunden werden muss, sondern das Zeichen, dass der Geist am Werk ist.
IV. Die Kirche als Geistereignis
Die Sharakans beschreiben die Entstehung der Kirche nicht als organisatorischen Vorgang, sondern als pneumatisches Ereignis. Der zweite Ton formuliert es in einer Sprache, die trinitarische Theologie und mystische Liebesmetaphorik verbindet:
„Liebe, geboren aus Liebe, sandte dich, der du Liebe bist, damit er durch dich seine eigenen Glieder mit sich vereine, seine Kirche, die er baute, errichtet auf deinen sieben Säulen.“
Die sieben Säulen verweisen auf die sieben Gaben des Geistes nach Jesaja 11. Die Kirche ist demnach nicht primär durch Hierarchie strukturiert, sondern durch pneumatische Begabung. Der erste Kanon sagt kürzer: „Du kamst an diesem Tag, um deine Kirche zu gründen.“ Das Obergemach ist der Geburtsort der Kirche, nicht als Institution, sondern als betende, wartende, empfangsbereite Gemeinschaft.
Diese ekklesiologische Perspektive hat auch ethische Konsequenzen. Wenn die Kirche ein Geistereignis ist, dann ist ihre Autorität pneumatisch begründet, nicht juristisch abgesichert. Und wenn der Geist Gaben verteilt, wie er will, so der achte Ton wörtlich, dann kann keine kirchliche Struktur, die nicht in Verbindung mit dem Heiligen Geist steht, den Geist auf ihre Bedürfnisse hin domestizieren.
V. Die prophetische Kontinuität
Die Sharakans entfalten eine konsequent typologische Schrifthermeneutik. Pentecoste ist nicht Bruch mit dem Alten Bund, sondern dessen tiefste Erfüllung. Joel hatte die Geistausgießung verheißen, Pfingsten ist ihre Einlösung. Jesaja hatte gesagt: „Der Geist des Herrn ist auf mir“, Christus lebte es, der Geist setzte es fort. Bezalel wurde mit dem Geist erfüllt, um den Tempel zu bauen, jetzt baut der Geist aus Menschen den lebendigen Tempel der Dreifaltigkeit.
Der vierte Ton entfaltet diesen Gedanken besonders schön:
„Der Geist des Herrn, der Bezalel erfüllte, den Baumeister des Tempels, baut heute Menschen zu Tempeln der Dreifaltigkeit.“
Das ist mehr als eine Bildübertragung. Es ist die theologische Aussage, dass der Tempel nicht das Ziel der Schöpfungsgeschichte war, sondern deren Vorwegnahme. Das eigentliche Ziel ist der Mensch als Wohnort Gottes. Pfingsten vollendet also das, was Sinai begann.
VI. Trunkenheit als theologische Kategorie
Es gibt in diesen Hymnen ein Motiv, das auf den ersten Blick befremdet, bei näherem Hinsehen aber zu den theologisch gewichtigsten gehört: die heilige Trunkenheit. Der fünfte Ton spricht vom Felsen des Glaubens, der „trunken vom unsterblichen Kelch, ihn heute den Durstigen reichte“. Der dritte Ton singt: „Du hast die Seelen deiner heiligen Apostel mit dem himmlischen Wein der Weisheit berauscht.“
Die theia methé – die göttliche Trunkenheit – ist kein armenisches Kuriosum. Sie begegnet bereits bei Philo von Alexandria und wird von den Kirchenvätern, besonders Ambrosius und Gregor von Nyssa, als Metapher für den mystischen Zustand verwendet, in dem der menschliche Geist von Gott überwältigt wird, ohne aufzuhören, Geist zu sein. Es ist das Gegenteil von Kontrollverlust: Es ist die Erfahrung, dass die eigene Erkenntnis von einer größeren Erkenntnis durchdrungen wird.
In den Sharakans beschreibt dieses Motiv das Pfingstereignis als nicht primär institutionellen, sondern mystischen Akt. Die Apostel empfangen nicht zuerst eine Aufgabe, sondern eine Erfahrung, und aus dieser Erfahrung erwächst die Kraft zur Aufgabe.
VII. Der Geist Gottes als absolutes Gut
Der letzte Kanon der Reihe, der achte Ton, enthält den dogmatisch dichtesten Abschnitt. Er klingt wie eine hymnische Zusammenfassung kappadokischer Theologie über den Heiligen Geist:
„Leben und Lebensspender, Licht und Lichtspender, absolutes Gut, Quelle der Güte; der rechtleitende Geist, in Ewigkeit gesegnet.“
Der Geist ist hier nicht funktional beschrieben (was er tut), sondern ontologisch (was er ist). Er ist nicht Mittel zum Zweck, nicht Kraft, die Gutes bewirkt, nicht göttliche Energie. Er ist das Leben selbst, das Licht selbst, das Gute selbst. Die mystische Tradition würde sagen: Er ist nicht bonum, er ist ipsum esse bonum. Das ist keine Übertreibung hymnischer Sprache, sondern eine präzise Theologie in dichterischer Form.
Zum Schluss
Die armenischen Pfingst-Sharakans sind ein theologisches Dokument ersten Ranges. Sie verbinden nizäno-konstantinopolitanische Wesensgleichheitspneumatologie mit kappadokischer Mystik, schöpfungstheologischer Tiefe und ekklesiologischer Klarheit, und das in einer poetischen Sprache, die nicht vereinfacht, sondern verdichtet. Pfingsten ist in diesen Hymnen kein Jahresfest unter anderen. Es ist das Fest, in dem die Trinität sich der Welt als Einheit in Verschiedenheit erschließt, die Schöpfung zu ihrer eigentlichen Bestimmung findet, Babel überwunden und die Kirche als Geistereignis sichtbar wird.
Wer diese Hymnen singt, vollzieht Theologie in der Tradition der armenischen und der ostkirchlichen Kirchenväter.
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